Nebenwirkung

Alles ist möglich


Einfühlungsvermögen sollte in manchen Berufen selbstverständlich sein. Sollte man meinen. Zum Beispiel bei Schauspielern. Oder Priestern. Oder Ärzten. Bei Ärzten sollte es selbstverständlich sein, dass sie ihre Patienten ermutigen, wenn es irgendwie geht. Und dass sie ihnen unangenehme Dinge schonend beibringen. Sollte man meinen.

Kürzlich fiel mir auf, dass meine linke Pupille größer ist als die rechte. Ich fragte Dr. Google. Der ist per definitionem nicht wahnsinnig einfühlend. Dafür aber umfassend. Hinterher wusste ich, dass mein pupilläres Ungleichgewicht von nichts bis Tumor alles sein könnte. Das beruhigte mich nicht wirklich. Also ging ich zum Augenarzt. Ich wollte eine richtig schöne Diagnose. So von Mensch zu Mensch.

Also sitze ich im Wartezimmer. Schöne Praxis. Teures ­Ambiente. Kaffee gibt’s aus so einer schicken Maschine, in die man kleine Aluminiumkapseln steckt. Ob eine Zuzahlung nötig gewesen wäre – das weiß ich nicht genau. Wenig später sitze ich auf dem Behandlungsstuhl. Auch alles teuer in dem Raum.

Mein Sohn, er ist fünf und will immer alles anfassen, ist dabei – und fasst alles an. So auch irgendein Behandlungs­instrument mit Glasplättchen. Der Arzt runzelt die Stirn, geht das Plättchen austauschen und erklärt mir, dass das ein sehr teures Plättchen sei. Dann schaut er mir in die Augen. Mit einem sehr kompliziert und ebenfalls sehr teuer aus­sehenden Instrument. Dann die Diagnose.

"Tja. Das kann vieles sein. Ein Tumor, ein Aneurysma, oder es bedeutet gar nichts." Aha. Jetzt weitet sich garantiert nicht nur meine linke Pupille. "Wie wahrscheinlich ist etwas Schlimmes? Und worauf kommt es jetzt an?", frage ich. "Bei etwa fünf Prozent der Patienten steckt was Ernstes dahinter", antwortet er. Aha. Das müsse man jetzt weiter untersuchen. Das könne er aber in seiner Praxis nicht. Da müsse ich in ­eine Spezial-Augenklinik. Alles Gute wünscht er mir noch, als ich meine Jacke greife und die Hand meines Sohnes. Eine Adresse gibt er mir noch mit. Wie nett von ihm!