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Herzschaden nach Infekten vermeiden

Erkältetes Herz – wer nach einem Husten oder Schnupfen zu früh wieder Sport treibt, riskiert eine Entzündung des Herzmuskels und kann das Organ so schädigen, dass eine Herzschwäche zurückbleibt

von Dr. Ralph Müller-Gesser, 25.03.2019
Erschöpfte Läuferin

Schlapp beim Sport durch eine riskante Entzündung: Verschleppte Erreger können das Herz nachhaltig schädigen


Der Wind blies herbstlich, aber weil die Erkältung am Abklingen war, sollte ein bisschen Sport den Kreislauf in Schwung bringen und die Lebensgeister wecken. Das jedenfalls hoffte Anna T. (18), als sie mit Vater und Schwester eine Runde in den Isar­auen drehte. "Wir sind wie üblich unsere sechs Kilometer gelaufen. Danach schien alles in Ordnung, aber ich habe mich etwas schlapper als sonst gefühlt", erinnert sich die junge Münchnerin.

Am Tag danach spürte sie einen unangenehmen Druck in der Brust. Schnell wurde daraus ein brennender Schmerz. "Es war so schlimm, dass ich kaum atmen konnte." Im Krankenhaus dann die Diagnose: Herzmuskelentzündung.

Herzmuskel bei viralen Infekten oft beteiligt

"Fünf bis zehn Prozent aller viralen Infekte weisen eine Herzmuskelbeteiligung auf", erklärt Professor Michael Böhm, Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum des Saarlandes und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung. "Meistens gelingt es dem Immunsystem, die Eindringlinge zu überwältigen, bevor sie das Herz schädigen." Diese Betroffenen bekommen von ihrer Herzmuskelentzündung gar nichts mit – Ärzte sprechen von einem stummen oder subklinischen Verlauf, wie er wohl bei neun von zehn Betroffenen auftritt. Die Entzündung heilt unbemerkt aus.

Anna T. dagegen goss Öl ins Feuer. Ihre Erkältung war offenbar noch nicht ausgestanden, die Viren noch nicht unschädlich gemacht, als sie sich beim Joggen anstrengte. Kurzum: Sport zum falschen Zeitpunkt. "Hat sich jemand noch nicht von einer Infektion erholt, kann körperliche Anstrengung aus einer stummen, unbedeutenden Herzmuskelentzündung eine ernsthafte Erkrankung machen", sagt Kardiologe Böhm.

Denn wenn ein ohnehin durch Entzündungen angegriffenes Herz durch körperliche Anstrengung zusätzlich belastet wird, können die Erreger dem Herzmuskel gefährlich werden – auch weil das Immunsystem durch die Infektion bereits geschwächt wurde.

Ungenaue Symptome, tückische Krankheit

Brustschmerzen, Atemnot oder Herzstolpern, die sich leicht dem Herzen zuordnen lassen, sind allerdings eher selten. Schmerzen im Brustkorb wie bei Anna T. sprechen für einen schwereren Verlauf. Viel öfter stehen unklare Beschwerden wie Leistungsschwäche, Angeschlagenheit, Übelkeit oder Erbrechen im Vordergrund. "Die Symptome einer Herzmuskelentzündung sind häufig völlig unspezifisch", stellt Professor Herbert E. Ulmer klar. "Das macht die Krankheit so tückisch und schwer zu diagnos­tizieren." Der Kinderkardiologe ist ehemaliger Direktor der Pädiatrischen Kardiologie am Universitätsklinikum Heidelberg und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Deutschen Herzstiftung.

Schmerzen im Brustkorb lassen vermuten, dass nicht nur der Herzmuskel selbst entzündet ist, sondern dass sich auch in der ihn umschließenden Hülle, dem Herzbeutel, ein Erguss gebildet hat. Die Betroffenen unterschätzen häufig ihre Symptome. Und selbst Ärzten fällt es oft schwer, die unspezifischen Beschwerden dem Herzen zuzuordnen. Das ist umso verständlicher, als fast immer eine banale Infektionskrankheit – mit oft sehr ähnlichen Symptomen – einer Herzmuskelentzündung vorausgeht.

"Viele Patienten berichten, dass sie einige Tage zuvor eine Erkältung, eine Grippe oder eine Magen-Darm-Infektion durchgemacht haben", bestätigt Ulmer. Die Viren lösen erst Husten, Schnupfen oder Durchfall aus, im zweiten Anlauf befallen sie das Herz. "Zunächst fühlen sich die Erkrankten etwas besser. Sie glauben, die anfäng­liche Infektion sei überstanden, doch eine Woche später kommen ähnliche Beschwerden wie zu Beginn der Erkrankung wieder", skizziert ­Ulmer einen typischen Verlauf.

Zweite Welle bei einer Infektionskrankheit ernst nehmen

Der Kardiologe rät, diese zweite Welle einer Erkrankung ernst zu nehmen: "Zeichen einer verschleppten Grippe sollten immer auch an eine Herzbeteiligung denken lassen." Um diese festzustellen oder auszuschließen, nutzen Ärzte Blutuntersuchungen, EKG, Ultraschall- und Kernspinuntersuchungen. Mitunter ist es aber sogar nötig, per Katheter eine winzige Probe des Herzmuskels zu entnehmen und zu analysieren. Steht die Diagnose, ist das oberste Ziel der Behandlung, das Herz zu schützen.

Den Körper schonen

Das gelingt unter anderem mit entzündungshemmenden Medikamenten und absoluter Schonung. Ulmer: "Nur so lassen sich bleibende Schäden wie eine Herzschwäche vermeiden." Nach anfänglicher strikter Bettruhe besteht ein Sportverbot von mehreren Monaten.

Anna T. hatte Glück: Die Entzündung heilte aus, ohne Schäden am Herz zu hinterlassen. An die vielen Monate ohne Sport und Belastung erinnert sich die junge Frau mit Schaudern: "Ich durfte nicht einmal mit dem Fahrrad zur Schule fahren." Inzwischen joggt sie wieder in den Isarauen. "Anfangs musste ich eine Pulsuhr benutzen und aufpassen, dass der Puls nicht zu hoch stieg. Glücklicherweise ist das aber nun vorbei."

Infos zum Thema

Ein kostenloser Sonderband zur Herzmuskelentzündung kann bei der Deutschen Herzstiftung telefonisch unter 0 69/9 55 12 84 00 und per E-Mail unter versand@herzstiftung.de angefordert werden.


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