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Herzklappen ersetzen

Herzklappenersatz: Die Operation ist mittlerweile ein Routineeingriff. Moderne Techniken machen es möglich. Zum Einsatz kommen verschiedene Methoden

von Dr. Ralph Müller-Gesser, 04.03.2020
Arzt hört Patienten mit Stethoskop ab

Eine schlecht funktionierende Aorten- oder Mitralklappe kann dem Herz schaden. Betroffene sollten zur Kontrolle regelmäßig den Kardiologen aufsuchen


Lub-dub machen sie. Ganz zart, nur zu hören mit dem Stetho­skop. Das Geräusch entsteht, wenn ­unsere Herzklappen – die Ventile des Herzens – arbeiten. "Lub" tönt es, wenn sich die Segelklappen am Eingang der Herzkammern gleichzeitig schließen. Das "Dub" erzeugen die großen Auslassventile, die Aorten- und die Pulmonalklappe (siehe untere Grafik). Das Lub-Dub ertönt 60- bis 90-mal pro Minute, circa 100 000-mal am Tag. ­Arbeiten die Klappen aber nicht richtig, verändern sich die Herzgeräusche.

Biologische Verschleißteile

"Die Herzklappen sind im Lauf eines Lebens einer gewaltigen Belastung ausgesetzt", erklärt Professor Thomas Voigtländer. Der Kardiologe ist ärzt­­licher Direktor des Agaplesion-Bethanien-Krankenhauses in Frankfurt am Main und stellvertretender Vorsitzender der Herzstiftung.

"Würde man das Organ mit einer mechanischen Pumpe vergleichen, müssten die Herzklappen als Verschleißteile gelten. Kaum anzunehmen, dass bei einem technischen Gerät diese Teile wartungsfrei ein ­Leben lang funktionieren würden."

Infografik Herzklappen

Die feinen Bindegewebsstrukturen sind so gesehen eine geniale Kon­­struktion der Natur. Trotzdem können Schäden auftreten, besonders nach dem 65. Lebensjahr. "Entweder die Herzklappen werden undicht, schließen nicht mehr richtig. Oder aber ihr Bindegewebe verliert an Flexibilität, verengt den Ausfluss der Kammer und stellt ein Hindernis für den Blutstrom dar", erklärt Professor Friedhelm Beyersdorf vom Universitäts­klinikum Freiburg und wissenschaftlicher Beirat der Herzstiftung. Im ­ersten Fall sprechen Ärzte von Insuffizienz, im zweiten von Stenosen.

"Schäden belasten das Herz"

Oft merken Betroffene nichts. Oder sie deuten Symptome wie Kurzatmigkeit, Müdigkeit oder einen veränderten Herzrhythmus falsch. Doch: "Solche Schäden belasten das Herz und machen meist eine Behandlung nötig", sagt Herzchirurg Beyersdorf. Anfangs reichen meist Medikamente für die Therapie. Nehmen die Beschwerden jedoch zu oder besteht die Gefahr, das Herz dauerhaft zu schädigen, wird eine Operation unumgänglich.

Die Anfänge der Herzklappenchirur­gie reichen mehr als 60 Jahre zurück. Seither haben sich die Eingriffe zu Routineverfahren entwickelt. Es gibt viele Möglichkeiten, Probleme an den Klappen zu beheben. Wir erläutern, was für Patienten wichtig ist.

Infografik Klang der Klappen

Ultraschall und Katheteruntersuchung

Den linken Teil des Herzens trifft es öfter. "Aorten- und Mitralklappe sind deutlich größeren mechanischen Belastungen ausgesetzt, weil dort höhere Drücke herrschen", sagt Kardiologe Voigtländer. Die Diagnose gelingt meist per Ultraschall oder mittels Katheteruntersuchung.

Dabei wird ein Schlauch über die Leiste des Patienten in sein Herz geschoben. "Je präziser die Schäden erfasst werden, umso besser lässt sich abschätzen, wie die weitere Entwicklung verlaufen wird", sagt Voigtländer.

