Kann Ärger einen Herzinfarkt auslösen?

Jeder von uns hat mal einen Wutausbruch. Aber muss man tatsächlich fürchten, vor lauter Aufregung einen lebensbedrohlichen Herzanfall zu erleiden? Wir haben Professor Stephan Baldus gefragt

von Tanja Pöpperl, aktualisiert am 03.02.2016
Wütende Frau

Wutausbruch: Ärger kann das Herz-Kreislauf-System in Aufruhr versetzen


"Reg' dich nicht so auf, du kriegst ja noch einen Herzinfarkt!" Hat diese schnell dahin gesagte Redewendung eigentlich aus medizinischer Sicht einen wahren Kern? "Tatsächlich kann großer emotionaler Stress ein möglicher Trigger – also Auslöser – für einen Herzinfarkt sein", bestätigt Professor Stephan Baldus, Direktor des Herzzentrums der Uniklinik Köln. Das betrifft nicht nur Wut und Ärger. Jeder emotionale Ausnahmezustand von Lottogewinn bis Trauerfall versetzt das Herz-Kreislauf-System in Aufruhr. "In Studien zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 zeigte sich, dass die Infarktrate bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft signifikant anstieg", berichtet der Kardiologe.

Prof. Stephan Baldus

Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt. Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin treiben zum Beispiel den Blutdruck nach oben. "Die Wand eines bereits erkrankten Blutgefäßes kann dann einreißen, ein Blutgerinnsel setzt sich auf die Verletzung – und so kann es in der Folge zum Verschluss eines Herzkranzgefäßes kommen", schildert Baldus.

Gesunde Gefäße vertragen Aufregung

Allerdings, und das ist die große Einschränkung, betrifft das in der Regel Menschen mit Vorerkrankungen wie Arteriosklerose. Dabei kommt es innen an den Gefäßwänden zu Ablagerungen, die Gefäße verengen sich. "Gesunde Blutgefäße nehmen durch kurzfristigen emotionalen Stress normalerweise keinen Schaden", beruhigt der Kardiologe.

Und weil sich Aufregung sowieso nicht komplett vermeiden lässt, sollte jeder Strategien finden, um Alltagsstress auf gesunde Art und Weise zu verarbeiten. "Da rate ich zu moderatem Ausdauersport wie Laufen, Rad fahren oder Schwimmern", so Baldus. Wer bereits an Herz-Kreislaufkrankheiten oder Arteriosklerose leidet oder chronisch krank ist, sollte allerdings vorher den Arzt um Rat fragen, ob die Sportart für ihn geeignet ist und wie stark er sich belasten darf. Wer bereits länger keinen Sport mehr gemacht hat, sollte sich vorab untersuchen lassen.

Am besten mindestens dreimal die Woche Bewegungseinheiten von dreißig Minuten einplanen. "Das unterstützt Ihre Gesundheit auf mehreren Ebenen: Die Bewegung führt zu emotionaler Beruhigung und dem Abbau von Stresshormonen, die Gefäße werden gestärkt, ihre Erweiterungsfähigkeit nimmt zu. So kann Bluthochdruck – der wichtigste Risikofaktor für Herzerkrankungen – verhindert werden."

Brustschmerzen und Atemnot können auch andere Ursachen haben

Übrigens diagnostizieren Ärzte nicht bei jedem Patienten, der nach großer emotionaler Erregung mit Brustschmerzen und Atemnot im Krankenhaus eingeliefert wird, tatsächlich einen akuten Infarkt. Es kommen noch verschiedene andere Krankheitsbilder infrage, die solche Symptome hervorrufen können. Eine weitere Erkrankung des Herzens nennt der Kardiologe: "In eher seltenen Fällen liegt eine stressbedingte Kardiomyopathie vor, auch als Broken Heart-Syndrom bekannt." Dabei handelt es sich um eine akute Funktionsstörung des Herzens, die Symptome können denen eines Herzinfarkts ähneln. Diese Erkrankung tritt häufiger bei Frauen auf, oft nach psychisch belastenden Situationen, wie dem Verlust eines geliebten Menschen. Zum Glück ist die Prognose günstig, wenn die akute Problematik überstanden ist. Die Herzmuskelfunktion erholt sich meist wieder.

Fazit: Ärger oder generell große Erregung ist normalerweise nicht die alleinige Ursache für einen Herzinfarkt. Bei Menschen mit Risikofaktoren wie Arteriosklerose der Herzkranzgefäße kann emotionale Erregung allerdings den bedrohlichen Gefäßverschluss begünstigen.