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Engpass? Verwirrung um die Grippeimpfung

Während das Bundesgesundheitsministerium Versorgungsengpässe dementiert, fehlt der Impfstoff zunehmend in Apotheken und Arztpraxen, weil die Nachfrage deutlich gestiegen ist

von Barbara Kandler-Schmitt, 21.10.2020

Gisela Müller (Name von der Redaktion geändert) ist verärgert: "Im September war ich bei meiner Hausärztin, um mich gegen Grippe impfen zu lassen", erzählt die 81jährige Rentnerin aus Ingolstadt. Damals sagte man ihr, sie sei zu früh dran und solle im Oktober wieder kommen. "Und dann hieß es auf einmal, dass es erst im November wieder Impfstoffe gibt."

So wie Frau Müller geht es derzeit vielen Menschen, die sich wegen ihres Alters, einer chronischen Grunderkrankung oder als Mitarbeiter medizinischer Einrichtungen gegen Influenza impfen lassen wollen. "Derzeit sind keine Einzelpackungen mehr lieferbar, so dass wir Patienten unverrichteter Dinge wegschicken müssen", bedauert Wolfgang Kempf, Apothekeninhaber aus Viernheim im hessischen Kreis Bergstrasse "Auch die ausschließlich für Arztpraxen bestimmten Zehnerpackungen sind frühestens Anfang November wieder lieferbar."

Normalerweise werden Millionen Impfdosen weggeworfen

Dabei steht für die diesjährige Impfsaison deutlich mehr Impfstoff zur Verfügung als in den Vorjahren verbraucht wurden. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums wurden insgesamt 26 Millionen Impfdosen für die Bevölkerung bereit gestellt. Nach einer Analyse des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts (DAPI) wurden im Jahr 2019 nur 14 Millionen Impfdosen für gesetzlich versicherte Patienten verbraucht, im Jahr 2018 sogar nur 13,4 Millionen. Und laut Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel (Paul-Ehrlich-Institut) werden jedes Jahr mehrere Millionen Impfdosen weggeworfen.

Impfung nur für Risikogruppen

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt den saisonalen Grippeschutz vor allem Menschen ab 60 Jahren sowie Patienten mit chronischen Grunderkrankungen. Da die Risikogruppen für schwere Covid-19-Erkrankungen und schwere Influenza-­Verläufe deutliche Parallelen zeigen, sollte laut STIKO in der kommenden Influenza-Saison eine möglichst hohe Impfquote in den gefährdeten Personengruppen erreicht werden.

Doch noch im August hielt sich die Impfbereitschaft der Deutschen in Grenzen: Laut einer Umfrage im Auftrag der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände wollten sich nur 45 Prozent der Zugehörigen von Risikogruppen impfen lassen. "Es ist erschreckend, dass fast jeder Zweite, der zu einer Risikogruppe gehört, auf die Grippeimpfung verzichten will", kommentierte Fritz Becker, der Vorsitzende des Deutschen Apothekerverbands. "Dabei ist die Impfung sicher und gut verträglich. Wer geimpft ist, schützt nicht nur sich, sondern auch andere vor Ansteckung. Das sollte Ansporn genug sein."

Impfbereitschaft hat zugenommen

Doch seit die zweite Corona-Welle über Deutschland hinwegrollt, hat die Impfbereitschaft offenbar deutlich zugenommen – nicht nur bei Risikogruppen, sondern auch bei jüngeren, gesunden Erwachsenen. "Grippeimpfstoffe wurden dieses Jahr früher nachgefragt als sonst", sagt Kempf. "Die ersten Chargen sind sehr schnell verimpft gewesen, und der Nachschub lässt bislang auf sich warten."

Die STIKO befürchtet mittlerweile eine Unterversorgung der Risikogruppen und empfiehlt die Impfung deshalb nicht standardmäßig für die Gesamtbevölkerung, sondern ausdrücklich nur für besonders gefährdete Personen. 

Spahn: "Vorübergehende regionale Engpässe" 

Allerdings will Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nichts von einem Versorgungsengpass bei Grippeimpfstoffen wissen, räumt allenfalls vorübergehende regionale Engpässe ein. Mit dieser Aussage hat er viele Apotheker verärgert: "Die Nachfrage nach Influenza-Impfungen ist stark gestiegen", betont Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein. "Wir haben jetzt eine Situation wie in den Vorjahren zum Höhepunkt der Grippe im Februar oder März."

Eine aktuelle Blitzumfrage unter den Mitgliedern des Apothekerverbands Nordrhein zeigt: Nahezu alle befragten Apotheker bewerten die Nachfrage nach Grippeimpfstoffen zum jetzigen Zeitpunkt als "sehr viel höher" als im Vorjahr und beurteilen die Verfügbarkeit als "schlecht" oder "sehr schlecht". Rund 95 Prozent bestätigen, dass sie aktuell aufgrund der hohen Nachfrage weder Großpackungen für den Praxisbedarf noch Einzeldosen vorrätig haben.

Sollte ein Grippeimpfstoff nicht lieferbar sein, bittet das Paul-Ehrlich-Institut Apotheker, Ärzte und Patienten, diesen Engpass zu melden. Dies erfolgt über die Seite des PEI unter Verbrauchermeldungen zu nicht gelisteten Impfstoff-Lieferengpässen. Auf Basis dieser Meldungen beurteilt das Institut die regionale Versorgungslage, informiert die für die Versorgung Zuständigen und regt Maßnahmen zur Abhilfe an.

Holpriger Start für impfende Apotheker

Das hat natürlich auch Auswirkungen auf Modellprojekte, in deren Rahmen Apotheker neuerdings selbst gegen Grippe impfen dürfen. Auch am Niederrhein ist kürzlich ein solches Projekt angelaufen. "Täglich melden sich hunderte Versicherte an der Versicherten-Hotline der AOK Rheinland/Hamburg und beim Apothekerverband, um sich über impfende Apotheken zu informieren. Diese äußerst positive Resonanz freut uns sehr", sagt Preis.

Im Moment wolle man das Projekt aber mangels Durchführbarkeit nicht mehr aktiv bewerben. "Nicht nur mit Blick auf die flächendeckende Umsetzung unseres Modellprojektes hoffen wir, dass sich die Verfügbarkeit von Grippeimpfstoffen schnell verbessert", betont Preis. "Dabei setzen wir vor allem auch auf die sechs Millionen weiteren Impfdosen, die im November über die nationale Impfreserve bereitgestellt werden. Erst dann wird sich zeigen, ob in diesem Winter genug Grippeimpfstoffe zur Verfügung standen."

AHA-Regeln schützen auch vor Grippe

Auch der Viernheimer Apotheker Wolfgang Kempf bittet seine Kunden um Geduld: "Es genügt auch noch, sich Ende November oder Anfang Dezember impfen zu lassen." Bis dahin rät er, immer wieder in der Apotheke nachzufragen und die AHA-Regeln besonders gewissenhaft einzuhalten: "Abstand, Hygieneregeln und Alltagsmasken schützen nämlich nicht nur vor einer Corona-Infektion, sondern auch vor Grippe."


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