{{suggest}}


Grippe-Impfung für alle? Pro und contra

Bis zu 14 Millionen Deutsche erkranken pro Jahr an Influenza. Steigt parallel die Zahl der Covid-19-Erkrankten, könnte das unser Gesundheitssystem überlasten. Was dagegegen unternehmen?

von Stephanie Arndt, 09.09.2020

Die Grippe kommt – jedes Jahr wieder, mal stärker, mal schwächer. Deshalb werden nun in Coronazeiten Forderungen laut, vorsorglich alle gegen Grippe zu impfen, die es wollen. Aber ist das sinnvoll?

Gesundheitsminister Jens Spahn möchte es in diesem Jahr unbedingt, die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowieso und nun auch zahlreiche Ärzte: Eine flächendeckende freiwillige Grippe-Impfung für alle – und nicht wie bisher nur für chronisch Kranke, Menschen ab 60 Jahren, Schwangere und Beschäftigte im Gesundheitswesen.

Diesen Risikogruppen wird der kleine Piks bereits seit vielen Jahren empfohlen und auch von der Krankenkasse bezahlt. Nun also am besten alle, auch Kinder, um vor allem bei Risikopatienten das Risiko einer Erkrankung an Covid-19 und Influenza möglichst zu vermeiden.

Die Angst der Epidemiologen vor Doppelerkrankungen

Denn, so befürchten Epidemiologen, eine Doppelerkrankung würde bei Risikogruppen einen besonders schweren Verlauf nehmen. Außerdem muss damit gerechnet werden, dass neben einer möglichen großen Zahl von Covid-19-Kranken auch zahllose Grippe-Patienten in den Arztpraxen und Krankenhäusern behandelt werden müssen. Das könnte die Kapazitäten der medizinischen Versorgung sprengen, so die Befürchtung.

Stellt sich noch die Frage, ob der Wunsch in der Realität umsetzbar und finanzierbar wäre – und ob es genug Grippe-Impfstoff für alle gibt.

Die Kräfte bündeln, um sich gegen Corona zu wappnen

Influenza- und SARS-CoV-2-Viren haben Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Vor allem bei SARS-CoV-2 weiß keiner im vorhinein, ob und wie schlimm er nach einer Infektion erkrankt. Klar ist dagegen, dass vor allem Ältere und chronisch Kranke bei beiden Erkrankungen ein hohes Risiko eines schweren Verlaufs haben oder möglicherweise sogar daran sterben. Im Jahr 2017/2018 gab es in Deutschland laut RKI-Schätzungen über 25.000 Grippetote, die Zahl der Corona-Verstorben lag hierzulande am 7. September 2020 bei 9.325.

Doch beide Viren haben noch einen großen Unterschied: Gegen die Grippe gibt es eine Impfung, gegen Corona nicht. Da liegt die Idee nahe, sich zumindest gegen das eine Virus bestmöglich zu wappnen, um Kraft für die Bekämpfung des anderen zu bündeln. Zumindest so sehen es unter anderem auch die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI). Sie fordern, alle Impfwilligen gegen Grippe zu impfen – sogar gesunde Kleinkinder. Und auch Jens Spahn sagte kürzlich: "Jeder, der sich und seine Kinder impfen lassen will, sollte und kann das tun."

Prof. Dr. Johannes Hübner, Erster Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie

Über Kinder die Erwachsenen schützen

Professor Johannes Hübner von der DGPI unterstützt diesen Wunsch: "Es gibt sehr gute Gründe dafür. Erstens versprechen wir uns einen Individualeffekt. Zweitens erhoffen wir uns, durch eine Herdenimmunität – sie entsteht, wenn ein hoher Prozentsatz der Bevölkerung immun geworden ist – auch Eltern und Großeltern besser schützen zu können. Studien zeigen, dass in Ländern mit einer hohen Kinder-Impfquote weniger Erwachsene an Grippe sterben. Und im Gegensatz zu Corona spielen Kinder bei der Verbreitung von Influenza-Viren nachweislich eine große Rolle."

Zudem könnte damit eine Super-Infektion verhindert werden, wie sie im Falle einer Doppelerkrankung von Influenza und Corona möglicherweise auftritt.

Ein Problem – zwei Meinungen

Doch wäre dieser Akt der Solidarität überhaupt sinnvoll? Die Ständige Impfkommission (STIKO), die am Robert Koch-Institut (RKI)  angesiedelt ist, bleibt bei ihren bisherigen Empfehlungen: Geimpft werden sollen vor allem und als erstes die benannten Risikogruppen.

