Schulter: Wann sich eine OP lohnt

Verschleiß am Schultergelenk hat oft starke Schmerzen und eingeschränkte Beweglichkeit zur Folge. Wann eine Operation am Gelenk Besserung verspricht
von Dr. Achim G. Schneider, aktualisiert am 18.01.2017

Beim Tennis muss die Schulter Schwerstarbeit leisten

Getty Images/Digital Vision/Klaus Vedfelt

Er konnte sich keine Milch mehr aus dem Kühlschrank holen, nicht einmal einen Salzstreuer heben. Ausgerechnet kurz vor den Olympischen Spielen quälten Fabian Hambüchen starke Schulterschmerzen. Der Turner ist nicht der einzige Sportler, dem dieses Gelenk zu schaffen macht. Auch viele Golfer sind betroffen, ebenso wie Tennisspieler. Und nicht alle haben so viel Glück wie Hambüchen, der rechtzeitig wieder trainieren konnte und in Rio Gold holte. Michael Stich etwa beendete wegen Schulterbeschwerden seine Tenniskarriere, Tommy Haas musste bereits mehrfach operiert werden.

Alltag lässt Schultergelenk verschleißen

Wer die spektakulären Kunststücke der olympischen Turner im Fernsehen verfolgte, konnte sehen, wie Hambüchen um die Reckstange wirbelt – und wie extrem die Schultern dabei belastet werden. Kräfte, die etwa dem Fünffachen des eigenen Gewichts entsprechen, zerren bei einem ge­­streckten Schwung an den Gelenken. Bei Menschen, die einen armlastigen Sport intensiv betreiben, sind sie oft bereits in jungen Jahren verschlissen.

Doch auch bei normalen Alltagsbewegungen nutzen sich die Schultergelenke ab – nur meist nicht so schnell. Millionen Menschen in Deutschland kennen die Beschwerden, die der Verschleiß mit sich bringt: Schmerzen, Kraftverlust, steife Gelenke.

Wann ist eine Schulter-OP sinnvoll?

Und Hunderttausende entscheiden sich jedes Jahr für einen Eingriff. Orthopädische Chirurgen flicken dann lädierte Sehnen, entfernen Knochenstücke, reparieren Bänder und Bindegewebe, bauen Ersatzgelenke ein. Da längst nicht alles davon systematisch erfasst wird, gibt es keine Daten, wie viele Schulteroperationen insgesamt zusammenkommen.

Dr. Ben Ockert, Leiter der Schulter- und Ellenbogenchirurgie am Uniklinikum München, beim Abtasten der Schulter

W&B/Florian Generotzky

Doch wie erkennen Orthopäden, wo die Ursache der Beschwerden liegt und ob überhaupt ein chirurgischer Eingriff nötig ist? Am Anfang stehen immer die Krankengeschichte und die körperliche Untersuchung. Dr. Ben Ockert, Leiter der Sektion Schulter- und Ellenbogenchirurgie an der Ludwig-Maximilians-Universität München: "Ich lasse meine Patienten zunächst selbst ihre schmerzende Schulter bewegen. Der Vergleich mit dem gesunden Gelenk gibt mir schnell eine erste Idee."

Meist quälen uns die Rotatoren

Dann legt der Mediziner selbst Hand an, führt verschiedene Funktionstests durch. So lässt er den ­Patienten etwa den Arm gegen Widerstand anheben und drehen. Ockert: "Wenn diese Bewegungen schmerzen oder die Kraft fehlt, deutet das auf Probleme an der Rotatorenmanschette hin." Diese Muskelgruppe schmiegt sich um das Schulter­gelenk und steuert die meisten seiner Bewegungen . Das macht die Rotatoren anfällig für Verschleiß und andere krankhafte Ver­änderungen. Sie sind auch das Ziel der meisten chirurgischen Eingriffe.

Bevor Orthopäden zu einer OP raten, machen sie sich ein genaues Bild von den Schulterschäden, etwa mit Ultraschall-, Röntgen- und MRT-Untersuchungen. Letztere stellen Sehnen, Muskeln und Bänder detailgetreu dar. Doch es erfordert einiges an Erfahrung, um alle Ergebnisse richtig zu deuten.

Nur den Fachmann an die Schulter lassen

Patienten tun daher gut daran, die Diagnose von einem ausgewiesenen Schulterexperten stellen zu lassen – spätestens vor einem chirurgischen Eingriff. "Nur wenn alle Pro­bleme erkannt sind und die richtige Operation erfolgt, kann man mit guten Ergebnissen rechnen", erläutert Professor Philip Kasten, Schulter- und Ellenbogenchirurg im Orthopädisch-Chirurgischen Zentrum ­Tübingen.

Wie wichtig das ist, zeigt das Beispiel des äußerst schmerzhaften Schulter-Engpass-Syndroms. Ein Schleimbeutel entzündet sich und drückt auf die darunterliegende Rotatorensehne. Häufig führen orthopädische Chirurgen dann eine sogenannte Dekompression durch. Das heißt, sie entfernen ein Stück Knochen vom Schulterdach, um wieder mehr Platz für Schleimbeutel und Sehne zu schaffen. Jährlich finden in Deutschland bis zu hunderttausend solcher Dekompressionen statt. Viel zu viele, wie Experten kritisieren.

