{{suggest}}


FSME stoppen: Zeckenforschung

2018 war ein Rekordjahr für Zecken – und für die Viruserkrankungen, die sie übertragen. Wissenschaftler beschäftigen sich mit den möglichen Folgen

von Julia Rudorf, aktualisiert am 09.05.2019
Zeckenforschung

Neue Gefahrenquelle: Auch Auwaldzecken tragen das FSME-Virus und sind fast das ganze Jahr aktiv


Will Gerhard Dobler, Oberfeldarzt und Virologe am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München, sein Forschungs­objekt genauer erläutern, braucht er dafür bisweilen ein gutes Mikroskop. In zweihundertfacher Vergrößerung sieht eine Zecke ziemlich beeindruckend aus.

Dobler deutet am Bildschirm auf die Mundwerkzeuge und den Stechrüssel. "Sehen Sie die? Zecken können nicht beißen, sie stechen." Und noch ein Missverständnis klärt sich schnell: nämlich, dass man Zecken aus der Haut drehen sollte, wenn sie sich für eine Blutmahlzeit festgesaugt haben. "Zecken haben kein Gewinde."

Bei einzelnem Stich eher geringe Ansteckungsgefahr

Der Gemeine Holzbock und seine Artverwandten interessieren Dobler vor allem aus medizinischen Gründen. Der Mikrobiologe forscht zum Frühsommer-Meningoenzephalitis-Virus, kurz FSME. Ein Zeckenstich bedeutet für den Menschen nicht automatisch eine Ansteckung. Nur etwa jede hundertste Zecke trägt das Virus in sich – und kann den Erreger an ihren menschlichen Wirt weitergeben.

Bei etwa einem Drittel der Infizierten führt das zu Beschwerden wie bei einer Grippe mit Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Gefürchtet ist aber in erster Linie die sogenannte Meningoenzephalitis, bei der sich Hirnhaut und Gehirn entzünden. Dobler: "FSME hat medi­zinisch eine andere Bedeutung als an­­dere von Zecken übertragene Krankheiten wie die Borreliose."

Die Infektionen der vergangenen beiden Jahre sorgten deshalb für Auf­sehen. 2017 registrierte das Robert- Koch-Institut (RKI) 485 FSME-Fälle, 2018 waren es sogar 584. Jetzt soll ein Projekt mit dem Namen "Tick-borne encephalitis in Germany" mehr über die Viruserkrankung herausfinden. Neben dem RKI sind unter anderem Universitäten und Gesundheitsämter beteiligt, gefördert vom Bundesforschungsministerium. "Unsere Hoffnung ist, dass wir Menschen für ­FSME sensibilisieren und deutlich weniger Erkrankungsfälle haben", sagt Dobler, der das Projekt leitet.

Niedrige Impfquoten selbst in Risikogebieten

Dass Aufklärung wichtig ist, lässt sich unter anderem an den niedrigen Impfquoten ablesen. Selbst in Risikogebieten ist nicht einmal jeder dritte Schüler geschützt, bei den Erwachsenen sind es noch weniger.

Zeckenforschung

Heute wird FSME meist direkt von Zecken auf den Menschen übertragen. Was die Infektion für Betroffene genau bedeutet, auch dazu soll das Forschungsprojekt neue Erkenntnisse liefern. "Wir haben zwar Zahlen zu den entdeckten Infektionen, wissen aber relativ wenig über den Krankheitsverlauf oder die Spätfolgen", sagt Teresa Kreusch von der Abteilung für Infektionsepidemiologie des RKI.

Zeckenjagd in Bayern

Um das zu ändern, will man an FSME erkrankte Menschen befragen. Vielleicht zeigt sich dadurch zudem, wo infektiöse Zecken besonders oft zuschlagen. Schließlich lauern die Blutsauger nicht nur im Unterholz. "Auch im Garten kann man gestochen werden. Vielleicht unterschätzen wir solche Risiken bislang", so Kreusch.

Für ihre Arbeit brauchen die Forscher allerdings dringend Daten: Zeckendaten. Eine der umfangreichsten Sammlungen hat Dobler schon vor zehn Jahren selbst gestartet. In einem kleinen Gebiet im Osten Bayerns geht er jeden Monat einmal auf die Jagd. Bekleidet mit Ganzkörperschutzanzug, zieht er ein helles Tuch hinter sich her durchs hohe Gras. "Die hungrigen Zecken werden abgestreift und halten sich am Stoff fest", erklärt Tierärztin Dr. Lidia Chitimia-Dobler, die mit ihrem Mann gemeinsam auf Zeckensuche geht.

Im Labor werden die Parasiten dann untersucht, Viren isoliert und mit den mehr als 150 FSME-Stämmen genetisch abgeglichen. Mittlerweile lagert dort eine der artenreichsten Zeckensammlungen der Welt. Per Post werden Exemplare aus Afrika, Südamerika, Asien und Europa nach München geschickt, wenn sich andere Forscher bei der Bestimmung nicht ganz sicher sind.

Mildes Wetter begünstigt das Überleben von Zecken aus den Tropen

In Deutschland sind neben dem Holzbock noch 18 weitere Zeckenarten heimisch. Chitimia-Dobler hat in den vergangenen Jahren aber auch Arten entdeckt, die hierzulande eher neu sind, zum Beispiel Ixodes inopinatus, bisher nur aus Spanien, Portugal oder Südosteuropa bekannt. "Wir wissen weder, wie verbreitet diese Art in Deutschland ist, noch, ob sie auch neue Krankheiten übertragen kann", erklärt die Zecken­expertin.

Aus noch ferneren Regionen kommen die Tropenzecken Hyalomma marginatum und Hyalomma rufipes. Gleich 18 Stück hatten aufmerksame Tierbesitzer auf Pferden sowie einem Schaf entdeckt und 2018 an das Institut zur Bestimmung geschickt. Schon früher wurden diese großen Zecken von Zugvögeln importiert, überlebten aber nicht. Jetzt häufen sich Hinweise, dass die blinden Passagiere dank günstiger Wetterbedingungen sesshaft werden könnten. Noch eine Entwicklung, die man im Blick behalten müsse, sagt Dobler.

Dass 2018 ein Zeckenrekordjahr würde, das wussten Forscher schon recht früh. Zusammen mit Wissenschaftlern der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde eigens ein Prognosemodell entwickelt. Hier flossen Daten ein, die wichtig sind für die Zeckenpopulation: Temperaturdaten etwa, aber auch Zahlen zu der Menge an Bucheckern der letzten Jahre. "Mehr Bucheckern führen zu mehr Nagetieren – und die sind die bevorzugten Wirtstiere für junge Zecken", erklärt Meteorologin Dr. Katharina Brugger.

Aussagekräftige Prognosen

Die Prognosen des Modells waren auf Anhieb ziemlich genau. Für 2018 sagte es 443 Zecken pro 100 Quadratmeter voraus. Die Zahl stimmte fast exakt mit der überein, die die Forscher dann bei ihren Sammlungen fanden. In Zukunft soll das Modell außerdem die Wahrscheinlichkeit einer FSME-Infektion für unterschiedliche Regionen einschätzen – ähnlich einer Wettervorhersage. "Dafür fehlen uns aber noch kleinräumigere Daten", sagt Brugger.

Gut möglich, dass die Prognosen bereits jetzt manchen nachdenklich gestimmt haben. Wie Zahlen von Apotheken zu Impfstoffen zeigten, ließen sich 2018 in Deutschland fast 20 Prozent mehr Menschen gegen FSME  impfen als noch im Vorjahr.