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Spiritualität und Gesundheit

Heilender Geist? Bestimmte Glaubenshaltungen oder Lebenseinstellungen helfen, Krankheiten besser durchzustehen. Ob sie auch gesünder machen, ist umstritten

von Konstanze Faßbinder, 18.03.2020
Nachtgebet Gottesdienst

Das Gebet beginnt: Gläubige entzünden Kerzen


Wenn Chemotherapie und Bestrahlung nichts mehr ausrichten, geben Meditation oder Gebet Kraft, verschaffen unheilbar Kranken Erleichterung. Professor Arndt Büssing hat das bei Patien­ten immer wieder erlebt. "Sie sagten, sie hätten eine Art innere Heilung gefunden." Trotz zunehmendem Leid schienen sie irgendwie loslassen zu können, zur Ruhe zu kommen.

Je achtsamer, desto gesünder

Büssing haben diese Erfahrungen so fasziniert, dass er das Metier wechselte. Statt sich weiter mit dem Immunsystem von Tumorpatienten zu beschäftigen, forscht er heute in der Medizinpsychologie. Am Lehrstuhl für Medizintheorie, Integrative und Anthro­posophische Medizin der Uni Witten/Herdecke sucht er Antworten auf die Frage, welche Rolle Spiritualität im Umgang mit Krankheiten spielt.

Wie Menschen aus ihrem Glauben oder einer gewissen Spiritualität he­raus Kraft und Zuversicht schöpfen und dadurch eine körperliche oder psychische Krise besser überstehen: Diesem Thema widmen sich inzwischen nicht nur Seelsorger, sondern eben auch Mediziner wie Büssing oder Psychologen wie Professor Niko Kohls von der Hochschule Coburg.

Der Achtsamkeitsexperte ist überzeugt: Eine achtsame Einstellung kann die Gesundheit fördern. Seit jeher, so Kohls, beginnen Menschen in oder nach einer existenziellen Krise häufig nach dem Wa­rum zu fragen. Nach dem Zweck ihres Leidens, oder allgemeiner: dem Sinn des Lebens.

Der Trend geht zur Verweltlichung

"Der einzige Unterschied zu früher ist, dass wir uns in unserer heutigen Gesellschaft auf individuellere Art und Weise damit auseinandersetzen", sagt Kohls. Die Zugehörigkeit zu einer Religion ist dazu nicht mehr zwingend notwendig.

Wie verbreitet der Trend zur Säkularisierung, zur Verweltlichung ist, zeigt eine Studie von 2011 mit 600 Teilnehmern: Auf die Frage, was ihrem Leben Sinn gibt, lautete die häufigste Antwort keineswegs "konfessionelle Religiosität". Genannt wurde "Dinge mit bleibendem Wert erschaffen, bewusst erleben, Harmonie erfahren, sich entwickeln, Spiritualität".

Der Glaube an die Zukunft

Doch was ist Spiritualität eigentlich genau? Das Wort stammt von "spiritus", dem lateinischen Wort für Atem. Eine einheitliche Definition gibt es nicht. Für Befragungen in der medizinischen Forschung haben Wissenschaftler Aspekte festgelegt, die einen spirituellen Menschen ausmachen können.

Was bedeutet Spiritualität?

In der Religion ist die Spiritualität die Suche nach dem Heiligen. Weiter gefasst ist eine individuelle Suche nach Bedeutung und Sinn im Leben gemeint. Wir haben Aspekte oder Bedürfnisse gesammelt, die darunter fallen können:

Spiritualität ist in jedem Fall eine Lebenshaltung, die auf den Geist ausgerichtet ist. Der katholische Diakon und Krisenseelsorger Ludger Verst aus Dreieich bei Frankfurt am Main konkretisiert: "Sie bedeutet, dass ich bezogen bin auf Unendliches, auf eine Realität, die nicht greifbar ist und doch wirksam."

Der Glaube an eine Zukunft, die noch nicht feststeht, auf die man Einfluss nehmen, hinarbeiten könne. Die im Fall von Kranken vielleicht leichter erträglich ist. "Wie durch einen unsichtbaren Faden fühle ich mich mit dem Himmel verbunden, mit einer Kraft, die meinen Blick hebt."

Perpektivenwechsel für mehr Wertschätzung

Eng verbunden mit Spiritualität ist die Achtsamkeit, sagt Psychologe Kohls. Wer achtsam lebt, nimmt sich selbst, seine Mitmenschen, die Natur um sich herum und die eigenen Empfindungen und Gefühle bewusster wahr. Er lernt, diese anzunehmen, ohne sie gleich als gut oder schlecht zu bewerten.

