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Kleine Beschwerden selbst behandeln?

Um kleine Beschwerden können sich Patienten oft auch gut kümmern, ohne einen Arzt aufzusuchen. Manche Experten plädieren für noch mehr Eigenverantwortung, andere argumentieren zurückhaltender

von Christian Krumm, aktualisiert am 12.03.2020
Mann vor Text Dr. Ich

Selbst ist der Doktor: Die Selbstmedikation liegt im Trend. Statt zum Arzt gehen viele Patienten häufig direkt in die Apotheke


Ausgesprochen gerne greifen die Deutschen bei leichten gesundheitlichen Beschwerden zu Arzneimitteln, die sie ohne Rezept erhalten. Die Medikamente sind schnell und ohne großen Aufwand in der Apotheke zu haben – kompetente Beratung inklusive. Genauso rasch sind viele Patienten dann wieder fit und leistungsfähig.

Trend zur Selbstmedikation

Ob Husten oder Schnupfen, Kopf- oder Halsweh, ob Fußpilz, Schlafstörungen oder Hautwunden – bei den möglichen Anwendungsgebieten gibt es eine riesige Bandbreite. "Die Selbst­medikation ist ein ganz zentraler Baustein in unserem Gesundheitswesen und äußerst wichtig für Patienten, die schnell und unkompliziert Hilfe suchen", sagt Fabian Salzl, Apotheker aus Bad Rappenau.

In den vergangenen sieben Jahren hat sich die Zahl derer, die sich bei leichten Beschwerden ein Mittel aus der Apotheke holen, sogar von 53 auf 57 Prozent erhöht. Zum Arzt gehen stattdessen nur noch 42 Prozent – und damit um fünf Prozentpunkte weniger als noch 2012.

Während seit 2012 weniger ­Menschen zum Arzt gehen, greifen mehr Patienten zu rezeptfreien Mitteln.

Gehe bei Beschwerden zum Arzt
2012: 47%
2019: 42%

Hole mir Mittel aus der Apotheke
2012: 53%
2019: 57%

Allein 2018 wanderten 624 Millionen Packungen rezeptfreier Medikamente über die Beratungstische deutscher Apotheken. Gleichzeitig empfahlen viele Ärzte mehr als 155 Millionen Packungen dieser Präparate mithilfe des grünen Rezepts.

Experten fordern mehr Eigenverantwortung

Der Gesundheitsökonom Professor Uwe May plädiert dafür, die Selbst­­medikation weiter zu stärken. May lehrt an der Hochschule Fresenius in Wiesbaden und beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit der Thematik. Seine Forderung nach mehr Eigenverantwortung begründet er zum einen mit der Zeitersparnis, die nicht nur die Patienten, sondern zudem die manchmal überfüllten Praxen entlasten würde.

"Dadurch könnten wir Arztkapazitäten freisetzen, die dann anderen, wichtigeren Fällen zur Verfügung stehen würden", argumentiert der Experte. Mehr Zeit bedeute auch mehr Erfolg bei der Therapie.

Werden Wartezimmer blockiert?

Bei der Zahl der Arztbesuche sind die Deutschen aktuell Spitzenreiter. Statistiken zufolge geht jeder Bundesbürger durchschnittlich 18-mal pro Jahr zu einem Mediziner. Zum Vergleich: Die Franzosen kommen nur auf etwa fünf Arztkontakte.

Viele Beschwerden müssten aber nicht unbedingt ärztlich versorgt werden, vermutet Apotheker Fabian Salzl: "Ich denke schon, dass viele Menschen die Wartezimmer blockieren, die eigentlich nicht dort sein müssten – insbesondere in den Notfall-Ambulanzen außerhalb der üblichen Sprechzeiten."

Dennoch werden nach Angaben des Bundesverbandes Deutscher Arzneimittelhersteller (BAH) hierzulande jährlich rund 100 Millionen leichte Gesundheitsstörungen in den Arztpraxen behandelt.

Mehr rezeptfreie Arzneimittel

Zugleich zeigt ein BAH-Gutachten: Schon jetzt entlastet Selbstmedikation die gesetzlichen Krankenkassen um rund 21 Milliarden Euro pro Jahr. Das Gesundheitssystem profitiert also, wenn Patienten zu rezeptfreien Mitteln greifen.

Ein wichtiges Instrument dafür sind die sogenannten Switches. So heißen im Fachjargon Medikamente, die aus der Verschreibungspflicht entlassen werden, weil sie sich als ausreichend sicher erwiesen haben. Sie erweitern nach und nach die Palette von Arz­neien, die zur Selbstbehandlung zur Verfügung stehen.

Selbstmedikation Tee Salben Tabletten Kräuter

So dürfen beispielsweise manche Migräne-Patienten darauf hoffen, dass demnächst weitere Wirkstoffe gegen ihr Leiden rezeptfrei in der Apotheke zu bekommen sind. Auch gegen leichte Augenentzündungen, Heuschnupfen und Akne könnte es künftig mehr ­rezeptfreie Mittel geben.

Rezepte von Apothekern

"Wir Apotheker gehen vor allem mit neuen Switches natürlich mit einer ganz besonderen Sorgfaltspflicht um", sagt Fabian Salzl. Rund 85 Prozent der Pharmazeuten und 51 Prozent der Ärzte haben sich in einer repräsenta­tiven Umfrage für mehr Switches ausgesprochen, berichtete Professor Niels Eckstein von der Hochschule Kaiserslautern auf einer Fachkonferenz. Auch mehr als die Hälfte der Verbraucher würden sich der Umfrage zufolge über die Entlassung weiterer Arzneien aus der Verschreibungspflicht freuen.

