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Anti-Aging: Länger jung durch Hormone?

Ein hartnäckiger Mythos besagt: Hormone sollen im Alter Schönheit, Kraft und Gesundheit ­­erhalten. Allerdings ist das ein fragwürdiges Versprechen, für das es keine Belege gibt. Wann Hormone trotzdem nötig sind

von Kai Kupferschmidt, 29.10.2019
Composing aus Laufen, Yoga, Hantel-Training, Gymnastik und Fitness

Umstrittener Ersatz: Die Gabe von Östrogenen in den Wechseljahren sollte eine gut überlegte und besprochene Entscheidung sein


Cornelia Jaursch-Hancke arbeitet seit 28 Jahren als Endokrinologin, als Expertin für das Hormonsystem des Menschen. Viele ihrer Patienten leiden unter Diabetes oder anderen hormonell bedingten Erkrankungen. Doch inzwischen wird die Ärztin fast täglich von gesunden Menschen aufgesucht. Sie haben immer die gleiche Frage: Wie bleibe ich jung und fit? Was kann ich mit Hormonen dafür tun?

Hormone sind Botenstoffe, die im Körper zahllose Funktionen erfüllen. Sie be­einflussen unsere Sexualität und unsere Fruchtbarkeit, sie regeln, wann wir wach oder müde sind, hungrig oder satt. Einige der Substanzen hat die Anti-Aging- Szene für sich entdeckt.

Forever young?!

Bücher berichten, die Botenstoffe würden die Leistung von Körper und Geist steigern. Private Praxen werben für die Hormon­therapie als Garant glücklichen Alterns. "In den ersten Jahren meiner Tätigkeit gab es das Wort Anti-Aging gar nicht", sagt Dr. Jaursch-Hancke, die an der DKD-­ Helios-Klinik in Wiesbaden den Fachbereich Endokrinologie leitet.

Die Logik hinter den heute kursierenden Jungbrunnen-Versprechen ist simpel: Einige Hormone schüttet der Körper mit dem Alter in geringerem Umfang aus. So reduziert sich bei Frauen in den Wechseljahren die Menge an Östrogen und Progesteron, die von den Eierstöcken produziert werden.

Und auch der Testosteronspiegel bei Männern kann mit der Zeit sinken. Einige Mediziner sprechen inzwischen von den Wechseljahren des Mannes. Der Begriff ist allerdings umstritten, weil viele Männer keinen starken Rückgang innerhalb weniger Jahre erleben. "Bei den meisten bleibt das Testosteron bis ins hohe Alter gleich", sagt Jaursch-Hancke.

Das Märchen vom hormonellen Jungbrunnen

Inspiriert von den natürlichen Vorgängen im Körper, entstand irgendwann die Idee: Wer den Hormonspiegel der Jugend aufrechterhält, kann vielleicht das Altern stoppen. In einigen Fällen ist eine Hormontherapie aus medizinischen Gründen auch tatsächlich sinnvoll, mitunter sogar unverzichtbar, sagen Experten (siehe Kasten).

Doch wo Botenstoffe das Altern verzögern sollen, sind sie fast immer sinnlos und manchmal schädlich. Besonders häufig nutzen Männer Testosteron. Eine britische Studie stellte nahezu eine Verdoppelung verschriebener Testosteron-Präparate innerhalb von zehn Jahren fest.

Hormone als Medizin

Frauen, deren Eierstöcke entfernt wurden – zum Beispiel wegen einer Krebserkrankung –, brauchen mindestens bis zum Alter von 50 Jahren eine Hormonersatz­therapie. Sonst würden Knochen, Muskeln und Haut leiden. Frauen mit der Autoimmunkrankheit ­Morbus Addison benötigen Dehydroepiandro­­steron (DHEA).

In den Wechseljahren sind Ersatzhormone bei erheblichen ­­Beschwerden wie Hitzewallungen oder Gelenkschmerzen angezeigt. Wer ein erhöhtes Risiko für ­Thrombosen hat oder raucht, sollte möglichst darauf verzichten.

Bei Männern sind Ersatzhormone vor allem sinnvoll, wenn es einen wirklichen Mangel gibt, sagt der Endokrinologe Professor Sven Diederich aus Berlin. So haben manche einen angeborenen Mangel an Testosteron, etwa wenn sie mit einem zweiten X-Chromosom geboren wurden (Klinefelter-Syndrom). Auch Männer, die einen Hypophysentumor hatten oder einen Hoden verloren haben, benötigen das Hormon.

Auch in Deutschland nehmen die Zahlen zu, sagt Professor Sven Diederich. Er arbeitet als Endokrinologe in dem medizinischen Versorgungszentrum Medicover Berlin-Mitte MVZ und ist Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie. Auch zu ihm kommen häufig Männer, die das Sexualhormon nehmen wollen, berichtet er.

"Die sind 55 Jahre alt und müde und haben gelesen, wenn sie jetzt Testosteron nehmen, fühlen sie sich 20 Jahre jünger." Doch diese Wirkung ist nicht belegt. In einer großen Analyse, die 2016 im Fachblatt Endocrine Reviews erschien, fanden Forscher kaum positive Effekte.