"So können wir Dinge aus einer neuen Perspektive betrachten", sagt Kohls. Wie im Fall von Arndt Büssings Tumorpatienten: Ihr Denken hatte sich so verändert, dass sie ihre Erkrankung akzeptierten und die ihnen verbleibende Zeit bewusster wertschätzen konnten.

Zunehmend interessiert sich die Schulmedizin für diese Effekte. So lautete das Motto des Deutschen Schmerzkongresses 2019 "MitGefühl zum Schmerz", und der Benediktinermönch Anselm Grün hielt die Eröffnungsrede. Zwischen Vorträgen über Triggerpunkt-Betäubung und Antikörper-Therapie sprach auch Kohls über sein Fachgebiet.

Weniger Schmerz durch Achtsamkeit

"Schmerz ist gebunden ans Bewusstsein, er ist ein körperliches und psychologisches Ereignis", erklärt er. Wer lerne zu entspannen, zum Beispiel mit Achtsamkeitsmeditation, könne seinen Leidensdruck bei chronischen Schmerzen senken.

Tatsächlich zeigt zum Beispiel eine deutsch-amerikanische Studie mit Forschern des Bender Institute of Neuroimaging in Gießen: Die Hälfte der 34 Teilnehmer, die viel Erfahrung mit Achtsamkeitsmeditation hatten, empfanden elektrische Schmerzreize weniger unangenehm als die Kontrollgruppe. Zudem war ihre Angst vor dem nächsten Schmerzreiz um fast ein Drittel geringer.

Aufnahmen im Magnetresonanztomografen (MRT) ­­ergaben zudem: Areale im Gehirn, in denen der Schmerzreiz verarbeitet wird, waren bei den Meditierenden stärker aktiviert. Die Ergebnisse wurden im Fachblatt Cerebral Cortex veröffentlicht.

ältere Frau dreht das Gebetsrad Gebetsmühle

Sind Gläubige wirklich schmerzfrei?

Ein viel zitiertes Experiment an der Universität Oxford legt zudem nahe, dass es auch einen Zusammenhang zwischen Glauben und subjektiver Schmerzwahrnehmung gibt. Wissenschaftler zeigten gläubigen Katholiken und Nichtgläubigen ein Bild der Jungfrau Maria. Währenddessen wurde ihnen Schmerz zugefügt, das Gehirn mittels MRT überwacht.

Das Ergebnis: Die gläubigen Probanden berichteten, der Schmerz habe beim Anblick des Marienbildes nachgelassen. Auch hier unterstützte die Aktivität bestimmter Hirnareale diese Aussage. Weil sie abgelenkt waren, konnten die Gläubigen den Schmerz emotional anders, weniger negativ bewerten, vermuten die Forscher.

Effekte des Glaubens sowie religiöser oder spiritueller Techniken sind in diesen Untersuchungen in gewissem Umfang erkennbar. Aber ob und wie Glaube oder Spiritualität generell Schmerzen lindert oder gar Krank­heiten schneller heilt, lässt sich nicht definitiv sagen. "Gerade in der Hirnforschung werden Befunde oft überschätzt", so das Fazit von Dr. Ulrich Ott vom Gießener Bender Institute of Neuroimaging.

Fragen über Fragen

Der Experte hat Studien über die neuronalen Grundlagen von Religiosität und spirituellen Erfahrungen gesichtet. Häufig untersuchten Forscher dabei in stark konstruierten Versuchsanordnungen nur sehr wenige Personen spezieller Gruppen, wie etwa betende Nonnen oder meditierende Mönche.

Dann wäre da außerdem die Frage, wie man den Grad von Spiritualität und Glauben misst und ob Erfahrungen und Praktiken verschiedener Religionen eins zu eins vergleichbar sind. All diese Unsicherheiten bringen Ergebnisse, die manchmal nicht nachvollziehbar und oft nicht verallgemeinerbar sind. Deshalb ist weitere Forschung notwendig.

Spiritualitätsforscher Arndt Büssing sagt, er würde bei vielen statistischen Untersuchungen ebenfalls ein Fragezeichen machen. Wenn zum Beispiel eine Datenanalyse ergebe, Gläubige hätten ein geringeres Risiko für Herz- Kreislauf- Erkrankungen oder seltener Krebs als Atheisten. Denn auch diese Befunde beträfen zumeist nur sehr spezielle Personengruppen.

Siebenten-Tags-Adventisten etwa sind laut Büssing schon alleine deshalb gesünder, weil sich viele vegetarisch ernähren und den Sonnabend wirklich besinnlich verbringen.