"Mindestens jeder zweite Patient sucht seinen Hausarzt nur deswegen auf, weil er eine Krankschreibung benötigt oder ein Rezept für ein Medikament, das er bereits kennt", sagt Gesundheits­ökonom May. Seine Vision: In bestimmten Fällen könnte der Apotheker Rezepte und auch Krankschreibungen ausstellen.

Budget für die Selbstmedikation

Ungelöst bliebe damit eines der Hauptprobleme von Switches und rezeptfreien Arzneien: die Kosten. Denn obwohl die Mittel für die Patienten einen Zeit- und Komfortgewinn bedeuten, belasten sie zugleich ihren Geldbeutel. Schließlich werden rezeptfreie Medikamente von den gesetzlichen Krankenkassen allenfalls in Ausnahme­situationen erstattet – vor allem für Geringverdiener bedeutet das eine ­finanzielle He­rausforderung.

May hat hierfür noch eine andere Idee: "Würden die Kassen jedem Patienten jährlich eine Art Selbstmedikationsbudget zur Verfügung stellen – zum Beispiel in der Größenordnung von 50 Euro –, kann sich der Versicherte sein rezeptfreies Medikament bei Bedarf in der Apotheke holen." Die Krankenkasse spart sich unter Umständen die Kosten für einen Arztbesuch.

"Erste Ansprechpartner für die Patienten bleiben"

Doch nicht alle sehen einen Ausbau der Selbstmedikation so positiv wie May. Die Hausärztin Anke Richter-Scheer aus Bad Oeynhausen etwa ist skeptisch: "Auch wenn sicherlich viele banale Fälle in den Praxen auflaufen, wollen wir doch erste Ansprechpartner für die Patienten bleiben."

Das aktuelle System der hausarztzentrierten Versorgung sei effektiv. Dabei entscheidet der Hausarzt unter anderem, ob der Patient zu einem Spezialisten überwiesen werden muss oder ob Selbstmedikation mit rezeptfreien Arzneien ausreicht.

Das sieht der Karlsruher Orthopäde Dr. Johannes Flechtenmacher vom ­­Berufsverband der Deutschen Orthopäden und Unfallchirurgen ähnlich: "Wir können nicht entscheiden, was für andere richtig und falsch ist." Wenn Patienten der Meinung seien, dass sie den Arztbesuch brauchen, dürfe man sie nicht davon abhalten. Schließlich könne auch nicht jeder Patient immer zweifelsfrei beurteilen, ob seine Beschwerden einer ärztlichen Diagnose und Therapie bedürfen oder nicht.

Ursachensuche im Internet verunsichert Laien oft

Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Nielsen im Auftrag des Pharmaherstellers Sanofi hat ergeben: Vier von zehn Bundesbürgern können nicht selbst einschätzen, ob sie wirklich krank sind, wenn ihnen etwas wehtut oder sie sich unwohl fühlen. Und fast jeder zweite sucht im Internet nach möglichen Ursachen für seine Symptome, statt sofort einen Experten zu fragen.

Anke Richter-Scheer

Das kann allerdings riskant sein: "Es kommt immer darauf an, wie der Patient mit den Informationen umgeht", sagt Hausärztin Richter-Scheer. Viele interpretierten die Informatio­nen im Netz nicht richtig, dann bleibe oft die schlimmste Erkrankung als mögliche Diagnose im Gedächtnis hängen. So gerieten Patienten unnö­tiger­weise in Panik.

Noch problema­tischer wird es aber, wenn jemand sich aufgrund der fehlerhaften Bewertung selbst falsch oder überhaupt nicht behandelt und damit eine Verschlimmerung der Erkrankung riskiert.

Spätestens hier sollte der Apotheker vor Ort als sogenannter Gesundheitslotse ins Spiel kommen. Im Rahmen einer eingehenden Beratung kann er die Eigendiagnose des Patienten hinterfragen und ihn gegebenenfalls zum Arzt schicken.

Hilfe aus der Apotheke

Im Gespräch kann der Pharmazeut herausfinden, welche ­­Medikamente für den Betroffenen geeignet sind, ob pflanzliche Arzneien infrage kommen und welche zusätz­lichen Maßnahmen sinnvoll sein können, um die Beschwerden in den Griff zu bekommen.

"Im persönlichen Kontakt fallen viele Dinge auf, die für die richtige Medikamentenauswahl wichtig sind", bestätigt Apotheker Salzl. Das könne beispielsweise eine verkrampfte Körperhaltung sein, ein auffälliges Hautbild oder bestehendes Über- oder ­Untergewicht.

"Bei der Selbstmedikation ist die Beratung durch den Apotheker besonders wichtig", meint auch Hausärztin Anke Richter-Scheer. Sie wirbt aber zugleich für eine intensive Zusammenarbeit von Medizinern und Pharmazeuten – vor allem bei älteren Menschen und chronisch Kranken, die Beschwerden unbedingt ärztlich abklären lassen sollten: "In aller Regel besteht ein guter Draht zwischen Arzt und Apotheke vor Ort." Und das komme letztendlich dem Patienten zugute.

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