Expertenfoto Immunität Prof. Dr. Thomas Mertens Virologie Impfung

Dazu Professor Thomas Mertens, Leiter der STIKO: "Bevor wir eine Impfempfehlung für alle Menschen, insbesondere für alle gesunden Kinder, aussprechen können, werden deutlich mehr Daten benötigt."

Auch einer potenziellen Doppel-Infektion steht Prof. Dr. Mertens kritisch gegenüber: "Es gibt zwar Berichte, aber diese belegen nicht, dass es bei gesunden Menschen zu einem schwereren Verlauf kommen muss, sollten sie an Grippe und Covid-19 erkranken. Nach wie vor entsteht die Belastung des Gesundheitssystems, vor allem der Krankenhäuser, durch Risikopatienten. Daher sollten sich diese im Herbst unbedingt und möglichst vollständig impfen lassen."

Misstrauen ist der größte Impf-Feind

Der eindringliche Appell von Mertens hat einen besorgniserregenden Hintergrund. Denn die generelle Impfmüdigkeit macht auch vor den etwa 37 Millionen  Risikopatienten nicht Halt, die es laut RKI in Deutschland gibt. Während die WHO  und die EU  für diese Menschen eine Impfquote von mindestens 75 Prozent fordert, liegt die tatsächliche Quote nur zwischen 23 und 50 Prozent. Laut Techniker Krankenkasse  hatten sich beispielsweise in der Grippesaison 2017/2018 nur 33,4 Prozent aller über 60-Jährigen gegen Influenza impfen lassen, obgleich ihnen die Impfung ausdrücklich empfohlen wird.

Prof.Dr. med. Bernd Salzberger

Der Hauptgrund für das Zögern: Ein Misstrauen und der Glaube, die Impfung selbst könne krank machen. Professor Bernd Salzberger von der DGI: "Diese Sorgen sind unbegründet. Denn die Grippe-Impfung ist gut verträglich und führt nicht zu einer Erkrankung." Der Infektiologe wünscht sich eine breitere Aufklärung der Bevölkerung, vor allem durch die Hausärzte. "Es wäre gut, wenn diese aktiv solche Unsicherheiten zerstreuen und gerade Risiko-Patienten zum Impfen motivieren könnten."

Ist genug wirklich genug?

Und was wäre, wenn die Aufrufe Wirkung zeigten – plötzlich große Teile der Bevölkerung nach der Impfung verlangten? STIKO-Leiter Mertens sieht genau hier ein mögliches Problem: "Derzeit ist es wichtiger, Risikopatienten impfen zu lassen als die breite Masse der Bevölkerung und Kinder. Damit riskieren wir, dass am Ende nicht genügend Impfstoff für alle da ist, und das wäre absolut fatal und kontraproduktiv."

Laut Paul-Ehrlich-Institut (PEI), dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, soll die freigegebene Menge von 13,6 Millionen Influenza-Dosen für ausreichend sein. Zur Sicherheit hat das Bundesgesundheitsministerium (BMG) dennoch zusätzlich sechs Millionen Dosen geordert. Entsprechend könnten im empfohlenen Zeitraum zwischen Oktober und November knapp 20 Millionen Menschen gegen Grippe geimpft werden. Eine kurzfristige Erhöhung der Kapazitäten ist übrigens nicht möglich, da die Produktion nur einmal pro Jahr im Frühjahr stattfindet.

Die Frage der Kosten ist ungeklärt

Und wer zahlt die Impfung für die, die nicht zur Risikogruppe gehören, sich aber dennoch immunisieren lassen wollen? Grundsätzlich werden die Kosten nur von den Krankenkassen übernommen, wenn die STIKO eine Empfehlung ausspricht. Sieht ein Arzt keine medizinische Notwendigkeit, muss der Betrag, der sich zwischen 20 und 35 Euro befindet, also privat bezahlt werden. Das bestätigt auch der Spitzenverband Bund der Krankenkassen (GKV)  auf Anfrage.


Ändern Sie Ihr Verhalten aufgrund der stark gestiegenen Zahl an Corona-Neuinfektionen?
67%
27.27%
5.73%
Ja, ich gehe noch stärker möglichen Infektionsrisiken aus dem Weg
Nein, ich beachte sowieso schon alle Regeln so gut wie möglich
Nein, ich will mein Verhalten nicht einschränken
Insgesamt abgegebene Stimmen: 11173