Er rät Betroffenen, regelmäßige Kontrolluntersuchungen beim Herzspezialisten wahrzunehmen. "Der Zeitpunkt für einen Eingriff ist gekommen, wenn die ­Beschwerden zunehmen oder aber die Gefahr einer ­dauerhaften Herzschwäche besteht", so der Experte.

Reparatur und Ersatz

Sind Herzklappen undicht, lassen sie sich oft reparieren. Mal wird erschlafftes Gewebe gerafft, mal der Klappenring verstärkt, oder die Aufhängesehnen werden verkürzt. "Wenn möglich, versuchen wir immer, die patienteneigene Klappe zu erhalten", sagt Chirurg Beyersdorf. Bei ­­Verhärtungen oder Verkalkungen, sogenannten Stenosen, hilft meist nur noch ein Ersatz des ganzen Ventils.

Infografik Herzklappen

Dabei kommen unterschiedliche Modelle zum Einsatz. Zum einen mechanische Klappen aus Kunststoff und Metall oder biologische Klappen aus einem Kunststoff­gerüst, das mit Gewebe von Rind oder Schwein ­­überzogen wird. Vorteil mechanischer Varianten: Sie ­halten meist ein Leben lang. Allerdings müssen Patienten dafür blutverdünnende Medikamente einnehmen.

"Heute werden überwiegend Bioklappen eingebaut", ­berichtet Beyersdorf. Die Operierten sind in der Folge auf weniger Arzneien angewiesen. Allerdings halten ­Bioklappen nur zehn bis 20 Jahre, dann müssen sie ­ausgetauscht werden. Bei Patienten unter 60 Jahren ­bevorzugen Ärzte deshalb meist mechanische Klappen.

Unterschiedliche Klappen, unterschiedliche Eingriffe

Je nach Klappentyp werden unterschiedliche Operationstechniken angewendet. Bei einer mechanischen Klappe kommt der Patient um eine offene OP nicht herum. Der Eingriff sei jedoch sicher und mittlerweile schonender möglich, sagt Herzchirurg Beyersdorf: "Bisweilen reicht auch die teilweise Öffnung des Brustkorbs oder ein kleiner Schnitt zwischen den Rippen aus."

Infografik Herzklappen Mensch

Bei biologischen Herzklappen gibt es zudem eine Alternative, die ohne ­Eröffnung des Brustkorbs auskommt. Bei der sogenannten Tavi-Technik schiebt der Kardiologe die Klappe über die Leistenarterie ins Herz (siehe Grafik). Die alte Klappe wird gegen die Gefäßwand gedrückt. Oft geht das sogar ohne Vollnarkose.

Aber: Die Klappe kann auf Nerven drücken, die den Herzrhythmus bestimmen. "Ungefähr jeder sechste Patient benötigt später einen Herzschrittmacher", sagt Kardiologe Voigtländer. Durch mehr Erfahrung der Ärzte mit der Technik werden die Komplikationen jedoch seltener.

Vorteil Kathetertechnik

Bisher wurden nur zu offenen Operationen umfangreiche Studien gemacht. Dennoch spricht viel für die neuere ­Kathetertechnik. "Wir blicken hier auf rund zehn Jahre Erfahrung zurück", sagt Voigtländer und zieht ein positives Fazit: "Anfangs war das Verfahren schwer kranken und sehr alten Patienten mit großen Operationsrisiken vorbehalten. Inzwischen benutzen wir es auch für ­Menschen mit normalen Risiken."

Mehr als die Hälfte aller Klappenersatz-Operationen erfolgen heute per Katheter. Grundsätzlich bestimmen allerdings ­medizinische Fakten, welches Verfahren für welchen ­Patienten das Beste ist. Eine Entscheidung, die immer ein Gremium aus Herzchirurgen, ­­Kardiologen und Narkoseärzten trifft. Sie diskutieren ­gemeinsam über Klappenmodelle und Techniken – ­allerdings nicht ohne die Betroffenen. "Natürlich wird der Patientenwunsch dabei auch berücksichtigt", sagt Voigtländer.


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