Halloween: Warum wir uns gerne gruseln

Schaurig schön – Das Unheimliche fasziniert uns. Forscher sprechen sogar von einer Angstlust. Doch die hat einen wichtigen Hintergrund

von Nina Himmer, 31.10.2018
Darsteller Bill Skarsgard in dem Film "ES"

Bill Skarsgard als Gruselclown "Pennywise" in der Neuverfilmung von Stephen Kings "Es"


Aschfahles Gesicht, eiskalter Blick, gelbe Reißzähne hinter blutroten Lippen: Die Fratze des Clowns aus Stephen Kings "Es" wirkt wie die Blaupause für ­einen fürchterlichen Albtraum. Der Anblick des Monsters allein ist schon schwer erträglich, Musik und visuelle Effekte tun ihr Übriges, um Herzrasen und Gänsehaut zu garantieren. Trotzdem hat die Neuverfilmung des Horror-Klassikers im Jahr 2017 Millionen Zuschauer ins Kino gelockt und alle kommerziellen Rekorde des Genres gebrochen.

"Trotzdem? Gerade deswegen!", sagt Professor Peter Walschburger von der Freien Universität Berlin. Den Biopsychologen wundert der Erfolg des Blockbusters nicht: "Viele Menschen gruseln sich gerne. Und ein solcher Film kultiviert unsere Lust an der Angst."

Horror wirkt entspannend

Walschburger forscht seit Jahrzehnten an dem, was ­Wissenschaftler "Angstlust" nennen. Das Wort beschreibt das paradoxe Phänomen, dass uns negative Emotionen wie Angst oder Grauen positive Gefühle wie Freude, Lust oder Entspannung bescheren können. "Der entschei­dende Unterschied zwischen reiner Angst und wohligem Gruseln liegt in der Sicherheit der Situation", erklärt er. Niemand würde auf der Straße gerne einem Horrorclown begegnen, doch im Kinosessel genießen wir das Abenteuer – zumindest manche von uns.

Denn die Lust am Gruseln ist individuell verschieden. "Jeder Mensch vereint einen Angsthasen und einen Abenteurer in sich", sagt der ­Experte. "Was stärker durchschlägt, hängt von Faktoren wie Alter, Geschlecht und Sozialisation ab." So schaut einer gern Horrorfilme, ein anderer liebt den Sonntagskrimi oder Halloween. Dem zugrunde liegt eine gewisse Faszination für das Unheimliche: Gruselige Orte und ­Geschichten reizen uns ebenso wie Nachrichten über ­Unfälle, Gewaltexzesse oder Katastrophen.

Grusel und Angst haben denselben Ursprung

Dass Gruseln ein so starkes Gefühl ist, hat viel mit der Chemie dahinter zu tun: Echte Angst und harmloses Gruseln haben nämlich denselben Ursprung im Gehirn. Sie entstehen in der Amygdala, einem mandelförmigen Teil des limbischen Systems, der immer dann aktiv ist, wenn eine potenziell gefährliche Situation vorliegt.

Manchmal genügen schon Kleinigkeiten, um unser ­Gehirn in den Alarmzustand zu versetzen – ein Geräusch, ein Schatten oder ein eisiger Blick. In der Folge werden Hormone wie Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt, ­außerdem wird das vegetative Nervensystem aktiv und bereitet mögliche Reaktionen vor: weglaufen? Kämpfen? Sich verstecken? Erst mit zeitlicher Verzögerung beginnen wir, die Situation mithilfe unseres Großhirns rational zu bewerten. Es dauert, bis wir merken: Fehlalarm, alles in Ordnung!

Mit der Erkenntnis, dass wir zum Beispiel sicher auf der Couch sitzen, während der Gruselclown in "Es" auf der Leinwand sein Unwesen treibt, geht eine Welle der Erleichterung, Entspannung und Freude einher, oft begleitet von der Ausschüttung körpereigener Opiate und Dopamin. Ein Gefühl, das die Lust an der nun als unbedenklich entlarvten Angst erklärt: Wir können die Aufregung genießen, das Wechselbad der Gefühle auskosten.

Angstlust ist ein Überlebensvorteil

Evolutionär betrachtet hat Angstlust übrigens durchaus ihren Sinn. Sie ermöglicht uns, spielerisch Erfahrungen zu sammeln und gefahrlos zu erproben, wie wir mit negativen Gefühlen wie Aufregung und Bedrohung klarkommen. "In der Suche nach dem Nervenkitzel steckt ein Überlebensvorteil", sagt Biopsychologe Walschburger. Außerdem ist sie Teil unserer Entwicklung: Das brutale Märchen, die Mutprobe, eine Fahrt in der Geisterbahn oder eben der Horrorfilm – all das kann je nach Alter durchaus eine wichtige Erfahrung sein.

