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Schutz vor nichtionisierender Strahlung

Nichtmedizinische Anwendungen von Lasern, Strom, Magnetfeldern und Ultraschall haben zugenommen. Eine neue Verordnung soll Kunden vor Schäden bewahren

von Dr. Achim G. Schneider, 15.05.2019
Schutz vor nichtionisierender Strahlung

Fachkunde nötig: Verglichen mit Röntgenstrahlen haben die oben genannten nichtionisierenden Strahlen eine viel niedrigere Energie. Dennoch erfordert es einiges an Kenntnissen, um die Geräte auch sicher einzusetzen


Kosmetiker entfernen mit Lasern unerwünschte Haare von der Haut ihrer Kunden. Fitnessstudio-Mitarbeiter setzen Muskeln unter Strom, um den Trainingserfolg ihrer Mitglieder zu beschleunigen. Betreiber sogenannter Babykinos beschallen den Bauch von Schwangeren, damit sich werdende Eltern – oft samt Verwandtschaft – an Live-Videos des Embryos erfreuen können. Die Liste an Beispielen kommerzieller Bestrahlungen, die in den vergangenen Jahren aufgekommen sind, ließe sich fortsetzen.

"Techniken und Geräte, die ursprünglich nur zu medizinisch-therapeutischen Zwecken verwendet wurden, werden zunehmend auch zu anderen Zwecken in der Kosmetik und im Lifestyle-Bereich an­geboten. Hier beobachten wir einen Wildwuchs", sagt Dr. Thomas Jung, Fachbereichsleiter beim Bundesamt für Strahlenschutz in Oberschleißheim bei München. Denn bislang fehlte es an Vorgaben für nichtmedizinische Bestrahlungen mit Licht, Ultraschall, Strom und Magnetfeldern.

Verordnung zur qualifizierten Strahlenanwendung

Doch damit wird es bald vorbei sein. Seit Dezember 2018 gibt es erstmals eine Verordnung, die auch den Umgang mit diesen sogenannten nichtionisierenden Strahlen regelt. Einige Vorschriften greifen bereits seit Jahresbeginn.

Ab 2021 dürfen nur noch Ärzte ­bestimmte Bestrahlungen durchführen, und diese ­müssen sich dafür qualifizieren. Von 2022 an benötigen Nichtmediziner für Anwendungen, die ihnen weiterhin offenstehen, einen Fachkundenachweis. Die dafür nötigen Fortbildungen werden derzeit erarbeitet.

Stärkerer Verbraucherschutz

"Wenn all diese Regeln in Kraft sind, werden die Verbraucher besser vor nichtionisierender Strahlung geschützt sein", sagt Jung. Denn viele Bestrahlungen sind keineswegs harmlos. Vor allem dann nicht, wenn Unkundige sie durchführen und überwachen. Sind beispielsweise die elektrischen Ströme zur Muskel­stimulation nicht angemessen dosiert, kann das dem Trainierenden schaden.

Laser, elektromagnetische Felder und intensiver Ultraschall wiederum erwärmen die bestrahlten Stellen. Gelangt dabei zu viel Energie auf den Körper, verletzt das die Haut oder das darunterliegende Gewebe ­(siehe Grafiken).

Wie viele Menschen bereits Schäden erlitten haben, ist unbekannt. "Wir wissen wenig darüber, was auf dem Markt passiert und welche Nebenwirkungen auftreten. Dazu gibt es kein Meldesystem", erklärt Jung.

Geräte wurden verboten

Mithilfe einer eigenen Umfrage hat das Bundesamt für Strahlenschutz im vergangenen Jahr Erkenntnisse gewonnen. 18 Prozent derjenigen, die schon einmal kosmetische Behandlungen mit optischer Strahlung hatten durchführen lassen oder selbst gemacht hatten, berichteten von bleibenden Nebenwirkungen. Die am häufigsten genannten: Narben und Pigment­­störungen.

So konnte es nicht weitergehen, meint Dr. Ralph von Kiedrowski vom Vorstand des Berufsverbands Deutscher Dermatologen. Auch für ihn ist "Wildwuchs" die passende Bezeichnung für die jüngste Entwicklung. "Bis vor Kurzem verwendeten Kosmetiker, Heilpraktiker und Tätowierer Lasergeräte, für die es keine Regeln gab. Einige wurden jetzt verboten." Darunter zum Beispiel solche, mit denen Haare entfernt werden.