Studien sollen Religiosität fördern

Auch Professor Sebastian Murken, der sich seit über 30 Jahren mit Religionspsychologie auseinandersetzt, findet die Wechselwirkungen zu komplex für konkrete Aussagen. Er wolle zwar nicht sagen, dass die Wissenschaft schlecht sei, die betrieben werde.

"Aber sie ist definitiv sehr interessensgeleitet", so der Experte, der an der Philipps-Universität Marburg lehrt. Gefördert würden inzwischen vor allem Studien, die positive Ergebnisse bringen. Murken sieht ein klares Ziel, das hintergründig durch die Finanzierung verfolgt werde: die Religiosität der Gesellschaft stärken.

Was alle Experten sofort unterschreiben würden: dass Glauben oder Spiritualität beim Umgang mit einer Krankheit helfen kann. Murken hat das vor einigen Jahren in einer onkologischen Fachklinik in Bad Kreuznach, Rheinland-Pfalz, untersucht.

Positiver Rückhalt in schweren Lebenslagen

Frauen mit Brustkrebs wurden nach ihrer Lebensqualität befragt. Eine religiöse Orientierung, aber auch der Glaube an gewisse Werte wie Familie halfen den Pa­tientinnen offenbar, die Krise durchzustehen. Sie konnten teilweise sogar einen positiven Sinn in ihrer Erkrankung erkennen, waren zum Beispiel dankbar, aufgrund der schlimmen Diagnose angefangen zu haben, über das eigene Leben intensiv nachzudenken.

Badende im Wasser

Allerdings trat der positive Effekt nur unter bestimmten Bedingungen ein. Sehr religiöse Frauen fanden Hilfe in ihrem Glauben, wenn sie ein liebevolles, mitfühlendes, vergebendes Bild von Gott hatten. Patientinnen, die ihren Gott als strafend verinnerlicht hatten, gaben an, verstärkt unter Ängsten zu leiden, und gerieten eher in depressive Zustände. "Sie machten sich Vorwürfe, der Krebs müsse eine Strafe sein für ein früheres Fehlverhalten", berichtet Murken.

Wenn Religion oder Spiritualität in einer Krise helfen sollen, müssen sie also positiven Rückhalt bieten. Fünf religionspsychologische Wirkmechanismen gibt es, die für alle gleich gelten – egal ob evangelischer Christ, Zeuge Jehovas oder Yogi. Sie können genauso hilfreich sein wie schädlich.

Spiritual Care

Trägt der Glaube dazu bei, sich gesundheitsfördernd oder -mindernd zu verhalten? Fördert er den Selbstwert, oder wird man bei Fehlern verdammt? Ist die Gemeinschaft ein Netzwerk, das unterstützt, oder herrschen soziale Kontrolle und Anpassungsdruck? Hilft der Glaube, die Welt zu verstehen, Ereignisse wie den Tod einzuordnen?

Den fünften Mechanismus, das Coping (Bewältigung), hält Murken für den wichtigsten: Beeinflussen Glaube oder Spiritualität den Umgang mit Problemen? In diesem Fall kann eine Krebserkrankung positiv als Herausforderung gedeutet werden, der man sich stellen muss. Genauso kann aber die Aussage "Jetzt hilft nur noch Beten" einen Arztbesuch verhindern.

"Spiritual Care" heißt ein relativ junger Medizinbereich, der sich dem Thema Coping widmet. "Er umfasst die gemeinsame Sorge von Ärzten, Pflegepersonal und anderen Gesundheits­berufen um die spirituellen Bedürfnisse und Probleme kranker Menschen – und auch um die eigenen", sagt Professor Eckhard Frick von der Forschungsstelle Spiritual Care an der Technischen Universität München.

Er stellt quasi eine Erweiterung dessen dar, was Ludger Verst als Krisenseelsorger macht. Das Ziel ist, herauszufinden, was Patienten Kraft gibt, und darauf einzugehen, um diese Ressource für die Heilung zu aktivieren.

Spiritualität als Kraftquelle

Klagt zum Beispiel ein Schmerzpatient, alles sei sinnlos, seitdem er nicht mehr mit seiner Band Musik machen kann, erarbeitet die Therapeutin mit ihm einen Behandlungsvorschlag, der Musik einbezieht", erläutert Frick.

Auf der anderen Seite könnten Pflegende jederzeit Unterstützung in beruflichen Situationen erhalten, die sie spirituell oder existenziell belasten. Im Hamburger Albertinen-Krankenhaus beispielsweise wird das bereits umgesetzt.

Frick hofft, Spiritual Care werde sich zunehmend außerhalb der Palliativpflege etablieren. "Glauben ist keine Wunderdroge", betont jedoch auch er. Und: Spiritualität könne Leiden durch schwere Krankheiten nicht beseitigen. "Aber sie ist eine Kraftquelle."