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Moorbäder: gesund, aber problematisch

Torf heizt dem Körper ein und fördert die Gesundheit, indem er das Immunsystem ankurbelt und die Muskeln entspannt. Das Klima hingegen wird durch die feuchten Landschaften geschützt. Ein Konflikt

von Konstanze Faßbinder, aktualisiert am 28.10.2019
Schlammiger Badespaß: Die Wärme des Torfs hat eine schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung

Schlammiger Badespaß: Die Wärme des Torfs hat eine schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung


Schwarzes Gold steht eigentlich für Erdöl. Eine kleine Gemeinde in Oberbayern aber verbindet den Begriff mit: Schlamm. Genauer gesagt mit dem Torf aus den Mooren im Umland.

Mitte des 19. Jahrhunderts entdeckte der Gerichtsarzt Desiderius Beck, dass Bäder oder Auflagen mit diesem Naturprodukt Entzündungen und Schmerzen lindern, und machte daraus eine Geschäftsidee. Er eröffnete in Bad Aibling die erste bayerische Sole- und Moorschlamm-Badeanstalt, der Grundstein für den Aufstieg der Gemeinde zum Kurort.

Torf für Körper und Klima

Noch heute werden in Bad Aibling Torf-Anwendungen angeboten. Und inzwischen weiß man auch, warum diese so guttun: "Sie erhöhen die Körpertemperatur um bis zu zwei Grad Celsius, Hyperthermie genannt. Muskeln entspannen, das Immunsystem kommt auf Trab. Antientzündliche und hormonell wirksame Stoffe gehen in und durch die Haut. Unter anderem Dopamin wird ausgeschüttet und entspannt die Psyche", sagt Professor André-Michael Beer. Er leitet die Klinik für Naturheilkunde an der Klinik Blankenstein in Hattingen.

Möglich wird das durch die Eigenschaften des Badetorfs. Die Masse speichert Wärme extrem gut und gibt sie – anders als Wasser – nur langsam ab. Bäder in der ­etwa 42 bis 44 Grad warmen Masse fühlen sich deshalb nicht heiß, sondern angenehm an.

Schoenramer Moor bei Sonnenuntergang

So wirken Moorbäder

  • Torf gibt Wärme nur langsam ab. Überwärmungsbäder mit 42 bis 44 Grad erzeugen eine Art  künstliches Fieber. Immunsystem und Stoffwechsel werden angekurbelt, die Muskulatur entspannt.
  • Torfinhaltsstoffe gelangen in die Haut. Sie wirken antientzündlich, hormonell, schmerzlindernd und auch entspannend. Die Dopaminausschüttung wird angeregt.
  • Die hohe Dichte des Bads trägt das Körpergewicht und entlastet die Gelenke.

Doch Torf kann sich nicht nur temperaturerhöhend auf den Körper auswirken. Die Landschaftsform Moor als Torfspeicher beeinflusst auch das ­­Klima positiv. "Seit etwa 25 Jahren wird über Moore als Kohlenstoffdioxid-Speicher diskutiert", sagt Corinna Malek. Für eine Ausstellung hat sich die Historikerin und Heimatpflegerin des Bezirks Schwaben intensiv mit Mooren und deren ökologischer und wirtschaftlicher Bedeutung beschäftigt.

Moorschutz ist Klimaschutz

Weltweit speichern Moore enorme Mengen an Kohlenstoff, bestätigt Dr. Christine Margraf vom Bund Naturschutz (NABU) in Bayern. Enorm bedeutet: etwa doppelt so viel wie alle Wälder zusammen. Werden Moore trockengelegt, entweichen große Mengen an CO2. Gemeinsam mit klimaschädlichen Einflüssen aus Land- und Viehwirtschaft, Verkehr und Industrie heizt das den Treibhauseffekt weiter an.

Die Reduktion dieser Gase beziehungsweise ihre Speicherung gilt als eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben, von der die Entwicklung des globalen Klimas abhängt. Natürliche Moore könnten dazu einen großen Beitrag leisten. Ihre Trockenlegung gilt Naturschützern als fatal – auch weil diese Landschaftsform Hochwasser absorbiert, das Grundwasser schützt sowie bedrohten Tieren und Pflanzen Lebensraum bietet.

Moor im Morgendunst

Laut ­NABU sind in Deutschalnd allerdings bereits 95 Prozent der 1,5 Millionen Hektar Moorlandschaft entwässert, ­abgetorft, bebaut, land- oder forstwirtschaftlich genutzt.

Schlammiger Badezusatz zum Recyceln

Die Trockenlegung begann nach dem Mittelalter durch Drainagen. Abgebauter Torf diente als Streu in Stallungen, wurde als Brennmaterial genutzt und ab den 1950er-Jahren als Zusatz für Blumenerde und Pflanzensubstrat. Und seit dem Aufkommen der Kur­bewegung eben auch für Gesundheitsanwendungen.

Heute dürfen aus Umweltschutzgründen nur noch bereits bestehende Torfabbaugebiete ausgebeutet werden. "In norddeutschen Mooren passiert das auf einer Fläche von 35 000 Hektar, in Bayern findet Torfabbau nur noch ganz vereinzelt statt", sagt Naturschützerin Margraf. Für den Garten- und Landschaftsbau fordert sie ein Verbot des Torfeinsatzes.

