Anlagebedingter Haarausfall (androgenetische Alopezie): Symptome, Therapie

Die häufigste Form des Haarausfalls ist die androgenetische Alopezie (anlagebedingter Haarausfall) – sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Was dahintersteckt und was hilft

aktualisiert am 17.04.2018

Keine Seltenheit: Geheimratsecken schon in jungen Jahren


Androgenetische Alopezie (anlagebedingter Haarausfall)

Haarwurzeln überempfindlich gegenüber männlichem Geschlechtshormon

Die Ursache dieser häufigsten Form des Haarausfalls ist bei Männern und Frauen im Prinzip gleich. Sie stellt aber keine hormonelle Störung dar, obschon ein Hormon, nämlich das männliche Geschlechtshormon Dihydrotestosteron (DHT), eine entscheidende Rolle spielt.

Das biologisch hoch aktive DHT wird im Körper von Männern und Frauen durch Hilfe eines Enzyms (5-alpha-Reduktase) aus dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron gebildet (männliche Geschlechtshormone heißen Androgene).

Es ist jedoch ein Irrglaube, dass alle Männer mit Glatze übermäßig viele männliche Hormone im Blut hätten oder Frauen (bis auf einige Ausnahmen) zu viel Testosteron produzierten.

Mehrere Gene spielen eine Rolle

Das Ganze spielt sich vielmehr örtlich an der Haarwurzel im zentralen Kopfbereich ab. Bei Menschen mit androgenetischer Alopezie reagieren die Haarwurzeln äußerst überempfindlich auf DHT. Außerdem enthalten diese Haarwurzeln eine größere Menge des Enzyms 5-alpha-Reduktase, dadurch wird mehr DHT produziert.

Die Veranlagung dazu steckt bereits in den Genen. Allerdings wird sie nicht automatisch weitergegeben. Es sind hierbei verschiedene Gene im Spiel. Aus der Haarpracht der nächsten Verwandten lässt sich somit kein absolut sicherer Rückschluss ziehen, ob oder ob nicht und wenn ja wann sich der eigene Kopf lichten wird.

Die Überempfindlichkeit auf DHT führt dazu, dass sich die Wachstumsphase der Haare verkürzt. Die Haare leben also nicht mehr so lange, sie fallen rascher aus und werden von Mal zu Mal dünner, bis nur noch ein winzig kleines Flaumhaar die Haarwurzel besetzt. Manchmal geht auch dieses mitsamt der Haarwurzel zugrunde. Medizinisch heißt diese Rückbildung Miniaturisierung.

Wie zeigt sich anlagebedingter Haarausfall bei Männern?

Wenn der Haarverlust bei Männern nach folgendem Muster abläuft, handelt es sich sehr wahrscheinlich um eine androgenetische Alopezie:

Symptome: Zunächst lichten sich die Haare an den Schläfen und an der Stirn. So genannte Geheimratsecken und im Verlauf eine Stirnglatze bilden sich. Weiterhin kommt es zu dünner werdendem Haar am oberen Hinterkopf, eine "Tonsur" entsteht. Die kahlen Stellen vergrößern sich und fließen zusammen, bis nur noch ein Haarkranz im unteren Bereich des Hinterkopfes und der Schläfen übrig ist.

Dieses Muster bedeutet allerdings nicht, dass jeder Mann mit Geheimratsecken unwiderruflich eine Glatze entwickeln wird. Wie weit der Haarverlust bei dem Betroffenen mit Geheimratsecken geht, lässt sich schwer voraussagen. Einige Männer können eine Glatze auch schon im Alter zwischen 20 und 30 entwickeln, während mancher 70-Jährige bis auf Geheimratsecken keinen Haarverlust erdulden musste. Die Mehrzahl der Männer ab 70 (rund 80 Prozent) ist jedoch sichtlich vom Haarverlust betroffen.

Wie sind die Anzeichen der androgenetischen Alopezie bei Frauen?

Bis zu 50 Prozent aller Frauen über 50 Jahre, aber auch schon jüngere Frauen haben wenigstens minimal damit zu tun. Bei Frauen mit androgenetischer Alopezie sind die Abläufe an der Haarwurzel weniger klar.

In manchen Fällen können Frauen mit Lichtung der Haare im Scheitelbereich allerdings tatsächlich eine hormonelle Grunderkrankung haben (androgene Alopezie). Diese geht dann meist mit sogenannten "Vermännlichungszeichen" einher: Verstärkte Behaarung an Oberlippe, Kinn, Brustwarzen, Bauchnabel, Schambereich und an den Oberschenkeln, außerdem Akne. Das muss natürlich sorgfältig medizinisch abgeklärt werden.

Symptome: Die Mehrzahl der Frauen mit anlagebedingtem Haarausfall oder Tendenz dazu beklagt eine verstärkte Haarausdünnung im Scheitelbereich, teilweise mit verstärktem Haarausfall einhergehend. Dieser kann allerdings auch fehlen. Einige wenige Frauen entwickeln ein ähnliches Haarausfallmuster wie die Männer, jedoch nicht so ausgeprägt. Erste Anzeichen können sich schon im Teenageralter bemerkbar machen – bei Frauen und bei Männern.

