Multifokallinsen bei grauem Star

Dank spezieller Kunstlinsen können Patienten nach der Star-Operation ohne Brille sehen. Doch die Produkte eignen sich nicht für jeden. Und sie haben auch Nachteile

von Dr. Achim G. Schneider, 08.05.2018

Grauer Star: Mit einer Operation wird eine künstliche Linse eingesetzt


"Hassen Sie Ihre Brille?" Diese Frage stellt Professor Horst Helbig von der Uniklinik Regensburg oft als Erstes. Denn von der Antwort hängt ab, wie Helbig einen Patienten mit grauem Star berät. Die Krankheit trübt die Augenlinse und damit das Sehvermögen – oft so stark, dass nur eine OP hilft. Ärzte tauschen die erkrankte natürliche durch eine künstliche Linse aus. Dann benötigen die Operierten aber eine Brille. Rund 400 000 Menschen in Deutschland entscheiden sich jedes Jahr für den Eingriff. Meist erfolgt er in kurzen Abständen an beiden Augen. Es handelt sich um eine der häufigsten Operationen – und um eine sehr erfolgreiche. Von einem Tag auf den anderen erstrahlt die Welt wieder scharf und in klaren Farben.

Künstliche und natürliche Augenlinsen unterscheiden sich

Doch das eingebaute Produkt ist kein gleichwertiger Ersatz für eine natürliche Linse, die verformbar ist und ihre Brechkraft anpasst. Kunstlinsen sind starre Gebilde. Herkömmliche Produkte haben einen einzigen Brennpunkt. Diese sogenannten Monofokallinsen bilden nur Gegenstände in einer bestimmten Distanz zum Auge scharf ab.Der Operierte braucht eine Sehhilfe für die anderen Bereiche.

Doch bereits seit einigen Jahren gibt es Spezialprodukte, die eine Brille ersetzen können: Multifokallinsen mit zwei, drei und seit Kurzem sogar mit vier Brennpunkten. Viele Augenärzte und -kliniken bieten solche Sonderlinsen an.

Multifokallinsen bedeuten Arbeit für das Gehirn

"Ich war von Anfang an verblüfft, dass das Prinzip überhaupt funktioniert", erklärt Professor Thomas Kohnen, Leiter der Klinik für Augenheilkunde an der Universität Frankfurt am Main und führender Forscher auf diesem Gebiet. Produkte mit zum Beispiel drei Brennpunkten erzeugen im Auge drei Bilder – mit einer scharfen Fern-, Mittel- und Nahdistanz. Kohnen: "Das Gehirn muss lernen, ­jeweils den passenden Brennpunkt abzurufen." Also das Bild zu wechseln, wenn man zum Beispiel von einem Buch aufblickt und aus dem Fenster schaut. Den allermeisten Operierten gelingt das nach einer gewissen Gewöhnung. Im Einzelfall dauert es bis zu ein Jahr.

Doch Multifokallinsen haben auch Nachteile. Helbig: "Aber wer mit seiner Brille schlecht zurechtkommt, akzeptiert eher, dass die Sehqualität mit einer Multifokallinse nicht ganz so gut ist wie mit einer herkömmlichen Linse – in Kombination mit einer Brille."

Nicht für Berufsfahrer geeignet

Tatsächlich macht eine Linse mit drei Brennpunkten nur Objekte in drei Distanzen völlig scharf. Hinzu kommt: Das Kon­trastsehen ist etwas schlechter, und nachts können optische Phänomene stören – etwa helle Strahlen und Ringe um Lichtquellen. Kohnen: "Über all das müssen wir Augenärzte unsere Patienten besonders aufklären."

Und ebenso darüber, dass manche Menschen mit Multifokallinsen nachts nicht Auto fahren können. Für Berufsfahrer kommen die Spezialprodukte ohnehin nicht infrage. Und sie eignen sich auch sonst nicht für jeden. Helbig: "Wer zusätzlich irgendein Augenpro­blem hat, dem sollte man Multi­­fokallinsen nicht anbieten." Zum Beispiel bei einer Schädigung des Sehnervs, einer Erkrankung der Netz- oder der Hornhaut.

Spezialanfertigung bei Hornhautverkrümmung

Ist die Hornhaut hingegen nur verkrümmt, muss man das bei der Berechnung von Multifokallinsen berücksichtigen. "Wenn man das nicht tut, funk­tionieren sie nicht", erklärt Kohnen. Aus der Verkrümmung ergibt sich nämlich eine gewisse Unschärfe auf der Netzhaut. Das Gehirn wüsste dann nicht, welches Bild es jeweils abrufen muss.

Bei Patienten mit einer verkrümmten Hornhaut wird ­zwar nebenbei der daraus resultierende Sehfehler ausgeglichen, wenn sie sich für eine Multifokallinse entscheiden. Allerdings ist diese Korrektur auch mit Monofokallinsen möglich. Ein Ex­tra, das die Patienten dann in der Regel ebenfalls bezahlen müssen.

Kostenplan vom Arzt anfordern

Barbara Schmitz von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen rät, sich vom Augenarzt einen schriftlichen Plan vorlegen zu lassen mit allen Zusatzkosten rund um die OP. Mit diesem Plan sollte man sich vorab an die Kasse wenden. Schmitz: "Ist man Risikopatient oder hat bereits Vorerkrankungen am Auge, übernimmt die Versicherung in vielen Fällen die Kosten für Zusatzleistungen."

Grundsätzlich gilt jedoch: Ist eine solche Operation medizinisch geboten, müssen gesetzlich Versicherte nichts zuzahlen, sofern sie sich für das ­Standardverfahren mit herkömmlichen Linsen entscheiden. Multifokallinsen hingegen schlagen mit bis zu 3000 Euro pro Auge zu Buche.

Experte rät ab von OPs als Brillenersatz

Und wer sich diese Spezialprodukte einbauen lässt, ohne dass eine Augen-OP nötig wäre, muss alles selbst bezahlen. "Man lässt sich dann operieren, statt eine Lesebrille aufzusetzen", kritisiert Helbig und warnt vor Risiken wie Augenentzündungen. "Auch wenn das Risiko nur bei etwa einem Prozent liegt: Wen es trifft, der hat die Komplikationen zu 100 Prozent." Bloßer Brillenhass ist kein guter Grund, sich dieser Gefahr auszusetzen.