Höheres Risiko für Schlaganfall und Herzinfarkt

Kraft, Gesundheit, Zufriedenheit? Nichts davon schien ein erhöhter Testosteronspiegel zu verbessern. Lediglich die Libido war bei den Männern, die das Sexualhormon nahmen, ein wenig stärker. Einiges deutet darauf hin, dass Testosteron auch schaden kann. Das zeigt eine dieses Jahr im American Journal of Medicine veröffentlichte Studie.

Forscher hatten die Daten von mehr als 15 000 Männern in Großbritannien ausgewertet, alle über 45 Jahre alt und alle mit niedrigem Testosteronspiegel. Bei den Probanden, die sich das Ge­schlecht­s­hormon spritzten, war in den ersten zwei Jahren der Therapie das ­Risiko höher, einen Herzinfarkt oder ­einen Schlaganfall zu erleiden.

Jaursch-Hancke hat in ihrer Klinik eigene Erfahrungen mit Testosteron als Therapie gemacht und erklärt, warum eine Hormongabe überlegt sein will: Der Botenstoff erhöht die Zahl der Zellen im Blut, sodass es dickflüssiger wird, leichter gerinnt und dann Gefäße ­verengen oder ganz verschließen kann. Aus diesem Grund steigt das Risiko für einen Herz- oder Hirninfarkt. "Das kann lebensgefährlich sein", warnt die Medizinerin.

Weniger Stress und Gewicht

Patienten, die Testosteron verschrieben haben wollen, empfiehlt Diederich zunächst, zehn Wochen lang Stress zu reduzieren oder ein wenig abzunehmen. Häufig seien die Ursachen des niedrigen Hormonspiegels damit bereits behoben, der Hälfte der Patienten sei damit geholfen.

Den anderen verschreibt der Arzt manchmal ein Testosteron-Gel für drei Monate, danach wird besprochen, ob sie sich besser fühlen. Häufig sei das nicht der Fall, und er setze das Hormon wieder ab. Im Zweifel sei er aber bereit, einen Patienten das Hormon nehmen zu lassen – wenn es ihm damit besser gehe. "Aber Dosierung und potenzielle Nebenwirkungen sollten ärztlich überwacht werden."

Stars der Anti-Aging-Szene

Auch Wachstumshormon zählt zu jenen vermeintlichen Wundermitteln, die in der Anti-Aging-Szene verehrt werden. Davon rät Diederich strikt ab. Wie bei den anderen Substanzen sind positive Effekte bislang kaum belegt. Statt­­dessen könne der Botenstoff mög­licherweise die Bildung von Krebs begünstigen. "Wenn Leute fragen, was sie ohne großes Risiko nehmen können, dann gehört Wachstumshormon sicher nicht dazu", betont der Hormonexperte.

Composing aus Mann beim Laufen, Yoga, Klimmzüge, Surfen und Motorrad fahren

Außerdem stehe bei Männern wie Frau­en seit einiger Zeit DHEA hoch im Kurs. Das Hormon wird von der Nebennierenrinde produziert, es ist ein Vorläufer von ­Testosteron und Östrogen. Weil es in den USA nicht als Arznei, sondern als Nahrungsergänzungsmittel zugelassen wurde, ist es leicht erhältlich.

DHEA wirke so schwach, dass es kaum Risiken und Nebenwirkungen berge, so Diederich. Aber eben auch keinen Nutzen. Das dafür ausgegebene Geld könne man sich also sparen.

Hormonschock 2002

Am besten ist die Gabe von Hormonen bei Frauen in den Wechseljahren wissenschaftlich untersucht. Und selbst da ist die Lage umstritten.

In den 90er-Jahren wurden Hormone breit eingesetzt. Die Therapie versprach nicht nur weniger Hitzewallungen, sondern auch straffere Haut, eine schlankere Taille, gesündere Knochen und weniger Demenz.

2002 dann der Schock: Eine große Untersuchung, die Women’s Health Initiative, wurde veröffentlicht. Die Studie zeigte: Teilnehmerinnen, die eine Hormon­therapie machten, erkrankten häufiger an Brustkrebs und erlitten mit größerer Wahrscheinlichkeit einen Schlag­anfall. Viele Frauen setzten die Hormone daraufhin ab.

Die Suche geht weiter

Seit damals wird die Studie ständig diskutiert, werden die Daten neu interpretiert. Heute setzt man Hormone wieder etwas großzügiger ein, berichtet Jaursch-Hancke – zumindest bei Frauen in den ersten Jahren nach der Menopause.

Mit Ausnahme von Patientinnen, die ein Thromboserisiko haben oder rauchen, sei die Hormongabe sicher. Leide eine Frau stark unter den Wechseljahren, überwögen die Vorteile eindeutig die Risiken.

"Man muss sich einfach viel Zeit nehmen, das individuell mit den Frauen zu besprechen", so die Ärztin. Eines aber können die Botenstoffe mit Sicherheit nicht: das Altern aufhalten. Hormone als Jungbrunnen stellen wohl nur eine weitere Episode dar bei der Suche nach dem ultimativen Anti-Aging-Mittel. Und die momentane Datenlage deutet an, dass diese Episode so erfolglos enden dürfte wie alle anderen.