Schulterprobleme: Alternativen zur OP

Patienten mit chronischen Schulterbeschwerden wird oft zu einer Operation geraten. Doch Experten empfehlen mittlerweile, es zunächst mit konservativen Therapien zu versuchen

von Dr. Achim G. Schneider, 04.06.2018

Beweglich bleiben: Durch gezieltes Training lassen sich Schulterschmerzen oft lindern – ohne Operation


Entzündete Sehnen und andere Weichteile sind sehr häufig die Ursache für hartnäckige Schulterschmerzen. Orthopäden empfehlen dann oft eine Operation gegen das sogenannte Schulterengpass-Syndrom. An dem Gelenk wird ein Stück Knochen entfernt, um unter dem Schulterdach mehr Platz zu schaffen. 

Solche Dekompressions-Operationen erfolgen häufig. Doch eine britische Studie zeigte vor Kurzem: Der chirurgische Eingriff bringt den meisten Betroffenen nicht viel. Für Dr. Ben Ockert war dieses Ergebnis wenig überraschend.

"Viele Schulterexperten stellen die alleinige Dekompression schon seit Längerem infrage, denn nur wenige Patienten werden dadurch wirklich beschwerdefrei", sagt der leitende Arzt der Sektion Schulter- und Ellenbogenchirurgie an der Universitätsklinik München.

Schulteengpass-Syndrom: Viele Ursachen möglich

Denn es gibt vielerlei Krankheiten, die ein Schulterengpass-Syndrom verursachen können. Zum Beispiel Kalkablagerungen oder kleine Risse in einer Sehne und Verklebungen in der Gelenkkapsel. Auch Muskelverspannungen und Fehlhaltungen können ein Engpass-Syndrom hervorrufen. 

In all diesen Fällen hilft ein Mix aus Physiotherapie, Bewegung und Medikamenten häufig am besten. Experte Ockert: "Die konservativen Maßnahmen sollte man zunächst ausschöpfen. Oft wird die Schulter dadurch wieder gut."

Regelmäßige Physiotherapie fördert die Selbstheilung

"Kurzfristige Termine bei einem Physiotherapeuten sind mittlerweile schwer zu bekommen", sagt Chirurg Ockert. Dennoch wären anfangs drei Einheiten pro Woche am besten. "Pa­tienten, die sofort intensiv in die Behandlung ­­eingebunden werden, haben einen Startvorteil."

Verschiedene Techniken machen das Gelenk beweglicher, lindern Schmerzen und Entzündungen. Bei Bedarf kommen auch Wärme und Strom zum Einsatz. "Diese Maßnahmen sollen den Körper dabei unterstützen, die Selbstheilung anzuregen", sagt Professor Thomas Horstmann. Der Chefarzt am Medical Park in Bad Wiessee ­leitet an der Technischen Universität München eine Forschergruppe für Konservative und Rehabilitative Orthopädie. 

Doch der Patient muss aktiv mitarbeiten. "Wichtig ist, dass er in der Physiotherapie die Anleitung bekommt, um selbst seine Schulter zu trainieren", sagt Horstmann. Er muss die Übungen unter professioneller Aufsicht durchführen, bis er sie beherrscht. 

Besserung durch tägliches Trainieren

"Die meisten Menschen vernachlässigen die Muskeln hinten am Rücken", sagt Horstmann. Etwa beim Autofahren oder am Schreibtisch: Immer arbeiten nur die Gegenspieler, die die Schulter nach vorne ziehen. Auch das Schultergelenk leidet unter diesen andauernden, ein­seitigen Belastungen

Doch Muskeln lassen sich trainieren, im besten Fall verschwinden Gelenkprobleme in der Folge. Etwa ein Engpass-Syndrom, bei dem Sehnen oder Weichteilgewebe im Gelenk eingeklemmt werden. Häufige Ursache des Übels: Der Oberarmkopf sitzt zu weit oben am Schulterblatt. Gezielte Übungen bringen ihn zurück in seine zentrale Position, das Gelenk kann wieder reibungslos arbeiten.

Ausdauertraining lindert die Beschwerden bei einer Kalkschulter

Für eine diagnostizierte steife Schulter oder Kalkschulter gibt es andere Programme. "Ein paar Daten zeigen, dass eine Kalkschulter besser wird, wenn die Patienten auch ihre Ausdauer trainieren, sodass der Körper stärker durchblutet ist", erläutert Horstmann.

Allerdings erfordert es einiges an Durchhaltevermögen, bis eine Linderung eintritt. Chirurg Ockert: "Das ist wie beim Klavierspielen. Darin wird man auch nicht gut, wenn man nur einmal in der Woche beim Unterricht übt." Der Experte empfiehlt für die Schulter täglich zweimal 20 Minuten Training über mehrere Wochen hinweg.  

Schmerzmittel und Kortikoide bei starken Beschwerden

Schmerzmittel wie Ibuprofen, Diclofenac und Paracetamol helfen über Phasen mit starken ­Beschwerden hinweg. Ärzte und Apotheker beraten, welcher Wirkstoff sich am besten eignet. "Aber die Medikamente nicht länger als zwei bis drei Wochen in Eigenregie einnehmen", sagt Ockert.

Denn diese haben Nebenwirkungen und behandeln auch nicht die Ursache. Bessert sich der Zustand der Schulter nicht, sollte ein Orthopäde das Gelenk untersuchen.

Manchmal spritzt der Arzt auch ein entzündungshemmendes Kortikoid, ein örtliches Betäubungsmittel oder einen Mix aus beidem in die Schmerzzone. Damit sollte man es jedoch nicht übertreiben, denn Kortikoide können die Sehnen schädigen.

Ockert zum Beispiel injiziert frühestens nach drei Monaten ein zweites und nach einem Jahr ein drittes Mal. "Wenn dann die ­Beschwerden bleiben und andere konservative Maßnahmen nicht greifen, hilft oft nur noch eine Operation."

Vor der Operation kann Zweitmeinung sinnvoll sein

Einige Schulterprobleme erfordern eine Operation. Zum Beispiel Knochenbrüche, größere Risse in einem Rotatormuskel oder Gelenkschäden nach einer ­Verrenkung. Doch oft ist der Befund nicht so  eindeutig. Dann sollte man bei einer OP-Empfehlung in jedem Fall eine zweite Expertenmeinung einholen.

"Auch die Einschätzung eines nicht operierenden Orthopäden kann ­dabei helfen, eine gute Entscheidung zu treffen", sagt Horstmann. Dieser hat viel Erfahrung mit konservativen Therapien, kennt ­­deren Grenzen und hat kein Eigeninteresse an einer Operation.

Bevor ein Eingriff erfolgt, müssen die Ursachen des Gelenkleidens bekannt sein. Oft trägt das bild­gebende Verfahren der Magnetresonanz-Tomografie zu einer ­verlässlichen Diagnose bei. Erst wenn diese steht, kann die richtige Operation erfolgen – mit guten Aussichten, den Patienten von ­seinem Leiden zu befreien. Doch das gelingt nur selten, wenn man lediglich ein Stück Knochen entfernt und nicht auch die Problem­verursacher in der Schulter repariert.