"Und auch für medizinische Anwendungen muss so weit wie möglich auf Torf verzichtet werden." Wo er unbedingt nötig sei, solle er nicht aus primären Mooren abgebaut werden, sondern aus Paludikulturen stammen. Das sind wiedervernässte, entwertete Feuchtgebiete, die klimaschonend bewirtschaftet werden.

Badespaß im Trüben

Ein Bad im Naturmoorsee hat zwar nicht die Wärmewirkung von Torfschlamm, sein schwarzes Wasser enthält aber dieselben Wirkstoffe. Wer es ausprobieren will, kann das zum Beispiel hier tun:

 

  • Das Moorschwimmbad Reichenbach in Oberstdorf ist je nach Witterung bis Mitte/Ende September geöffnet. Es wird aus frischem Quellwasser gespeist.
  • Im Flecklbad in Fleckl (Fichtelgebirge) gibt es Bad nebst separatem Moor. Idyllisch am Waldrand gelegen und von Ehrenamtlichen gepflegt.
  • Das Natur-Moorbad Aschau hat Kneipp-Anlage und Nichtschwimmerbereich sowie eine tolle Aussicht auf die Berge.

In den Bestimmungen des Heilbäderverbands heißt es ebenfalls, dass die Entnahme von Torf zu Badezwecken unter Beachtung der ökologischen Besonderheiten dieser Biotope zu erfolgen habe: "Zum Schutz der Moorvorkommen kann abgebadetes Moor nach  angemessener Regenerationszeit als Zuschlag zu Frischmoor nochmals verwendet werden."

Dafür muss der bereits genutzte Badetorf allerdings mindestens fünf Jahre in der ursprünglichen Lagerstätte oder in speziellen Regenerationsbecken lagern.  
Ökologisch ist das sinnvoll. Aber ist es auch wirtschaftlich? Für ein Moor-Vollbad mit bis zu 250 Litern, das zu einem Drittel aus Torf und zwei Dritteln Wasser besteht, betreibe man einen immensen Aufwand, berichtet Thomas Jahn, Kurdirektor in Bad Aibling.

Kur-Behandlungen sind rückläufig

Ein Arbeiter baggert den Torf aus. Dieser wird in einer Aufbereitungsanlage verarbeitet, anschließend ins Kurmittelhaus gebracht und dort aufgeheizt. Personal muss den Patienten bei der Anwendung beaufsichtigen und auch danach, wenn er duscht und sich ausruht.

"Anschließend wird das Moor mit Druck aus der Wanne gesaugt und im Tankwagen, überwacht von den Naturschutzbehörden, zur Renaturierung wieder in die Natur gebracht." Kaum verwunderlich, dass Kurorte wie Bad Aibling vor allem mit Moor nicht mehr kostendeckend arbeiten können.

"Es werden deutlich weniger Kuren verschrieben und gleichzeitig zu wenige Kosten erstattet", so Jahn. Der Kurdirektor bezeichnet das als "desaströse Entwicklung". Inzwischen führt sein Heilbad nur ein Viertel der Kur-Behandlungen durch, die zu Spitzenzeiten erreicht wurden, wenn auch die Zahlen seit 2007 stagnieren oder leicht steigen. Das schwarze Gold – es glänzt höchstens noch silbern.

Naturschutzgebiet Schwarzes Moor, Biosphärenreservat Rhön

Aus wirtschaftlicher Perspektive seien die Verordnungen unattraktiv, bestätigt auch Naturheilkundler Beer: "Das steht in scharfem Kon­trast dazu, was Mooranwendungen leisten können." Und zwar auch für ambulante und stationäre Therapien.

Mit Torf gegen Entzündungen, Schmerzen und Burn-out

Seit fast 20 Jahren behandelt der Mediziner mit den Anwendungen chronisch Kranke, denen die Schulmedizin nicht helfen konnte – und die deshalb irgendwann bei ihm in der Klinik landeten.

Positive Forschungsergebnisse machen Torf zu einen "spannenden, hochwirk­samen Naturstoff", sagt Beer. Er entfaltet seine entzündungs- und schmerzstillende Wirkung etwa bei Rheuma oder Arthrose, Bäder im Torf-Wasser-Mix lindern zudem Rückenschmerzen und Hautkrankheiten wie Psoriasis.

Manche Burn-out-Kliniken bieten Patienten entspannende Moorbehandlungen an. Und weil Stoffe im Torf auf den hormonellen Regelkreis wirken sollen, wird er auch bei Frauenleiden und Kinderwunsch empfohlen.

"Trotzdem ist Torf in der heutigen Medizin nicht en vogue", bedauert Beer. Doch das könnte sich ändern, glaubt er. "Wir haben so viele chronisch Kranke, zum Beispiel Schmerzpatienten, die auch mit Opioiden nicht mehr angemessen versorgt werden können." Seine 60 Klinikbetten jedenfalls seien das ganze Jahr über belegt.