Dekompression löst nicht alle Probleme

"Inzwischen weiß man, dass das am eigentlichen Ziel vorbeigeht – zumindest bei vielen Patienten", urteilt Kasten. Oft bleiben nach einer Dekompression die Schmerzen – weil es für die Beschwerden andere oder weitere Ursachen gibt. Risse der Rotatoren­sehne oder der tiefer liegenden Bizepssehne beispielsweise, Kalkeinlagerungen oder Abnutzungen im sogenannten Schultereckgelenk, dem Bindeglied zwischen Arm und Rumpf. Dennoch sei die Dekompression nicht unbedingt falsch, sagt Kasten. "Doch wenn man sie durchführt, sollte man auch die anderen Problemverursacher beheben." Das setzt voraus, dass diese zuvor erkannt wurden.

Bei der Suche nach einem geeigneten Experten in seiner näheren Umgebung hilft meistens der eigene Hausarzt oder Orthopäde mit einer Empfehlung weiter. Ferner bieten einige Krankenhäuser in Deutschland Spezialsprechstunden für Menschen mit Schulterproblemen an – eine gute Möglichkeit, sich von einem Spezialisten untersuchen und beraten zu lassen. ­Eine weitere Informationsquelle: Die Deutsche Vereinigung für Schulter- und Ellenbogenchirurgie listet auf ihrer Internetseite (www.dvse.info) Adressen von Orthopäden auf, die eine Zusatzqualifikation für Operationen an der Schulter erworben haben.

Zweitmeinung vor der Operation

Wer immer noch unsicher ist und sich mit der Entscheidung für oder gegen den Eingriff schwertut, kann außerdem eine zweite Meinung von einem anderen Experten einholen. "Im Zweifel sollte man diese Chance nutzen, bevor man sich zu einer Operation entschließt", rät Ockert, der Patienten mit sehr kniffligen Problemen zuweilen selbst einen Kollegen empfiehlt. Etwa wenn er den Verdacht hat, dass die Halswirbelsäule die Ursache des Pro­­blems ist.

Zugleich wenden sich aber auch oft Patienten an den Experten, die bereits eine "Schulterdiagnose" haben. "Einigen Betroffenen mit einer OP-Empfehlung sage ich: Das muss auch anders funktionieren. Da wurde noch nicht das Richtige gemacht", so Ockert. Zum Beispiel Schmerztherapien, Physiotherapien, gezielter Muskelaufbau.

Aufschieben kann Beschwerden verschlimmern

Anderen Patienten wiederum rät er zu einem baldigen chirurgischen Eingriff. Etwa bei größeren Rissen an der Rotatorenmanschette. Denn die Muskelschäden können die Gelenkstellung verändern und so den Knorpelverschleiß beschleunigen. Verschlimmert sich die Arthrose weiter, hilft irgendwann nur noch eine Gelenkprothese.

Häufige Schulter-Probleme

W&B/Astrid Zacharias

Lädierte Muskelanker

1. Risse der Rotatorensehne oben auf dem Schulterdach bereiten am häufgsten hartnäckige Schmerzen. Anfangs winzige Ein­risse vergrößern sich mit der Zeit. Es entstehen Löcher im Muskel. Chirurgen stoppen diesen zerstörerischen Prozess, indem sie die lädierte Sehne fest am Oberarmkopf vernähen.  

2. Risse der langen Bizepssehne bereiten ähnliche Beschwerden. ­Eine Option: die Sehne durchtrennen, sodass sie nach unten rutscht. Alternative: die Sehne am Oberarmknochen fixieren. Beides hat zur Folge, dass sich der Muskelbauch zum Ellenbogen verschiebt. Weil das unschön aussieht, verzichtet man oft auf eine OP. Die meiste Kraft erzeugt der Bizeps
ohnehin durch seine kurze Sehne.

3. Engpässe unter dem Schulterdach führen dazu, dass sich der Schleimbeutel entzündet, an dem die obere Rotatorensehne entlanggleitet. Operateure schaffen wieder Platz, indem sie etwas Knochen vom Schulterdach fräsen. Doch oft gibt es weitere Ursachen für die Entzündungen, die bei einer OP auch behoben werden sollten.

4. Verkalkungen in der oberen Rotatorensehne bereiten vor allem große Schmerzen. Bei zu starkem Leidensdruck empfehlen Spezialisten einen chirurgischen Eingriff. Der Operateur schlitzt die Sehnen auf und drückt den Kalk aus ihnen heraus.

 


W&B/Astrid Zacharias

Verklebte Kapseln: Schultersteife

Nicht selten verklebt das Bindegewebe der Kapsel, die das Gelenk umschließt. Zuerst schmerzt, dann versteift die Schulter. Chirurgen schlitzen die Kapsel auf und entfernen das entzündete Gewebe, wenn sanftere Methoden nicht geholfen haben.

 


W&B/Astrid Zacharias

Defekter Knorpel: Arthrose

Nutzt sich die Schutzschicht am Hauptgelenk sehr stark ab, reibt der Oberarmkopf am Schulterblatt. Anfangs schmerzt das Gelenk, später versteift es ­zunehmend. Künstlicher Ersatz stellt das Hauptgelenk wieder her. Je nach Problem kommen unterschiedliche Prothesen infrage.

Anders verfahren Operateure bei Arthrose am Eckgelenk. Sie entfernen etwas Knochen von Schlüsselbein und Schulterdach, sodass dazwischen eine Lücke entsteht.

 


W&B/Astrid Zacharias

Instabile Struktur: Wiederholtes Ausrenken

Es passiert oft bei einem harten Aufprall: Der Oberarmkopf springt aus der Pfanne des Schulterblatts. Ein Orthopäde renkt das Gelenk wieder ein. Doch oft bleiben Schäden an der Kapsel und anderen Strukturen zurück. Das Gelenk kann selbst bei kleinen Belastungen wieder auskugeln. Um das zu verhindern, wird das kaputte Gewebe repariert. Das bremst auch den Knorpelverschleiß.

 



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