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Ist Kinderlähmung ausrottbar?

Das Ziel, Polioviren auszurotten, wird seit Jahren nicht erreicht. Auf absehbare Zeit bleiben Impfungen daher unverzichtbar – auch in Deutschland

von Dr. Achim Schneider, 27.03.2019
Polio

Polioschutz: Zwei Tropfen Impfstoff werden in den Mund geträufelt


Es war ein großer Sieg, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1980 die Welt für pockenfrei erklärte. Erstmals in der Menschheitsgeschichte war es gelungen, eine Infektionskrankheit auszurotten: durch das Impfen von rund 200 Millionen Menschen weltweit über gut zehn Jahre hinweg. Ärzte ritzten oder stachen dazu abgeschwächte Pockenviren in die Haut der Impflinge. Diese entwickelten daraufhin einen effektiven Schutz gegen die gefährlichen Erreger.

Beflügelt durch diesen Erfolg, beschloss die Weltgemeinschaft im Jahr 1988, nun auch die Kinderlähmung (Polio­myelitis, kurz Polio) zu besiegen: ebenfalls durch Massenimpfungen, jetzt mit abgeschwächten Polioviren, die in den Mund geträufelt werden.

Siegeszug der Schluckimpfung

Mit der Schluckimpfung befreiten sich viele reiche Länder schon vor fünf Jahrzehnten von dem Polioproblem, darunter auch Deutschland (siehe Grafik). Auf globaler Ebene hat man in den letzten 30 Jahren ebenfalls sehr viel erreicht: 2,5 Milliarden Kinder wurden geimpft, die Anzahl der Po­lio­fälle sank um 99,9 Prozent. Damit blieb mehr als 16 Millionen Menschen das Schicksal der Lähmung erspart, bilanziert die WHO.

Andererseits hatte man sich vorgenommen, Polioerreger bis zur Jahrtausendwende aus der Welt zu schaffen. Das ist bis heute nicht gelungen: Im vergangenen Jahr erkrankten weltweit 130 Kinder an Polio. "Das Ziel der Ausrottung liegt immer noch in weiter Ferne", sagt Professor Olaf Müller vom Institut für Global Health am Universitätsklinikum Heidelberg.

Doch welches sind die Gründe? Schließlich unternimmt die Weltgemeinschaft weiterhin enorme Anstrengungen und gibt jährlich mehr als eine Milliarde Euro für den Kampf gegen Polio aus. "Leider sind die Voraussetzungen für den Erfolg längst nicht so gut wie bei den Pocken", erklärt Müller. Denn gegen die viralen Erreger dieser Krankheit hatte man die nahezu perfekte Impfung. Eine einzige Dosis genügte, um einen 100-prozentigen Schutz zu erzielen. Des Weiteren waren Infektionen leicht zu erkennen. Denn jeder Virenbefall führte zu einer Erkrankung. Und mit ihren auffälligen Hautausschlägen waren die Pocken nicht zu übersehen.

Unerkannte Virenträger

Bei Polio hingegen sind mindestens drei Impfdosen nötig, um einen guten und dauerhaften Immunschutz zu erzielen. Und wenn es zu einer Infektion kommt, dringen die Viren nur in etwa einem von 200 Fällen in das Rückenmark ein und verursachen dadurch Lähmungen. Die übrigen Infektionen rufen keine oder nur unspezifische Symptome hervor wie Unwohlsein, Durchfall, Fieber und im schlimmsten Fall eine Hirnhautentzündung.

"Es gibt also viele unerkannte Träger von Polioviren, und sie verbreiten den Erreger in ihrem Umfeld", sagt Dr. Kathrin ­Keeren, Leiterin der Geschäftsstelle der Nationalen Kommission für die Polioeradikation in Deutschland am Robert- Koch-Institut in Berlin.

