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Chronisch krank: Im Büro sagen?

Wer chronisch krank ist, steht vor der Frage, wie er im Beruf mit seiner Einschränkung umgeht. Offenheit im Job zahlt sich oft aus

von Bettina Rackow-Freitag, 19.06.2019
zwei Frauen im Gespräch

Jeder dritte Deutsche leidet unter einer chronischen Erkrankung, die das Berufsleben beeinträchtigt. Den meisten fällt die Entscheidung, sich dem Vorgesetzten anzuvertrauen, nicht leicht


Es war ihr erster Job in einer Agentur. Veronika C. steckte in der Probezeit. Damals war die Kommunikationsdesignerin noch keine 30 Jahre alt, als sie die Diagnose Multiple Sklerose bekam. "Ich habe es meinem Vorgesetzten erzählt, und es ist nach hinten losgegangen." Die kleine Firma war darauf angewiesen, dass kein Mitarbeiter länger ausfällt. Der Arbeitgeber war enttäuscht – und die junge Frau musste gehen. Das ist jetzt 15 Jahre her.

Eine Geschichte, die hierzulande nicht selten ist. Laut Robert-Koch-Institut leidet etwa jeder dritte Deutsche unter einer chronischen Erkrankung, die ihn über längere Zeit oder gar lebenslang begleitet und je nach Symptomatik unterschiedlich beeinträchtigt. Darunter Herz-Kreislauf- Leiden, rheumatische Krankheiten, die Chronisch-obstruktive Lungen­­erkrankung (COPD) oder Diabetes.

Schweigen erlaubt

Oft leidet die Arbeitsfähigkeit. Auch Veronika C. kommt immer mal wieder an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. "Ich kann keine langen Dienstreisen machen, auch Überstunden sind schwer möglich." Da nicht jeder chronisch Kranke einen Behindertenstatus hat oder als schwerbehindert gilt (siehe Kasten), gibt es keine ausdrücklichen Rechte in der Arbeitswelt.

Summieren sich jedoch die Fehlzeiten, ändert sich das Aufgabengebiet oder steigt der Druck von Vorgesetzten, kommen viele betroffene Arbeit­nehmer irgendwann an den Punkt: "Offenbare ich mich oder nicht?"

Der Behindertenstatus

Dauert eine Erkrankung länger als sechs Monate und ist "die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ­beeinträchtigt", liegt laut Sozialgesetzbuch eine Behinderung vor. Der Grad der Behinderung (GdB) richtet sich nach dem ärztlichen Gutachten. Therapieaufwand und Einschnitte im Leben werden berücksichtigt. Der GdB sagt jedoch nichts über die Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz aus.

Rechtlich gesehen besteht definitiv keine Verpflichtung, den Arbeitgeber im Bewerbungsgespräch oder danach über den Gesundheitszustand zu informieren. Es ist sogar unzulässig, wenn ein Arbeitgeber im Bewerbungsgespräch nach Krankheiten fragt. Bewerber dürfen in einer solchen Situation lügen. Das Unter­nehmen kann das Arbeitsverhältnis danach nicht anfechten.

Einzige Ausnahme: Wer sich selbst oder andere gefährdet, muss mit offenen Karten spielen, erklärt Professor Dr. Mathilde Niehaus von der Universität Köln. So muss zum Beispiel ein Busfahrer oder Pilot mit einem fortschreitenden Augenleiden seinen Arbeitgeber sofort informieren, damit es nicht zu einem Unfall kommt.

Das Für und Wider abwägen

"In allen anderen Fällen sollte man sich, bevor man etwas sagt, über alle Konsequenzen erst einmal klar werden", erklärt Niehaus. Sie leitet den Lehrstuhl für Arbeit und Berufliche Rehabilitation und entwickelt mit ­einem Team unter www.sag-ichs.de eine Online-Reflexionshilfe für chronisch kranke und für schwerbehinderte Menschen.

Viele wollen sich nicht mehr hinter Entschuldigungen und Lügen verstecken. "Sie haben aber auch Sorgen, dass sie weniger Chancen im Beruf haben, man ihnen weniger zutraut und sie so den sozialen Anschluss verlieren", berichtet Niehaus.