So ist es kein Zufall, dass Angstlust bei älteren Kindern und Jugendlichen besonders ausgeprägt ist. Sie loten noch ihren Erfahrungshorizont aus. Aber schon die Kleinsten suchen sich ihre Gruselmomente: "In selbst erschaffenen Monstern begegnen Kinder ihren Problemen, können diese anschauen, begreifen und überwinden", sagt der Wissenschaftsjournalist Hubert Filser, der in seinem Buch "Menschen brauchen Monster" den ­Ursprüngen des Gruselns auf den Grund gegangen ist.

Monster stillen eine Sehnsucht

Diese Ansicht teilt auch Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen: "Kinder können mit Monstern aus Büchern und Filmen ein Stück weit ihre Ängste bearbeiten und bewältigen." Für sie ist diese Auseinander­setzung besonders herausfordernd, denn im Gegensatz zu Erwachsenen glauben sie tatsächlich an die ­Existenz von Monstern, Hexen und anderen Fabelwesen. Trotzdem behalten auch Erwachsene die Fähigkeit, sich zu gruseln. "Ein gewisses Maß mystischen Denkens bleibt uns bewahrt – sonst würde es ja zum Beispiel keine ­Religionen geben", sagt Psychologe Seifried.

Manche Forscher sind sogar der Ansicht, dass wir das Gruseln in unserer überorganisierten und technisierten Zeit mehr denn je brauchen. "Unkontrollierbare Monster stillen unsere Sehnsucht, der entzauberten und rationalisierten Welt zu entkommen," sagt Filser. "Sie geben uns die Möglichkeit zu Bereichen in uns vorzudringen, die jenseits von Logik und Denken liegen und nicht unmittelbar beeinflussbar sind."

Abweichungen sind unheimlich

Doch warum ängstigen uns manche Kreaturen mehr als andere? Und warum erscheinen menschenähnliche Wesen wie Zombies oder Horrorclowns besonders gruselig? Eine Erklärung bietet das Uncanny-Valley-Phänomen: das "Phänomen des unheimlichen Tals", das der japanische Robotiker Masahiro Mori 1970 erstmals beschrieb. Er ­entdeckte, dass wir Roboter umso mehr akzeptieren, je menschlicher sie uns vorkommen – bis zu einem bestimmten Punkt. Ist dieser überschritten, finden wir sie gruselig. Grund ist die leichte Verschiebung zwischen Wahrnehmung und Erwartung, weil sie dann zu menschenähnlich, aber eben doch nicht menschlich sind.

Auf Monster ­übertragen bedeutet das: "Wir empfinden eine Figur als unheimlich, wenn sie mit unseren Erwartungen bricht und uns irritiert. Jede Abweichung von der Norm macht uns misstrauisch", so Filser. Das bestätigt auch eine Studie im Journal New Ideas in Psychology. Die Onlinebefragung mit 1341 Teilnehmern kam 2016 zu dem Ergebnis, dass wir Menschen gruselig finden, die ein merk­würdiges ­nonverbales Verhalten an den Tag legen, beispielsweise ­Augenkontakt meiden, die keine oder besonders überschwängliche Emotionen zeigen. Leute, bei denen man nicht einschätzen kann, was sie als Nächstes tun.

Jede Zeit hat ihre Monster

Bei den Recherchen für sein Buch machte Hubert Filser noch eine andere spannende Entdeckung: Jede Zeit hat ihre Monster. Godzilla entstand nach dem Abwurf der Atombombe, Aliens erlebten mit dem Beginn der Raumfahrt in den 50er-Jahren einen Aufschwung, Frankenstein symbolisierte schon 1818 die Furcht vor Grenzüberschreitung durch Technik, und Zombies haben seit der neoliberalen Wirtschafts- und Umweltkrise der Siebziger Hochkonjunktur – verkörpern sie doch perfekt die zur seelenlosen Masse degradierten Menschen, die in der Konsumwirtschaft nichts mehr zählen.

"Aliens sind neben Zombies und Cyborgs die Monster unserer Zeit", sagt Filser. Er ist überzeugt: Sie spiegeln zeitgeistige Ängste wieder – zum Beispiel vor unkontrollierbarer Technik, menschenverachtenden Wirtschaftssystemen oder einer Erosion des gesellschaftlichen Zusammenhalts. "In ­gewisser Hinsicht," meint Filser, "macht sie das zu wertvollen Seismografen unserer Ängste."