Von Kiedrowski befürwortet auch die weiteren Neuerungen. Etwa, dass künftig nur noch Mediziner Tattoos, Permanent-Make-up und Alters­flecken entfernen dürfen. Auch die Behandlung von Hautröte (Coupe­rose), bei der erweiterte Blutgefäße an der Gesichtsoberfläche beseitigt werden, bleibt dann Ärzten vorbehalten. Kiedrowski: "Nur wer die Effekte von intensivem Licht auf die Haut kennt, kann Schäden vermeiden."

Arztvorbehalt bei Hautbehandlungen und Lipolyse

Der Behandler muss zum Beispiel auch wissen, wann er keinen Laser einsetzen darf. So bei Flecken, die auf Hautkrebs hindeuten. Wird ein Melanom bei einer kosmetischen Behandlung versehentlich entfernt, bleiben Tumorzellen übrig. Das Melanom ist dann oft selbst für Fachleute nicht mehr erkennbar – und wächst unbemerkt weiter. Bildet es im Körper Tochtergeschwülste, endet die Krankheit meist tödlich.

Doch nicht nur viele Hautbehandlungen unterliegen ab 2021 dem Arztvorbehalt, sondern zum Beispiel auch solche, die unerwünschte Fettpolster auflösen sollen. Für die sogenannte Lipolyse kommen Laser, hochfrequente elektromagnetische Wellen und Ultraschall zum Einsatz. Und auch die Stimula­tion des zentralen Nervensystems mit nichtionisierenden Strahlen bleibt in der Hand von Medizinern.

Bislang arbeiten dazu vor allem Spezialisten mit Magnetfeldern und elektrischen Strömen, um Patienten mit bestimmten neurologischen oder psychiatrischen Erkrankungen zu behandeln – etwa nach Schlaganfällen oder bei schweren Depressionen. Sie therapieren meist in Studien, um ihre Methoden zu erforschen. "Doch in den USA wird bereits dafür geworben, mit solchen Techniken auch die Hirnleistung von Gesunden zu steigern. Die ersten Geräte drängen auf den deutschen Markt", berichtet Jung.

Ab 2021 nur noch medizinisch begründbarer Ultraschall

Eine besonders strikte Regelung gilt ab 2021 für Ultraschall. Seine nichtmedizinische Anwendung wird komplett verboten. Frauenärzte werden den Bauch ihrer Patientinnen nicht mehr beschallen dürfen, nur um das heranreifende Baby einfach zu filmen. Diese derzeit noch häufig angebotene kostenpflichtige Leistung von Ärzten wird dann zur Ordnungswidrigkeit – und vom Markt verschwinden.

Die Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (Degum) kritisiert dieses Verbot, vor allem dessen Begründung. "Dort heißt es, dass ­Ultraschall generell gefährlich für den Fötus ist. Und das ist falsch", sagt Heiko Dudwiesus, Leiter des Arbeitskreises Ultraschallsysteme bei der Degum. "Es ist zu befürchten, dass Schwan­gere durch die vermittelte Botschaft verschreckt werden und nicht mehr zu den empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen gehen."

Bedenkliche Erhitzung möglich

Trotzdem gilt: Auch Ultraschall kann Schaden anrichten, wenn er das bestrahlte Gewebe zu stark erwärmt. Für fast alle bildgebenden Anwendungen ist der thermische Effekt allerdings vernachlässigbar gering. Lediglich beim Messen des Blutflusses im sogenannten gepulsten Dopplermodus könnte es zu einer gesundheitlich bedenklichen Erhitzung kommen – wenn der Anwender den gebündelten Strahl entgegen etablierter Vorschriften minutenlang auf ein Gefäß richten würde.

"Wegen dieser Gefahr wird in allen Ultraschall-Kursen gepredigt, den Doppler maximal fünf Sekunden lang einzusetzen, dann eine Momentaufnahme von dem Gefäß zu machen und das Bild in Ruhe auszuwerten", sagt Dudwiesus.

Beim sogenannten Babyfernsehen hingegen wird ein dreidimensionaler Raum beschallt. Hier ist die Wärmebelastung von allen Anwendungen am geringsten. Jung hält das Verbot dennoch für angemessen. "Wir wissen, dass Ultraschall schaden kann. Schwangere und Föten sollen daher nicht damit bestrahlt werden, wenn es dafür keine medizinischen Gründe gibt."