"Syphilis ist ein großes Tabuthema"

Geschlechtskrankheiten breiten sich aus. Insbesondere die Zahl der Syphilis-Infizierten steigt an. Professor Norbert Brockmeyer über die Gründe und wie sich ein weiterer Anstieg verhindern lässt
von Valerie Till, aktualisiert am 08.09.2016

Vorsicht: Bereits beim Petting ist eine Ansteckung mit dem Syphilis-Erreger möglich

Thinkstock/Goodshot

Die Zahl der Syphilis-Infektionen steigt in Deutschland kontinuierlich an. 2015 erreichte die Zahl der Neuinfektionen laut Robert Koch-Institut (RKI) einen neuen Höchststand: 6834 Neuinfektionen – der höchste Wert seit den 70er-Jahren. Insbesondere in den Großstädten Köln, Berlin und Hamburg ist die Anzahl der Patienten stark gestiegen. Homosexuelle Männer sind von der sexuell übertragbaren Infektion besonders oft betroffen.

Wie kam es zu dem Anstieg? Unser Experte für sexuell übertragbare Infektionen (STI), Professor Norbert Brockmeyer, beantwortet die Frage und erklärt, warum Syphilis häufig zu spät erkannt wird, warum Menschen sich vor einem Arztbesuch scheuen und welche Folgen das haben kann. Brockmeyer leitet das Zentrum für Sexuelle Gesundheit der Klinik für Dermatologie und Venerologie an der Ruhr-Universität Bochum und ist Präsident der STI-Gesellschaft.

Herr Professor Brockmeyer, die Zahl der Syphilis-Infektionen steigt in Deutschland seit 2000 an. Was sind Ihrer Meinung nach Gründe hierfür?

Die Gründe sind vielfältig. Zunächst einmal glauben viele Menschen, dass es in Deutschland keine Syphilis mehr gibt. Das gilt auch für Gonorrhö oder Chlamydien. Ein weiterer Grund ist, dass heute viele Menschen über Dating-Apps und Chatrooms schneller und einfacher Verbindungen eingehen. Durch diese elektronischen Medien kommt eine Vertrautheit zustande, die dazu führt, dass man nicht unbedingt auf ein Kondom besteht.

Ein weiterer Punkt ist, dass wir den Infizierten deutlicher machen müssen, dass die Partner mit behandelt werden sollten, um eine erneute Infektion zu verhindern. Das gilt nicht nur für Syphilis, sondern für alle sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten. 50 Prozent der Neuinfektionen sind Reinfektionen. Außerdem ist die strukturelle Versorgung noch nicht gut. Die Menschen wissen zum Teil gar nicht, wo sie mit einer Syphilis-Infektion hingehen sollen – zum Hausarzt, zum Gynäkologen, zum Urologen oder zum Dermatologen? Hier besteht eine große Unwissenheit. Wir brauchen mehr Transparenz. Und viele Menschen trauen sich auch gar nicht erst zum Arzt. Warum? Weil sexuell übertragbare Infektionen wie Syphilis oder Gonorrhö weiterhin große Tabuthemen unserer Gesellschaft sind. Ihnen haftet noch ein Schmuddelimage an. Teilweise trauen Menschen sich mit dem Verdacht einer Tumorerkrankung eher zum Arzt als mit einem Verdacht auf eine sexuell übertragbare Infektion.

Und schließlich erreichen wir die Menschen mit einer sexuell übertragbaren Infektion zu spät und haben so auch nicht die Möglichkeit, bestehende Infektionsketten zu durchbrechen. Der Grund dafür ist, dass bis zu 90 Prozent der Infizierten keine Symptome aufweisen. Jedoch sind Symptome bei der Syphilis häufiger als bei vielen anderen sexuell übertragbaren Infektionen.

Wie viele Syphilis-Infizierte weisen Symptome auf?

