Nebenwirkung

Meine Zähne brauchen kein Handy


Vom Wikingerkönig Harald Blauzahn habe ich kürzlich erstmals als Namensgeber der "Bluetooth"-Technologie gehört. Wenn es nun stimmt, dass sich der Name Blauzahn auf die Farbe seiner Beißer bezieht, wirft das kein gutes Licht auf die neueste Errungenschaft im Markt der Zahn­hygiene: eine elektrische Zahnbürste, die vor dem Spiegel per Bluetooth kabellos mit meinem Smartphone kommuniziert. Vorausgesetzt, ich bin bereit, 250 Euro zu investieren.

Über eine App kann ich dann nicht nur ablesen, wie das Wetter vor dem Badfenster ist und wie sich Ölpreis oder ­Nahost-Konflikt über Nacht entwickelt haben. Ich erhalte auch individuelle Tipps zu meiner Zahnputz-Technik. Daran haben sich schon meine Mutter sowie die Zeichentrick-­­Figuren Karius und Baktus versucht. Mit Erfolg, wie ich hoffe.

Ich bin bestimmt kein Verschwörungstheoretiker, der fürchtet, dass der US-Geheimdienst meine Zahnputz-Daten abgreift. Als Online-Journalist bin ich neugierig auf technische Spielereien – auch weil sie meiner Gesundheit nützen. Ich überprüfe jeden Abend, ob ich auf dem Schrittzähler meinen Tagesschnitt nach oben getrieben habe. Auch meinen Schlaf hat schon eine App aufgezeichnet.

Eine Zahnbürste, die sich einbildet, mich bei der doch recht banalen Routine der Zahnhygiene belehren zu müssen, kratzt an meinem Selbstvertrauen. Der Psychiater Manfred Spitzer spricht von "digitaler Demenz", wenn wir jegliche Denkleistung der Technik überlassen. Ich halte dieses Schreckensszenario für übertrieben. Die Selbstbestimmung über kreisende und schrubbende Bewegungen will ich aber erst abgeben, wenn es meine geistigen Fähigkeiten nicht mehr vermögen. Im ­Übrigen: Blauzahns Zähne hätten sich vermutlich schon über eine simple Plastik-Zahnbürste gefreut.