Prof. Dr. med. Olaf Müller ist am Insitut für Global Health am Universitätsklinikum Heidelberg tätig

Die WHO erklärt ein Land daher erst für poliofrei, wenn es dort drei Jahre in Folge keinen Fall von Kinderlähmung mehr gegeben hat. Dann kann man sich einigermaßen sicher sein, dass die Erreger eliminiert sind. Pakistan, Afghanistan und Nigeria sind die letzten drei Länder, die das bis jetzt nicht geschafft haben.

Nigeria: Gerüchte sabottierten Impfbestrebungen

Dabei war man im afrikanischen Nigeria kurz vor dem Ziel. Doch nach zwei poliofreien Jahren erkrankten dort im Jahr 2016 wieder zwei Kinder. Das hat auch eine politische Ursache. "Im muslimischen Norden kursierten bereits zuvor Gerüchte, dass der Westen die Bevölkerung mit diesem Impfstoff sterilisieren möchte. Das hat die Impfkampagne in dieser Region für einige Jahre gestoppt", erklärt Müller.

Derzeit sieht die Situation wieder besser aus. 2017 und 2018 gab es in Nigeria keinen einzigen Fall von Kinderlähmung. Sollte es auch dieses Jahr dabei bleiben, könnte die WHO Afrika für poliofrei erklären. Dann blieben nur noch Afghanistan und Pakistan übrig.

Poliofälle in Deutschland  In der Bundesrepublik (blau) und der DDR (rot) reduzierten Massen­­impfungen die Zahl der Kinderlähmungen zu ­Beginn der 60er-Jahre drastisch. Doch bis zur Ausrottung der Krankheit vergingen noch viele Jahre

Seit 1965

Wenige Fälle von Kinderlähmung

1990

Letzte heimische Erkrankung durch ein natürliches Poliovirus

1998

Umstellung auf Totimpfstoff nach einzelnen Erkrankungen durch mutierte Impfviren

2002

Europa wird für poliofrei erklärt

Doch das Beispiel von Pakistan zeigt, wie mühsam der Kampf gegen Polio ist. Dort war es bereits im Jahr 2005 gelungen, die Anzahl der Polio­­erkrankungen auf 28 Fälle zu senken.

Pakistan: Probleme durch politische Lage

Dank des Einsatzes von bis zu 200.000 Mitarbeitern hatte man bei Kindern hohe Impfquoten erzielt. Doch bürgerkriegsähnliche Zustände in einigen Regionen des Landes führten dazu, dass die Zahl der Krankheitsfälle wieder zunahm.

Im Jahr 2011 kam ein besonders herber Rückschlag hinzu. Der US-Geheimdienst CIA versuchte, mit einer vorgetäuschten Impfkampagne gegen Hepatitis B den Aufenthaltsort des Terroristen Osama Bin Laden herauszufinden. Die Aktion flog auf und brachte bei der heimischen Bevölkerung auch Polioimpfungen in Verruf. Impfpersonal hat man aus den Dörfern verjagt, bis heute wurden mindestens 70 Mitarbeiter ermordet. In Afghanistan und Nigeria brachte man ebenfalls Polioimpfhelfer um.

Impfviren können bei niedrigen Impfquoten länger zirkulieren

Angenommen, es gelingt, die natür­lichen Polioviren demnächst aus­zurotten. Dann wäre die Kinderlähmung immer noch nicht besiegt. Denn in extrem seltenen Fällen verursacht der Lebendimpfstoff selbst Kinderlähmung. Und wie man seit dem Jahr 2000 weiß, kann er auch andere Menschen infizieren.

"Das passiert in Regionen der Welt, die niedrige Impfquoten haben", sagt Keeren. Denn nur dort bekommen Impfviren die Chance, teils jahrelang in der Bevölkerung zu zirkulieren. Einige verändern sich mit der Zeit genetisch zufällig so, dass sie sich wie die natür­lichen Erreger verhalten.

