Wahrnehmung: Sind die Sinne trainierbar?

Durch Üben besser sehen, hören, riechen. Das Prinzip scheint plausibel. Welche Erfolge sich erzielen lassen

von Franziska Draeger, 04.09.2015

Es klingt wie ein süßes Versprechen. Wer schlecht sieht, hört oder riecht, soll seine Sinne durch Übung wieder schärfen können. Das Gehirn lernt, Schäden der Sinnesorgane auszugleichen, indem es die lückenhaften Informationen von Auge, Ohr oder Nase besser interpretiert. So macht es bei Patienten mit Makula­degeneration Schäden am Auge noch recht lange wett, verlängert Konturen dort, wo ein Loch im Sehfeld ist.

Weltweit untersuchen Forscher dieses Phänomen, so auch Professor George Andersen, Kognitionswissenschaftler an der Universität von Kalifornien in Riverside (USA). Mit seinem Kollegen Denton DeLoss trainierte er 16 Perso­­nen im Durchschnittsalter von 71 Jahren. Sieben Tage lang bekamen sie Bilder mit bestimmten Mus­tern gezeigt. Die Forscher veränderten die Bilder stetig, sodass die Muster schwerer zu erkennen waren. Sie senkten den Kontrast zwischen den Grautönen und fügten ein Flimmern hinzu, wie bei der Bildstörung eines alten Fernsehgeräts.

Sehschärfe und Kontrastsehen verbessert

"Man kann die Bilder vergleichen mit einer Landschaft im Nebel oder im Schneegestöber, in der man etwas Wichtiges erkennen muss", so Andersen. "Gerade das fällt älteren Menschen oft schwer." Das Gehirn filtert im Alter schlechter wichtige Informationen heraus. Nach dem Training schnitten die Teilnehmer bei der Mustererkennung besser ab als zuvor, etwa vergleichbar gut wie 16 untrainierte Studenten mit einem Durchschnittsalter von 22.

"Überrascht hat uns, dass nicht nur das Kontrastsehen, sondern auch die Sehschärfe beim Nahsehen zunahm", sagt Andersen. In einer weiteren Studie fanden er und DeLoss bereits physiologische Veränderungen durch Sehtraining. In einem Teil der Großhirnrinde, dem visuellen Kortex, nahm die weiße Masse zu, die die Nervenzellen isoliert, sodass die Reizweiterleitung reibungsloser funktioniert. Als Nächstes möchte Andersen an seiner Universität ein Onlineprogramm entwickeln, das er zu weiterführender Forschung nutzen will – und am Ende strebt er nach einem Patent für das Training.

Vorsicht vor privaten Anbietern

Private Anbieter verkaufen bereits Computerprogramme, die das Sehen angeblich verbessern, manche werben sogar damit, dass Brillen für ihre Kunden danach passé seien. Das ist wissenschaftlich nicht haltbar. Es gibt zwar Studien, die positive Effekte zeigen, doch bisher gründen sie alle auf wenigen Testpersonen. "Zudem sind die Effekte oft sehr spezifisch und schlecht auf die gesamte Wahrnehmung im Alltag übertragbar", fügt Dr. Charles Gilbert hinzu. Der Neurobiologe erforscht an der Rockefeller-Universität in New York, wie flexibel das Gehirn bleibt – und besonders der visuelle Kortex.

"Es ist spannend, wie anpassungs­fähig das Gehirn auch im Erwachsenenalter noch ist", sagt er. "Doch bislang wissen wir nicht, wie mentales Training Hirnprozesse aktivieren kann, die zu einer besseren Sehfunktion führen. Um effektive Sehtrainings zu entwickeln, brauchen wir weitere Forschung." Viel Energie wird bisher in Technologie-Entwicklung gesteckt, in Hör- und Sehhilfen, wenig in die Frage, was Menschen selbst für ihre Sinne tun können. Das ist auch beim Hören so. Viele Menschen tragen zwar Hightech-Hörgeräte, tun sich aber dennoch schwer, Gesprächspartner zu verstehen. "Das Hören mit Geräten oder Implantaten ist anders, es muss wieder neu gelernt werden", erläutert Professor Andreas Büchner, wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Hörzentrums der Medizinischen Hochschule Hannover.

