Ein neues Leben mit implantiertem Defibrillator

Ohne Defibrillator hätte Fußballer Daniel Engelbrecht seine Karriere beenden müssen. Die Implantation schenkte ihm eine zweite Chance
von Christian Krumm, aktualisiert am 09.10.2015

Auf die rechte Brust hat er in lateinischer Sprache sein Lebensmotto tätowieren lassen, übersetzt: "Du erfährst erst, wie stark du bist, wenn Kämpfen deine letzte Chance ist." Darunter eine EKG-Kurve, die für Daniel Engelbrecht eine große Bedeutung hat: sein erster Herzschlag nach einer schweren OP. Im Dezember 2013 wurde dem Fußballer ein Defibrillator implantiert. Die Narbe auf der linken Brust erinnert ihn jeden Tag daran. Wie auch das Tattoo.

Die Ärzte rieten, mit dem Profisport Schluss zu machen

Alles beginnt am 20. Juli 2013. Gerade hat der damals 22-Jährige seinen Vertrag beim Drittligisten Stuttgarter Kickers unterzeichnet. In einem Spiel bricht Engelbrecht auf dem Platz ohnmächtig zusammen, kann sich aber aufrappeln. Einige Wochen später tritt das flaue Gefühl wieder auf, er lässt sich auswechseln. Im Krankenhaus erfährt er: Eine Herzmuskelentzündung hat sein Organ geschädigt. Hören Sie mit dem Profisport besser auf, raten die behandelnden Ärzte. Für Engelbrecht bricht eine Welt zusammen.

Als einzigen Ausweg sehen die Mediziner die Implantation eines sogenannten Cardioverter-Defibrillators (ICD). Das streichholzschachtelgroße Gerät soll unter dem linken Schlüsselbein, die daran angeschlossenen Elektroden in der rechten Herzkammer platziert werden. Zeit zum Überlegen braucht Daniel Engelbrecht nicht: "Wenn das die einzige Möglichkeit ist, dass ich wieder Fußball spielen kann, dann lasse ich es machen."

Zwar empfiehlt die Europäische Gesellschaft für Kardiologie ICD-Patienten, auf intensiven Sport zu verzichten. Eine Studie US-amerikanischer Wissenschaftler aus Seattle hat jüngst aber das Gegenteil bewiesen: Körperliches Training verbesserte sogar den gesundheitlichen Zustand der Teilnehmer – ohne ihre Sicherheit zu gefährden.

Schrittmacher und Defibrillator in einem

Allein 2012 wurden nach Angaben des Deutschen Herzschrittmacher-Registers bundesweit rund 30.000 solcher Defibrillatoren eingesetzt. Sie sind Schrittmacher und Defibrillator (also "Schockgeber") in einem: Schlägt das Herz zu langsam, gibt das Gerät leichte Impulse ab, um die Pumpleistung konstant zu halten. Bei einer gefährlichen Rhythmusstörung erhält das Organ über das Gerät einen kräftigen Stromstoß, sodass sich der Herzschlag normalisiert.

"Beim Kammerflattern oder -flimmern ziehen sich die Herzmuskelzellen völlig unkoordiniert zusammen und arbeiten gegeneinander statt im Takt", erklärt Professor Georg Ertl, Kardiologe am Universitätsklinikum Würzburg. Am häufigsten geschehe so etwas nach Herzinfarkten, aber auch ein langjähriger hoher Blutdruck könne auf Dauer zu einer entsprechenden Erkrankung führen. Seltener sind genetisch bedingte oder angeborene Störungen.

"Wenn das Herz mit jedem Schlag nur noch 35 Prozent Blut aus der Herzkammer auswirft, ist das ein Zeichen dafür, dass der Patient durch Kammerflimmern gefährdet ist", meint Ertl. Dann sei es sinnvoll, den Defi prophylaktisch einzupflanzen.

Elektroschock rettete sein Leben

Bei Daniel Engelbrecht war der Auslöser für seine Herzschwäche eine Entzündung, deren Ursache bis heute unbekannt ist. "Vielleicht war es eine verschleppte Grippe oder sonst etwas, das ich nicht bemerkt habe", sagt der gebürtige Kölner, der seit November 2014 wieder auf dem Fußballplatz steht. Ein speziell für ihn angefertigter Gurt schützt die Stelle, wo der Defi implantiert wurde.

Wie stark der Defibrillator im Ernstfall auslösen kann, hat Engelbrecht bereits am eigenen Leib erfahren. Weil eine Nachfolge-OP nur durchgeführt werden konnte, wenn akute Herzrhythmusstörungen vorliegen, hat er versucht, diese durch einen Treppenhaus-Sprint zu provozieren: "Plötzlich spürte ich, wie mir total schwindlig wurde. Ich sah schon mein Leben an mir vorüberziehen. Ein heftiger Schlag katapultierte mich mit voller Wucht an die Wand. Und ich hatte das Gefühl, als ob mein Körper innerlich verbrennt." Das sei das schlimmste Gefühl und der stärkste Schmerz gewesen, den er jemals erlebt habe. Doch genau dieser Elektroschock hat ihm vermutlich das Leben gerettet.

Lebensretter und Schutzengel in einem

"Der Defi reagiert nicht sofort auf schnellen Herzschlag", erläutert Kardiologe Ertl. "Er gibt zunächst nur leichte, kaum spürbare Impulse ab. Erst wenn das Herz dann weiterhin nicht richtig arbeitet und der Patient bereits kurz vor der Bewusstlosigkeit ist, löst das Gerät einen Elektroschock aus." Das könne durchaus auch zum seelischen Schock werden, meint der Experte. Bei den meisten Patienten trete eine solche Situation höchstens zwei- bis dreimal im Leben auf – wenn überhaupt. Etwa einmal im Quartal werden die gespeicherten Daten des Gerätes vom Arzt ausgelesen und für die weitere Behandlung interpretiert.

Daniel Engelbrecht kommt gut zurecht mit dem kleinen Lebensretter unter seinem linken Schlüsselbein. Inzwischen arbeitet er wieder an seiner Fußballerkarriere. "Mir hilft das tägliche Training dabei, die Situation zu verkraften. Weil ich merke, dass ich wieder leistungsfähig bin." Sein Verein, die Stuttgarter Kickers, habe ihn die ganze Zeit unterstützt und nicht fallen lassen. Dafür ist er dankbar. Angst vor einem erneuten, plötzlichen Elektroschock hat er zwar. Aber er weiß auch: Das Gerät ist sein Schutzengel.


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