Therapie der androgenetischen Alopezie: Minoxidil für Männer und Frauen zum Auftragen und Finasterid für Männer zum Einnehmen

  • Minoxidil: Lösung oder Schaum für den Kopf: Das Präparat kann einen androgenetisch bedingten Haarausfall stoppen, kräftigere Haare können nachwachsen. Hier ist der Effekt besonders an Haarstellen gut, an denen noch Haare im näheren Umkreis wachsen. Bis sich eine Wirkung einstellt, ist Geduld gefragt. Der genaue Wirkmechanismus ist unbekannt, läuft aber vermutlich über einen die Durchblutung fördernden Faktor.

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    Wichtig: Für Männer und Frauen gibt es unterschiedliche Dosierungen (siehe Kapitel "Haarausfall – Überblick ... was Männer und Frauen wissen sollten").

    Meist hat man es bei der Therapie mit Minoxidil zunächst mit einer unschönen Begleiterscheinung zu tun: Nach etwa vier bis acht Wochen der Anwendung kommt es erst einmal zu einem verstärkten Haarausfall. Dies sollte aber als ein gutes Zeichen gesehen werden, da es eine hohe Aktivität nachwachsender Haare anzeigt. Die "alten" Haare, welche noch die Haarwurzel besetzen, müssen hierfür weichen und ausfallen.

Erste ermunternde Ergebnisse sind frühestens nach vier bis sechs oder auch erst neun Monaten erkennbar. Wenn die Anwendung unterbrochen wird, besteht die Gefahr, dass die neu gewonnen Haare wieder verloren gehen und man auf den Zustand zurückfällt, mit dem man begonnen hat. Nicht für jeden Betroffenen lohnen sich Aufwand und Kosten im Verhältnis zum Nutzen.

! Obwohl Minoxidil rezeptfrei erhältlich ist: Vor dem Beginn einer Behandlung empfiehlt sich eine ausführliche Beratung zu Vor- und Nachteilen und zum möglichen Therapieverlauf.

Mögliche Nebenwirkungen von Minoxidil: Rötung und Schuppung der Kopfhaut, manchmal eine Entzündung der Kopfhaut im Sinne einer Kontaktallergie, besonders bei Frauen unerwünschter Haarwuchs im Schläfenbereich.

Dem lässt sich am ehesten begegnen, wenn die vorgeschriebene Dosis gewissenhaft eingehalten und das Präparat mindestens zwei Stunden vor dem Schlafengehen angewendet wird (Kopfkissenkontakt vermeiden!).

  • Für Männer mit androgenetischer Alopezie gibt es außerdem Finasterid zum Einnehmen: Auch dieser Arzneistoff kann einen androgenetischen Haarausfall stoppen, aber wohl anders als Minoxidil: Der Wirkstoff beeinflusst den männlichen Hormonhaushalt: Aus Testosteron entsteht durch die Einnahme des Medikaments (Dosis: ein Milligramm) weniger Dihydrotestosteron (DHT, siehe Kapitel "Haarausfall: Überblick"). Finasterid verhindert oder verlangsamt dadurch die Zunahme des Haarverlusts, die vorhandenen Haare haben die Chance, dichter nachzuwachsen.

    Auch hier gilt: Der Anwender muss Geduld mitbringen. Es dauert einige Monate, bis eine Wirkung erkennbar ist. Sobald die Einnahme unterbrochen wird, setzt auch hier der Haarausfall wieder ein. Der Wirkstoff ist verschreibungspflichtig. In höherer Dosierung wird das Medikament gegen gutartige Prostatavergrößerung eingesetzt.

    Zu den bekannten Nebenwirkungen
    von Finasterid gehören Libidoverlust, Impotenz und leicht erhöhte Tendenz zu einem Brustwachstum ("Männerbrüste"). Manchmal bleiben sie auch nach Absetzen des Medikaments bestehen, während der Haarausfall wieder einsetzt. Ein mutmaßliches erhöhtes Brustkrebsrisiko bei Männern durch Finasterid gilt als äußerst fraglich, eine mögliche depressive Verstimmung als sehr selten. Vor der Einnahme sollten Betroffene sich aber unbedingt ausführlich vom Arzt beraten lassen.
  • Auch die kombinierte Anwendung von Finasterid 1 mg pro Tag und Minoxidil-Lösung 2% bis 5% zum Auftragen 2-x pro Tag kann für Männer erwogen werden.
  • Für Frauen ist Finasterid nicht zugelassen. Schwangere Frauen müssen den Kontakt zu Finasterid besonders sorgfältig vermeiden, da es zu einer Verweiblichung eines männlichen Fötus führt.

