Gelenkersatz: Was Endoprothesen leisten

Immer häufiger werden verschlissene Hüft-, Knie- oder Schultergelenke durch Endoprothesen ersetzt. Was Sie über die künstlichen Gelenke, die Operation und einen eventuellen Prothesenwechsel wissen müssen

von Julia Rudorf und Silke Droll, aktualisiert am 21.09.2018
Mann im Ruderboot

Ob Knie, Hüfte oder Schulter: Ein gut eingesetztes künstliches Gelenk kann die Lebensqualität deutlich verbessern


Die Bank im Gymnastikraum ist niedrig, reicht nicht einmal bis zum Knie. Dirk Masuhr, Übungsleiter der Endoprothesen-Sportgruppe des Turnvereins Partenkirchen, hat sie quer in den Raum gestellt. "Und jetzt bitte alle seitlich darübersteigen, erst das eine, dann das andere Bein!" Alle steigen über die Bank, vorsichtig. Auch Barbara Grötz (57). "Das wäre früher für mich ein unüberwindbares Hindernis gewesen", sagt sie. Früher, das war die Zeit vor ihren künstlichen Hüftgelenken. Ihre echten Gelenke hatten schon immer Probleme gemacht.

In der Kindheit wurde bei ihr eine angeborene Hüftfehlstellung korrigiert. Als junge Frau litt Barbara Grötz an schweren Gelenkinfektionen, die Folgen einer Fehlbehandlung. Mit der Zeit fielen ihr alle Bewegungen zunehmend schwerer. Das Stehen während der Arbeit wurde zum Problem, an Sport war kaum zu denken. "Irgendwann ging ich nur noch auf den Felgen." Dann entschied sie sich für ein künstliches Hüftgelenk. Den Eingriff hat sie nie bereut. "Das ist ein ganz neues Leben, das ich jetzt erst kennenlerne – mit Bergsteigen, Sport und Aktivurlaub."

Künstliche Gelenke zunehmend auch bei jüngeren Patienten

Jedes Jahr bekommen Tausende Menschen in Deutschland ein künstliches Gelenk, eine sogenannte Endoprothese. Nach Zahlen des Instituts für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen wurden 2016 rund 230 000 Hüft- und 165 000 Kniegelenke eingesetzt. "Letztlich bringt die Endoprothetik einen Gewinn an Lebensqualität. Deswegen ist sie so populär", sagt Dr. Christian Fulghum, Chefarzt der ­endogap Klinik für Gelenkersatz im Klinikum Garmisch-Partenkirchen. 

Dass in Deutschland so viele Gelenke eingesetzt werden, hat mit der alternden Gesellschaft zu tun. Etwa ein Prozent der über 70-Jährigen bekommen in Deutschland ein neues Hüft- und rund 0,7 Prozent ein Kniegelenk. Gewachsen ist in den letzten Jahren jedoch vor allem die jüngere Patientengruppe. Zum Teil hänge das mit gestiegenen Erwartungen der Betroffenen zusammen, berichten Experten. "Mit 60 fühlen sich viele Menschen noch zu jung, um ihren Lieblingssport aufzugeben, weil die Gelenke nicht mehr mitmachen", sagt etwa Professor Thorsten Gehrke, ärztlicher Direktor der Helios Endo-Klinik in Hamburg.

Dr. Christian Fulghum

Kürzlich teilte die Bertelsmann-Stiftung mit, der Anteil der unter 60-Jährigen, die ein künstliches Knie bekamen, sei in nur sieben Jahren um fast ein Drittel gestiegen. Einige Fachleute beurteilen diese Entwicklung kritisch und warnen: Nicht ­alle vorgenommenen Eingriffe sind tatsächlich notwendig. Der Garmischer Orthopäde Christian Fulghum betont, dass unter anderem auch deshalb eine ausführliche Aufklärung wichtig ist: "Die Operation ist die letzte Option, und sie stellt einen erheb­lichen Eingriff dar. Das darf man nicht banalisieren." Würden Ärzte nur von den Vorteilen berichten oder auf eine baldige OP drängen, sollten Patienten zumindest hellhörig werden.

Anstieg auch bei künstlichen Schultergelenken

Auch bei den künstlichen Schultergelenken, die in der ­Endoprothetik bislang eher eine Neben­rolle spielten, ist ein Anstieg zu beobachten. Rund 18 000 Menschen bekamen 2016 eine sogenannte Totalendoprothese der Schulter, im Jahr 2005 waren es gerade einmal 2300. "Viele der Patienten haben danach weniger Schmerzen, erleben eine Verbesserung der Funktion und der Lebensqualität", sagt Dr. Olaf Lorbach vom Sportopaedicum Berlin. Speziell konstruierte Prothesen können an der Schulter auch Muskelpro­­bleme ausgleichen.

