Nebenwirkung

Der (ein)gebildete Kranke

Dr. Roland Mühlbauer

Als ich noch als Arzt in einer Klinik arbeitete, half ich beim Einstellen eines Kernspingeräts. Im Getöse der ­Magnetfeldgradienten lag ich stocksteif auf einer harten Pritsche. Zwei Stunden später hatte ich es überstanden, war aber völlig verspannt.
Dann begann das Zucken. Unten an meinem Fuß. Immer wieder zog sich schnell und ohne meinen ausdrücklichen Befehl ein Muskel zusammen. Nun ist Muskelzucken erst einmal nichts Schlimmes. Wer in sich hineinhört, erwischt seinen Körper ständig bei komischen Aktionen – erst recht, wenn er verspannt ist.

Zum Problem werden die Aktionen aber bei einem Arzt mit genug Einbildungskraft: Ich dachte nämlich, das Zucken könnte der Vorbote einer Nervenkrankheit sein. So schlich sich nach und nach die Angst in mein Hinterstübchen. ­Ständig merkte ich, dass wieder irgendwo etwas gezuckt hat. Am Auge. An den Waden. Am Arm. Ein Albtraum, der mich kaum noch schlafen ließ. Könnte es am Ende gar ALS sein, eine Krankheit, die rasch zum Verlust der Körperkontrolle führt, bis die Atmung versagt?
Erst zwei Wochen später traute ich mich zur Neurologin. Sie spickte mich wie ein Nadelkissen und maß die Ströme, die Nervenerregungen auslösen. Ergebnis: alles im Norm­bereich. "Um ganz sicherzugehen, können wir auch noch Messnadeln in Ihre Zunge piksen", sagte sie. Die Tortur wollte ich dann doch nicht über mich ergehen lassen. Endlich glaubte ich ihr, dass mir meine Fantasie einen Streich ­gespielt hatte. Und kaum war ich entspannter, nahm das ­Zucken schnell ab.
Ja, auch medizinisches Wissen schützt nicht vor unbegründeten Ängsten. Manchmal schürt es sie sogar.