Wie gefährlich ist Gehirndoping?

Viele Deutsche erhoffen sich Höhenflüge in Job und Schule, indem sie leistungssteigenderne Medikamente einnehmen. Experten warnen vor einem leichtsinnigen Umgang
von Christian Krumm, 29.09.2016

Mehr Erfolg beim Lernen: Dafür greifen viele Studenten zu Arzneien

iStock/Christian Chan

Mit Chemiecocktails das Gehirn zu Höchstleistungen zu treiben – diese Idee ist nicht neu. Bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts nutzen Menschen Substanzen wie Kokain, um effektiver zu lernen oder kreative Ideen zu entwickeln. Neu sind allerdings die hohe Anzahl der Konsumenten und die breite gesellschaftliche Akzeptanz des sogenannten Hirndopings. Sogar Eltern fragen ihn nach leistungssteigernden Medikamenten für ihre Kinder, die kurz vor dem Abitur stehen, erzählt der Nürnberger Apotheker Dieter Bögler.

Knapp sieben Prozent der erwachsenen Deutschen haben bereits Präparate eingenommen, um ihre Leistung im Studium oder Arbeitsleben zu steigern. Das ergab eine Studie der Krankenkasse DAK aus dem vergangenen Jahr. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, Experten rechnen sogar mit bis zu zwölf Prozent.

Dieter Bögler

W&B/Jens Wegener

Positives Image im Internet

Ein Blick ins Internet – wo sich viele Konsumenten die Drogen für ihr Gehirn beschaffen dürften – zeigt, dass die Leistungssteigerung durch Arzneimittel oft sehr positiv dargestellt wird. Eine Pille schlucken, und schon kommt man mit der wachsenden Belastung im Arbeitsleben leichter zurecht. "Viele Menschen gehen in die Apotheke und suchen Beratung, wenn der Druck im Job zunimmt", berichtet Bögler.

Manche erscheinen auch gleich mit einem Rezept in der Hand. Ein Arzt hat ihnen leistungssteigernde Mittel verschrieben – obwohl die Präparate alle gar nicht explizit dafür zugelassen sind. Das heißt: Ob sie wirklich so auf das Gehirn wirken, wie es sich Berufstätige oder Studenten wünschen, musste nie jemand offziell belegen.

Dennoch werden Medikamente gegen Depressionen oder Demenz für das Gehirndoping missbraucht. Betablocker, die Blutdruck und Herzfrequenz senken, sollen Prüfungsängste lindern. Arzneien zur Therapie von Schlafattacken machen angeblich Nachtschichten erträglicher.

Schwere Nebenwirkungen möglich

Ganz vorne mit dabei auf der noch viel längeren Präparate-Liste: der Wirkstoff Methylphenidat, eigentlich zugelassen zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen (ADHS) bei Kindern und Erwachsenen. "Er entleert unter anderem die Speicher des Botenstoffes Noradrenalin im Gehirn und könnte irgendwann zu einem Zusammenbruch führen, wenn er zur exzessiven Leistungssteigerung eingesetzt würde", sagt Bögler.

Auch die anderen rezeptpflichtigen Medikamente, die das Gehirn dopen sollen, bergen Risiken. Zu den möglichen Nebenwirkungen zählen neben Kopfschmerzen und Schwindel auch Herzrhythmusstörungen und sogar schwere Psychosen. Generell hat natürlich nie jemand geprüft, wie all diese Arzneien bei Personen wirken, die überhaupt nicht krank sind – also kein ADHS, keine Depressionen und keine Schlafprobleme haben.

"Nehmen gesunde Menschen zum Beispiel Methylphenidat dauerhaft ein, kann es sehr schnell die Persönlichkeit verändern. Und weil es abhängig macht, fällt es zu Recht unter das strenge Betäubungsmittelgesetz", warnt Dr. Hans-Peter Hubmann, Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands.

Bewegung und Entspannungsübungen gegen Stress im Job

Dieter Bögler hat mittlerweile ein Gespür dafür entwickelt, wie er vom Job gestresste Kunden in seiner Apotheke gezielt beraten kann. Einfach nur ein Arzneimittel abgeben – das will er nicht. Stattdessen rät er zu regelmäßiger und intensiver Bewegung: "Wer sich körperlich auspowert, baut so das Stresshormon Adrenalin ab." Auch Entspannungsübungen wie Meditation, autogenes Training oder Yoga seien sinnvoll. Und gegen Stress oder Schlafstörungen können pflanzliche Arzneien wie Baldrian oder Hopfen gute Dienste leisten.

In erster Linie sei es aber wichtig, darüber nachzudenken, wie man grundsätzlich mit der Problematik des Leistungsdrucks umgehe, betont Dieter Bögler. Vielleicht lassen sich Arbeitsprozesse verändern? Rezeptpflichtige Medikamente seien auf keinen Fall die Lösung.

Noch fruchtet die wertvolle Aufklärungsarbeit, die Apotheker wie Dieter Bögler und viele Mediziner leisten, längst nicht bei allen. In Online-Foren, auf denen sich ausgebrannte Arbeitnehmer oder Studenten im Prüfungsstress über "Wunderpillen" austauschen, sind kritische Stimmen selten.

"Mit dem Mittel funktioniere ich – egal, was um mich herum passiert. Und das über sechs, sieben, acht Stunden lang", schwärmt etwa ein Konsument. Nur ein anderer Nutzer warnt: "Mich hat es fast zerstört. Ich habe Jahre gebraucht, um davon loszukommen."


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