Rund 50 Prozent weisen Symptome der Syphilis auf. Aber diese verschwinden auch relativ schnell wieder. Zu Beginn kann sich an der Stelle, an der der Kontakt mit dem Krankheitserreger Treponema pallidum zustande kam, ein kleines Geschwür bilden. Zum Beispiel beim Oralverkehr im Mund oder beim Genitalverkehr im Genitalbereich. Auch kann das Geschwür am Finger auftauchen, wenn man beispielsweise beim Petting mit dem Finger Kontakt mit dem Erreger hatte. Das Geschwür ist aber nicht schmerzhaft und heilt wieder ab. Es können auch Hautrötungen auftreten, teilweise mit leichter Schuppung, aber auch diese verschwindet nach einer gewissen Zeit. Zwar können diese Rötungen zurückkehren, aber meistens werden die Hautveränderungen mit der Dauer der Infektion geringer. Viele Infizierte denken dann, dass sie nicht zum Arzt gehen brauchen, da es von selbst besser wird.

Welche langfristigen Beeinträchtigungen können entstehen, wenn eine Syphilis-Infektion nicht rechtzeitig erkannt und behandelt wird?

Wenn man die Syphilis nicht therapiert, entstehen langfristig fast in allen Organen Schäden, die zu dramatischen Einschränkungen führen oder sogar lebensbedrohend sein können. Beispielsweise können Schädigungen des Nervensystems auftreten. Teilweise sieht man auch schon relativ früh Veränderungen am Nervensystem, die aber vollständig ausheilen können, wenn man sie rechtzeitig therapiert. Außerdem können das Herz und die Gefäße lebensbedrohlich in Mitleidenschaft gezogen werden.

Das Wichtigste über Syphilis

Syphilis ist eine der drei am häufigsten sexuell übertragbaren Infektionskrankheiten. Sie wird über das Bakterium Treponema pallidum hervorgerufen. Hauptsächlich überträgt sich Syphilis beim Geschlechtsverkehr, wenn der Krankheitserreger über die Schleimhaut oder über kleine Hautrisse in den Körper gelangt.

 

Syphilis kann erfolgreich mit einem Antibiotikum behandelt werden. Jedoch warnt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) davor, dass die Bakterien, die Syphilis auslösen, in wachsendem Maße resistent gegen Antibiotika sind. Das treffe auch auf Gonorrhö und Chlamydien zu. Aufgrund dessen aktualisierte die WHO die Leitlinien zu Syphilis, Gonorrhö und Clamydien Ende August 2016.


Das heißt, jeder Mensch mit Sexualkontakt sollte sich beim Arzt regelmäßig auf Syphilis untersuchen lassen?

Alle Menschen, die mit mehreren Partnern Sexualkontakt ohne Kondom haben, sollten sich regelmäßig untersuchen lassen. Das ist sehr wichtig. Geschlechtskrankheiten kann jeder bekommen. Nicht nur beim Geschlechtsakt an sich, sondern auch beim Petting, im Umgang mit Sexspielzeug oder beim Oralsex. Und was die Partner betrifft: Es wäre gut, wenn der Patient seine/n Partner/in, oder auch mehrere Partner, zu informieren versucht. Vielleicht auch auf anonymem Weg.

Was ist auf Seiten der Ärzte wichtig?

Wir müssen stärker in den Fokus nehmen, dass wir nach sechs bis acht Wochen schauen, ob ein Patient auch wirklich geheilt ist oder die Infektion noch in sich trägt. Es ist nicht immer so, dass eine Therapie die Infektion vollständig heilt. Hier müssen wir unsere Patienten aufklären und stärker darauf hinweisen, dass sie noch einmal in die Praxis kommen und sich untersuchen lassen sollten.

Bin ich immun, wenn ich einmal mit Syphilis infiziert war?

Nein, das ist bei keiner sexuell übertragbaren Infektion der Fall. Sie können eine Infektion immer wieder bekommen. Wir haben in unserer Klinik beispielsweise Patienten, die drei Mal im Jahr mit Syphilis zu uns kommen.


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