Trügerisches Gedächtnis

Erinnerungen sind manipulierbar. Das ist fatal für Zeugenaussagen, aber hilfreich nach traumatischen Erlebnissen
von Franziska Draeger, 27.08.2015

Fakt oder Fiktion? Selbst bildhafte Erinnerungen sind nicht immer wahr

GettyImages/Tara Moore, istock/Manuela Krause, plainpicture GmbH & Co KG/Ute Mans+Björn Abelin+Jim Erickson+Kentaroo Tryman+Kniel Synnatzschke

Wie war das damals, als Sie den Überfall begangen haben? Mit dieser Frage konfrontierte die forensische Psychologin Dr. Julia Shaw Studenten in einer Studie. Die erste Reaktion: Ratlosigkeit. "Daran erinnere ich mich gar nicht", antworteten die Testpersonen. Doch im Folge­gespräch eine Woche später nannten die Studenten bereits erste Details: zum Tatort, zum Tathergang oder zur Waffe. Im dritten Gespräch wurden die Schilderungen noch plastischer.

Das Bizarre daran: Keiner der Studenten hatte je ein Verbrechen verübt. Julia Shaw wollte mit diesem Versuch nur testen, wie tief greifend das menschliche Gedächtnis beeinflusst werden kann. Etwa zwei Drittel der 70 Studenten in ihrem Experiment entwickelten falsche Erinnerun­gen. Dieses Ergebnis überraschte Shaw, die an der Universität von Bedfordshire (England) arbeitet. "Ich dachte nicht, dass ich so vielen Studenten innerhalb so kurzer Zeit weismachen könnte, sie hätten als Jugendliche jemanden überfallen oder bestohlen."

Erfundene Ritte auf einem Elefanten

Dass die Erinnerung fehleranfällig ist, weiß man schon lange. Doch die Forschung dazu war bisher weniger drastisch. Psychologen zeigten Testpersonen etwa retuschierte Fotos von einem erfundenen Elefantenritt oder einer Ballonfahrt in deren Kindheit. So etwas lässt sich leichter glauben. Doch egal, ob es um Elefanten oder Waffen geht: Der Mechanismus bei der Erinnerungsverfälschung ist der gleiche. "Gedächtnisinhalte werden labil, wenn man sie wachruft", sagt der Neurowissenschaftler Professor Mark Hübener vom Max-Planck-Institut für Neurobiologie in München.

Dann kann das Gehirn neue Verknüpfungen hinzufügen, gespeicherte Geschichten weiterspinnen, verändern. "Ohne die Wandelbarkeit von Erinnerungen könnten wir nichts hinterfragen oder neu bewerten", sagt Professorin Melanie Steffens, Psychologin an der Universität Koblenz-Landau.

Problematische Zeugenaussagen

Was an Julia Shaws Studie so irritiert: Sie verwendete einschneidende Erlebnisse. Wie konnten die Teilnehmer denken, sie hätten so etwas vergessen? "Auch sehr emotionale Erinnerun­gen können gelöscht werden", so Hübener, "obwohl sie mit höherer Wahrscheinlichkeit dauerhaft bleiben als andere."

Für das Rechtssystem sind falsche Erinnerungen fatal. Möglicherweise wurden und werden immer wieder Menschen verurteilt, die falsche Geständnisse abgelegt haben – von denen sie aber selbst überzeugt sind. Gerichtsgutachter können diese, anders als Lügen, kaum erkennen. Allerdings tritt Erinnerungsverfälschung bei Tatverdächtigen wohl seltener auf als in Shaws Experiment. "Ich habe alles getan, um das Phänomen hervorzurufen." Sie baute Vertrauen auf, plauderte über wahre Begebenheiten, gaukelte den Studenten vor, sie erforsche, wie sich vergessene Erinnerungen wieder wachrufen ließen.

Erst zum Tode verurteilt, dann freigelassen

Trotzdem müssen Ermittler und Richter auf das Phänomen achten. In den 90er-Jahren gab es eine Welle neu aufgerollter Fälle, in denen DNA-Beweise unschuldig Verurteilte offenbarten. Meist waren sie durch Zeugenaussagen und Gegen­­überstellungen überführt worden, die oft auf verfälschten Erinnerun­gen basierten. Berühmt wurde Kirk Bloodsworth, der in den USA für den Mord an einer Neunjährigen zum Tode verurteilt war. Nach acht Jahren Haft wurde er entlassen, weil DNA-Proben zeigten, dass er nicht der Täter war – obwohl es fünf übereinstimmende Zeugenaus­sagen gab.

Doch auch wenn die Erinnerung oft trügt: Auf Zeugen verzichten können die Ermittler nicht. Deshalb müssen sie bestmöglich einige Regeln beachten, um falsche Erinnerun­gen zu vermeiden. Suggestivfragen etwa sind ein Nährboden für falsche Erinnerungen. "Es ist wichtig, offene Fragen zu stellen und die Zeugen bei der Vernehmung selten zu unterbrechen", so Steffens. In Krimis verstoßen Ermittler übrigens oft gegen diese Regeln.

Hilfe bei posttraumatischer Belastungsstörung

Ist die Erinnerungsveränderung vor Gericht ein Manko, so ist sie in der Therapie manchmal ein Verbündeter. Mehr und mehr wird hier versucht, die Erinnerung von Menschen zu beeinflussen, die an posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) leiden.

Wo es früher darum ging, über Traumata zu reden, alle Details hervorzugraben, haben Wissenschaftler inzwischen umgedacht: "Verdrängung kann ein Mittel sein", sagt Victoria Pile, klinische Psychologin am Kings College in London. "In Studien haben manchmal unbehandelte Personen, die früher an PTBS litten, besser abgeschnitten als solche, die in Therapie waren." Das könne daran liegen, dass durch das wiederholte Wachrufen von Erinnerun­gen diese noch verfes­tigt wurden. Sie konnten nicht verblassen, drängten immer wieder in den Alltag.

Fokus auf positive Erinnerungen lenken

Stattdessen versucht man heute, durch einen Fokus auf positive Erinnerungen die negativen in den Hintergrund zu schieben. Auch will man die Erinnerung ändern, sie mit einem Gefühl von Stärke, mit neuen Erkenntnissen verknüpfen. Pile forscht daran, direkt nach einem traumatischen Erlebnis in die Erinnerung einzugreifen, um die Entstehung einer PTBS zu verhindern. Dafür zeigte sie Personen Filme über Menschen in Gefahrensituationen. Mit einigen von ihnen sprach sie sofort danach. Sie erzählte ihnen, wie es mit den Menschen im Video weiterging, etwa dass sie nicht mehr leiden mussten.

"PTBS-Patienten bleiben im schlimms­ten Punkt des Erlebten stecken, wenn sie denken, dass sie selbst oder jemand anders stirbt." Diese Erinnerung gilt es bis zu einer positi­veren Szene weiterzuspinnen. Die so aufgeklärten Teilnehmer zeigten in der Woche darauf weniger Stress als die anderen.

Und wie erging es den "kriminellen" Studenten? Als Shaw aufdeckte, dass ihre Verbrechen lediglich erfunden seien, waren sie überrascht – und erleichtert. "Sie wollten nun alles über Erinnerungsverfälschung wissen."


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