Besser Hören mit dem Smartphone

Studien weisen darauf hin, dass Hör­übungen helfen. Ein Übersichtsartikel kommt zu dem Schluss, dass besonders die Kombination aus einem Hörtraining und einem kognitiven Training das Sprachverständnis steigert. Einige Programme am PC oder Smartphone begleiten Hörgeräteträger dabei, schrittweise wieder Laute, Wörter und Sätze zu erkennen, bis hin zu komplizierten Lektionen mit Hintergrundrauschen und verschiedenen Sprechern.

Bei der Medizinischen Hochschule Hannover können sich Patienten mit Cochlea-Implantat eine kostenlose App für das Smartphone herunterladen. "Natürlich ist der Idealfall, dass Menschen einfach wieder unter Leute gehen und ihr Sprachverständnis in der Realität erproben", so Büchner. "Doch manche trauen sich das nicht, solange sie noch schlecht im Alltag klarkommen. Solch ein digitaler Lehrgang kann diese Hürde überwinden." Wahrschein­l­­ich lassen sich die bestehenden Pro­gram­me durch Tests mit großen Patien­tengruppen noch verbessern.

Die gute Nachricht aus der Wissenschaft: Auch Hörspiele oder intensives Musikhören können das Hören wieder steigern. "Was wir ganz klar sehen: ­­Patienten, die im stillen Kämmerlein sitzen und ihre Ohren nicht fordern, bleiben auf einem viel schlechteren Niveau", so Büchner. Werden die Sinne nicht genutzt, können sie schneller schwinden als sonst. 

Den Geruchssinn mit Limone und Rose stärken

"Der Körper leistet sich keine aufwendigen Prozesse, die er scheinbar nicht braucht", sagt Professor Michael Damm. "Das ist bei Muskeln in der Physiotherapie so, aber auch bei den Sinnes- und Nervenzellen." Der HNO-Arzt von der Universitätsklinik Köln studierte gemeinsam mit Kollegen mehr als 170 Patienten, die durch eine Infektion ihren Geruchssinn verloren hatten. Zweimal am Tag schnupperten diese an Duftstiften, die nach Pfefferminze, Limone, Rose und Gewürznelke rochen. Beinah die Hälfte der Teilnehmer, die mit unverdünnten Düften arbeiteten, konnte so ihren Geruchssinn stärken.

Wiener Mediziner entdeckten im vergangenen Jahr durch bildgebende Verfahren, dass dabei sichtbare Spuren im Nervennetz des Riechzentrums entstehen. "Wer seinen Geruchssinn wieder schärfen will, braucht Ausdauer", sagt Damm. "Nach heutigem Stand gelingt dies am besten, wenn ein strukturiertes Riechtraining früh begonnen wird und über mehrere Monate läuft." Oft riechen Dinge für immer anders, wenn etwa ein bestimmter Geruchsrezeptor in der Nase nicht wiederkehrt. "Ich rate dann, den neuen Duft zu akzeptieren und neu abzuspeichern", so der HNO-Arzt.

Training für den Alltag

In einem sind sich die meisten Forscher einig: Es ist plausibel, dass das Gehirn leichte Mängel in den Sinnesorganen ausgleichen kann. Wie stark dieser Effekt bei den verschiedenen Sinnen ist und wie lange er anhält, wurde noch nicht besonders gut untersucht. "Es könnte sein, dass viele der Trainings gar nicht speziell einen Sinn fördern, sondern die allgemeine Konzentrationsfähigkeit stärken", sagt Charles Gilbert. "Doch auch das kommt der Wahrnehmung ja letzten Endes zugute."

Gezielte Programme sind zum Großteil wissenschaftlich nicht allzu gut belegt, bei kostenpflichtigen Angeboten ist Skepsis angebracht. Studien weisen darauf hin, dass Patienten den Lernprozess des Gehirns unterstützen können – durch bewusstes Sehen, Hören und Riechen am persönlichen Limit. Und indem sie Herausforderungen für ihre Sinne nicht meiden, sondern immer wieder suchen.