Schwerbehindertenstatus

Als schwerbehindert stuft das Versorgungsamt Menschen mit einem Grad der Behinderung (GdB) von 50 Prozent und mehr ein. Beim Versorgungsamt kann ein Antrag für einen Schwerbehindertenausweis gestellt werden. Er berechtigt, Nachteilsausgleiche, Leistungen oder anderweitige Hilfen in Anspruch zu nehmen. Die Integrationsfachdienste beraten und unterstützen schwerbehinderte Menschen bei ­unterschiedlichen Problemen im Arbeitsleben.

Das Arbeitsrecht sieht für Schwerbehinderte insgesamt fünf zusätzliche Urlaubstage vor. Einer Kündigung muss der Integrationsbeauftragte zustimmen. Es gilt ein Sonderkündigungsschutz, der dem von werdenden Müttern vergleichbar ist. Mehr Pausen, zum Beispiel für Medikamenteneinnahme oder körperliche Entlastungen, können beantragt werden.

Das Online-Angebot soll helfen, sich an die Entscheidung heranzutasten. Denn ist die Diagnose dem Arbeitgeber einmal mitgeteilt, lässt sich das nicht mehr zurücknehmen. "Faktoren sind sicher das Betriebsklima und die ­Rolle, die Gesundheit in der Firma spielt", erklärt Niehaus.

Sie rät, sich im Unternehmen nur gezielt Menschen zu öffnen, die der Schweigepflicht unterstehen, wie etwa der Betriebsarzt. "Auch die Schwerbehinderten-Vertretung oder der Betriebsrat kann erste Hinweise auf die interne Betriebssicht geben", so die Expertin. Zudem stehen Servicestellen von Krankenkassen und Selbsthilfeorganisationen den Berufstätigen beratend zur Seite.

Fällt jemand mehr als sechs Arbeitswochen im Jahr krankheitsbedingt aus, muss die Firma auf den Arbeitnehmer zugehen und ein betrieb­liches Eingliederungsmanagement (BEM) anbieten.

Hilfestellung im Beruf

Dabei soll geklärt werden, wie einer erneuten Arbeitsunfähigkeit vorgebeugt und der Arbeitsplatz erhalten werden kann. "In großen Unternehmen ist das Vorgehen etabliert", sagt Dr. Anette Wahl-Wachendorf vom Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte. Wenn der Arbeitnehmer das will, können Betriebsrat, Schwerbehindertenvertretung oder Personalrat dazukommen.

"Falls der Arbeitgeber kein BEM angeboten hat, wird er es schwer haben, den chronisch kranken Mitarbeiter krankheitsbedingt zu kündigen", so Wahl-Wachendorf. Andersherum: Lehnt der Arbeitnehmer ein BEM ab, hat er gegen eine krankheitsbedingte Kündigung weniger in der Hand.

Als Betriebsärztin muss Wahl-Wachen­dorf oft zwischen den Seiten vermitteln, individuelle Lösungen finden. "Wenn ein Rheumatiker über Morgensteifigkeit klagt, kann es eine Hilfe sein, wenn er etwas später zur Arbeit kommt." Mitunter ist eine Versetzung oder ein neues Arbeitsgerät eine ­Alternative. "Bei einer muskulären Erkrankung erleichtert ein neuer Stuhl womöglich die Arbeit."

Neuanfang mit offenen Karten

Manchmal ist auch der Weg in die Selbstständigkeit, ein Jobwechsel oder eine Umschulung der bessere Weg. Veronika C. wagte den Neuanfang. "Ich habe den Job als Designerin aufgegeben und an einer Fernuniversität Psychologie studiert."

Heute arbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Forschungseinrichtung. Für ihren jetzigen Arbeitgeber war ihre Multiple-Sklerose-Erkrankung von Anfang an kein Geheimnis. Kann Veronika C. mal nicht an einer Konferenz teilnehmen, ist das kein Problem. Und wenn sie alle sechs Wochen für einen Tag ausfällt, weil sie zur Infusion muss, dann ist das ebenfalls planbar.


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