In fortgeschrittenem Alter haben viele Menschen Schäden an der Rotatorenmanschette, einer bestimmten Muskelgruppe am Oberarm. Sitzt der kugelförmige Gelenkkopf der Prothese nicht am Oberarm, sondern an der Schulterpfanne, kann das Gelenk auch ohne diese Manschette bewegt werden. Experte Lorbach: "Mit einer sogenannten inversen Prothese bekommen auch ältere Menschen, die den Arm vorher kaum noch heben konnten, wieder mehr Beweglichkeit in der Schulter."

Endoprothesenregister soll bei der Auswahl der Prothese helfen

Nicht immer sind die Gründe für oder gegen ein bestimmtes Prothesenmodell so eindeutig. Dann beruht die Entscheidung bislang auf den individuellen Erfahrungen der Chirurgen. Eine objektivere Entscheidungsgrundlage soll in Kürze das Endoprothesenregister Deutschland liefern. Seit 2012 können Krankenhäuser dorthin anonymisierte Daten zu Operationen, Wechselgründen und den eingesetzten Materialien übermitteln. Bislang machen rund 750 Kliniken mit, aber auf freiwilliger Basis; Kunstgelenke werden in insgesamt 1200 Krankenhäusern eingesetzt.

Arthrose

Doch man decke heute schon über 60 Prozent der Eingriffe ab, betont Alexander Grimberg, Orthopäde und medizinischer Leiter des Endoprothesenregisters. "Mit der großen Zahl an erfassten Eingriffen können wir eine solide Datengrundlage schaffen." Als Errungenschaft des Registers gilt die Produktdatenbank. 55 000 verschiedene Prothesenelemente sind erfasst – vom Schaftsystem bis zur Gelenkkugel. Ärzte erhoffen sich davon unter anderem Informationen darüber, welche Eigenschaften einer Prothese die sogenannte Standzeit beeinflussen – also wie lange ein Kunstgelenk hält, ohne ausgetauscht werden zu müssen. In der Regel sind das heute bis zu 20 Jahre. 

Eine gute Erstoperation zögert den Prothesen-Wechsel hinaus

Danach kann eine Wechsel-OP, auch kalkulierte Revision genannt, anstehen. "Revisionen können aber auch früher fällig werden, etwa wenn Kunstgelenke nicht ganz optimal eingesetzt sind oder bei einer Infektion", sagt der Hamburger Endoprothetik-Experte Gehrke. Die Wechseloperation ist in der Regel etwas aufwendiger als der erste Eingriff. "Oft sind die Voraussetzungen nach 20 Jahren einfach schlechter, was Knochen und Weichteile angeht", so Gehrke. Doch nicht immer muss das komplette Gelenk ausgewechselt werden. Dank moderner modularer Systeme werden in vielen Fällen nur noch die verschlissenen Teile getauscht.

Die beste Vorbeugung gegen einen frühzeitigen Wechsel ist eine möglichst gute Erstoperation. Damit Patienten die auch erhalten, sollten sie sich vorab informieren, wo sie den Eingriff durchführen lassen möchten. Wie viele künstliche Gelenke werden in der Klinik pro Jahr eingesetzt? Welche Erfahrungen haben andere Betroffene dort gemacht? Wie werden Patienten über den Eingriff und die möglichen Risiken aufgeklärt? Eine Entwicklung, die viele Betrof­fene positiv sehen, sind die kürzeren Klinikaufenthalte.

Möglich macht es ­eine Methode, die "rapid recovery" genannt wird – auf Deutsch "schnelle Erholung". Die Patienten trainieren dabei zum Beispiel schon vor der OP das Laufen mit Stützen oder erhalten Anleitungen für Übungen. Schmerzmedikamente werden während des Eingriffs so eingestellt, dass der Patient hinterher weniger Probleme hat. Und schon am Tag danach beginnt ein Physiotherapeut mit der Mobilisierung. Waren früher Patienten nach einer Gelenkoperation im Schnitt drei Wochen im Krankenhaus, können sie heute oft schon nach wenigen Tagen nach Hause.

In diesem Video erfahren Sie, wie lange Eingriff, Klinikaufenthalt und Heilung bei einem künstlichen Gelenk dauern

Erfolg der Endoprothese hängt auch vom Patienten selbst ab

Doch auch dann bleiben Prothesenträger gefordert: "Besonders bei Knie-Operationen hängt es zu 50 Prozent vom Patienten ab, ob das Ergebnis ein Erfolg wird", so der Garmischer Orthopäde Fulghum. Aus Muskeln, Sehnen und Prothese muss erst ein eingespieltes Team werden: "Das geht nicht ohne konsequentes Üben."

Barbara Grötz geht diesen Weg bis heute. Sie bewegt sich, übertreibt es aber nicht. Ihr Gewicht hat sie genau im Blick. Nichts soll ihre Hüfte zusätzlich belasten. "Ich passe gut auf sie auf", sagt sie. Sie hat ihren neuen Gelenken sogar Namen gegeben: Max und Moritz. Wenn sie wieder mal auf einen Berg steigt, trägt sie beide Namen mit ins Gipfelbuch ein. "Das finden manche Leute vielleicht komisch – aber schließlich haben mich meine Gelenke so weit getragen."