  • Für verschiedene innerliche Hormonbehandlungen bei Frauen ohne bestehende hormonelle Störungen oder für die harntreibende Substanz Spironolakton gibt es derzeit keine Empfehlungen.
  • Dermatologen setzen mitunter auch Tinkturen mit einem Arzneistoff namens Alfatradiol, eine Art Östrogen-Doppelgänger, ein. Er hat keine östrogenartige Wirkung, soll aber die Wirkung von DHT an der Haarwurzel unterdrücken. Es gibt Präparate für Frauen und Männer. Die Studienlage gilt im Vergleich zu Minoxidil derzeit als weniger gut belegt. Lassen Sie sich am besten von Ihrem Hautarzt über den aktuellen Stand informieren.
  • Zu verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln oder Haarwuchsmitteln für Männer und für Frauen wie zum Beispiel mit Thiocyanat liegen derzeit noch keine Empfehlungen durch die Fachgesellschaften vor.

Haarverpflanzung (Eigenhaartransplantation)

Bei anlagebedingtem Haarausfall bekommen Männer üblicherweise keine komplette Glatze, sondern es bleibt ein Haarkranz am Hinterkopf stehen. Das kommt daher, dass die Haarwurzeln in dieser Region im Vergleich zu den übrigen Kopfhaaren resistent gegenüber männlichen Geschlechtshormonen wie DHT sind. Werden Haarwurzeln vom Hinterkopf an lichtere Stellen verpflanzt, bestehen deshalb gute Chancen, dass diese Haarwurzeln auch an ihrem neuen Platz überleben und Haare sprießen lassen.

Für eine Eigenhaartransplantation entnimmt der Arzt entweder einen behaarten Hautstreifen, etwa aus dem Haarkranz. Daraus präpariert er unter einem hochauflösenden Mikroskop die natürlich gewachsenen kleinen "Verbünde", die Haarwurzelgrüppchen oder Haarfollikel-Units (FU), und setzt sie in die entsprechend aufbereitete Kopfhaut ein. Die Technik heißt FUT (Follicular-Unit-Transplantation). Im Entnahmegebiet entstehen linienförmige Narben.

Eine Fortentwicklung ist die FUE (Abkürzung für die englische Bezeichnung Follicular-Unit-Extraction). Dabei werden viele Haarwurzelgrüppchen mit einer feinen Hohlnadel einzeln entnommen, in einer Nährlösung zwischengelagert und im gewünschten Areal nach entsprechender Vorbereitung (Lochungen oder Schlitzungen) wieder eingepflanzt. Im Zielgebiet entstehen nur punktförmige Narben, im Entnahmegebiet dünnt die Haardichte etwas aus. Die neuere Methode eignet sich beispielsweise dann gut, wenn noch genügend Spenderhaar vorhanden ist. Beide Narbentypen sind je nach Haarlänge, Haardichte und Haartyp überkämmbar.

Die Haarwurzeln können prinzipiell in kahle oder ausgedünnte Kopfhaarbereiche, Augenbrauen, den Bart oder den Schambereich transplantiert werden. Die meisten Erfahrungen liegen mit Kopfhaar vor.

Ärzte, die Haartransplantationen durchführen, müssen mit den verschiedenen Techniken und Gegebenheiten beim Patienten gut vertraut sein. Voraussetzung ist ein operativer Facharzt mit einer speziellen Weiterbildung. Nur so können sie auch ausgeprägte Formen von Haarausfall optimal behandeln. Der Eingriff erfolgt in der Regel ambulant. Die verpflanzten Haare fallen meist erst einmal aus, um dann neu aus der Wurzel heraus zu wachsen. Bis ein Erfolg zu sehen ist, kann es einige Monate dauern. Das Ergebnis fällt individuell verschieden aus.

Die Haarverpflanzung kann auch bei Frauen mit ausgeprägter androgenetischer Alopezie, aber genügend Spenderhaar, infrage kommen. Im Vorfeld sollte eine ausführliche Beratung zu möglichen Komplikationen, den Kosten und zum erreichbaren Erfolg stattfinden.

Weitere Anwendungsgebiete der Eigenhaartransplantation: nicht entzündlich-aktive Vernarbungen ("ausgebrannte Entzündung") an der Kopfhaut (siehe Kapitel: "Haarausfall: Spezielle Formen und Ursachen"), angeborene Haarlosigkeit bestimmter Areale wie zum Beispiel dreiecksförmige Alopecia temporalis, bei narbigen Alopezien nach Verletzung, Verbrennung oder Operation.

Aus der Forschung

  • Für Männer mit anlagebedingtem Haarausfall wird das Mittel Latanoprost getestet. Derzeit dient es ausschließlich in Form von Augentropfen als Mittel gegen erhöhten Augeninnendruck beziehungsweise Glaukom (grüner Star).
  • Auch bestimmte Kombinationsbehandlungen, die unter anderem Minoxidil zum Auftragen enthalten, werden zur Zeit für Männer und für Frauen geprüft.