"Diese Infektionen sind aktuell das größere Problem als solche mit den natürlichen Viren", sagt Müller. So kommt es immer wieder zu Ausbrüchen mit genetisch veränderten Impfviren: im vergangenen Jahr in fünf afrikanischen Ländern und in Papua-Neuguinea. Insgesamt gab es weltweit 101 Polioerkrankungen durch mutierte Impfviren und nur 29 durch die natürlichen Erreger.

Bei jedem Ausbruch eilen Helferteams in die betroffenen Regionen und führen dort Massenimpfungen durch. Mit einer weiteren Maßnahme will man die Bedrohung durch Impfviren beenden: Ab diesem Jahr werden viele Länder den Lebend­impf­stoff durch einen Totimpfstoff ersetzen. Er wird unter die Haut gespritzt statt geschluckt. In Deutschland geschieht das bereits seit 20 Jahren.

Tot- oder Lebendimpfung?

Der Vorteil: Der Totimpfstoff kann keine Kinderlähmung verursachen. Doch mit ihm wäre der bislang erzielte weltweite Erfolg nicht möglich ­gewesen. Er schützt zwar vor einer Infektion, doch er vermittelt keine Immunität im Darm. Das bedeutet, Geimpfte können Polioviren an andere übertragen. Ein weiterer Punkt: Da der Tot­impfstoff nicht in den Darm gelangt, wird er auch nicht ausgeschieden – der Lebend­impfstoff schon. Der Effekt: Bei den schlechten hygienischen Verhältnissen in vielen Ländern werden Angehörige durch Kontakt mit Kotspuren geimpfter Menschen mitgeimpft.

Der Lebendimpfstoff hat also den Vorteil, dass er die Anzahl an Polio­­erkrankungen schnell auf ein extrem niedriges Niveau bringt. Doch der Totimpfstoff ist nötig, um auch die mutierten Impfviren loszuwerden.

Kampagne: Mit diesem Plakat warb die Bundesregierung im Jahr 1962 für die Schluckimpfung - nach einem Ausbruch mit 4600 Polioerkrankten Monate zuvor

Werden wir also bald in einer polio­freien Welt leben? Müller zählt zu den Experten, die nicht daran glauben und dafür plädieren, die Ausrottungskampagne jetzt zu beenden.

Kampagne in der Kritik

"Es wäre nachhaltiger, in den globalen Aufbau von guten Basis-Gesundheitsdiensten zu investieren. Damit wäre der Bevölkerung viel mehr geholfen." Teilweise sehen es die Menschen vor Ort auch nicht mehr ein, dass mehrmals pro Jahr Teams für die Polioschluckimpfungen anreisen und sich um andere Krankheiten kaum jemand kümmert.

Keeren hingegen spricht sich für die Fortsetzung der Kampagne aus. "Es haben sehr viele Menschen sehr viel in die Ausrottung investiert. Man darf nicht auf den letzten Metern aufgeben." Für die Expertin zählt zudem ein weiteres Argument: "Das aufgebaute Polionetzwerk ist das größte weltweit und wird auch für andere Gesundheitszwecke genutzt."

Beispielsweise für die Ausrottung der Masern oder für die Gabe von Vitamin A in Mangel­gebieten. Letzteres hat 1,5 Millionen Kinder vor dem Tod bewahrt, schreibt die WHO. Auch sie warnt davor, das Ziel der Ausrottung aufzugeben. Denn dann würden sich die Polioviren möglicherweise wieder weltweit verbreiten und bald 200 000 Kinder pro Jahr lähmen.

Auch in Deutschland könnten die Polioviren wieder heimisch werden. "Die Gefahr ist derzeit zwar nicht groß, aber vorhanden", sagt Keeren. Konsequente Polioimpfungen sind weiterhin nötig, um Infektionen hierzu­­lande möglichst auszuschließen. Es ist nicht zu erwarten, dass sich an dieser Empfehlung des Robert-Koch-Instituts auf absehbare Zeit etwas ändern wird.