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Strategien gegen Schusseligkeit

Wo ist denn nur der Schlüssel geblieben? Wer oft etwas verlegt oder vergisst, muss nicht gleich eine Demenz befürchten

von Bettina Rackow-Freitag, 04.10.2019
Utensilien auf dem Autodach

Losfahren mit Gepäck auf dem Autodach: Lässt die Aufmerksamkeit nach, passieren solche Pannen


Das Szenario kennt jeder. Irgendwo in der Wohnung liegt der Schlüsselbund – nur wo? Hektisches Suchen, bis die Schlüssel hinter dem Sofakissen auftauchen – und stattdessen das Handy vermisst wird. Vielen Menschen passiert das oder Ähnliches täglich, mitunter zweifeln sie schon an ihrem Verstand.

"Diese alltägliche Vergesslichkeit ist in den meisten Fällen normal, unabhängig vom Alter oder Geschlecht", beruhigt Sebastian Markett, Professor für Molekulare Psychologie an der Humboldt-Universität Berlin. Vergessen sei einfach wichtig für unser Gehirn, denn das arbeite selektiv und überschreibe immer wieder Informationen. Nur so hätten wir überhaupt Platz für Neues im Kopf.

Genetische Veranlagung zur Vergesslichkeit

Menschen, die zu Schusseligkeit neigen, lassen sich tendenziell leichter ablenken und haben ein Problem, sich Kleinigkeiten zu merken. "Schusseligkeit ist wie ein Persön­lichkeitsmerkmal, das sich zu einem gewissen Maß auf die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und auch Motorik auswirkt", sagt Markett. "Manche lassen deshalb auch immer mal wieder etwas fallen oder stolpern häufiger."

Der Psychologe forscht mit seinem Team seit Jahren zu diesem Thema und hat festgestellt: Schusseligkeit liegt in der Familie. Daran beteiligt ist das Gen DRD2. Es ist in einer bestimmten Variante die Ursache, dass es öfter zu einer Dysbalance im Dopaminhaushalt des Gehirns kommt. "Und das wirkt sich auf die Konzentration und Handlungskontrolle aus", erklärt Markett.

Betroffene vergessen zum Beispiel, was sie alles einkaufen wollen, wenn sie auf dem Weg zum Supermarkt überraschend einen  Freund treffen.

Einziger Trost: Diese sozusagen angeborene Schusseligkeit ist kein Einzelfall, wie Markett und seine Kollegen an der Universität Bonn herausgefunden haben. Dazu untersuchten sie Speichelproben von 500 Testpersonen. Mehr als die Hälfte besaß die Variante des DRD2-Gens, die für alltägliche Vergesslichkeit verantwortlich ist.

Die eigene DNA kann man zwar nicht überlisten, es gibt aber Hilfsmittel und Strategien, um die Zerstreutheit in den Griff zu bekommen. Zum Beispiel sollten wichtige Gegenstände – wie etwa der Schlüsselbund – einen bestimmten Platz im Haushalt haben, an dem man sie immer ablegt.

Digitale Erinnerungshilfen

"Früher gab es den Knoten im Taschentuch, der uns an wichtige Dinge erinnert hat. Heutzutage kann die Technik dabei helfen", sagt Markett. Der Kalender des Handys kann per SMS und Klingelton sig­nalisieren, dass Geburtstage und Termine anstehen.

Die digitale Umgebungskarte auf dem Smartphone dient zudem als Orientierungshilfe, wenn man etwa einmal vergessen hat, wo das Auto abgestellt wurde. Außerdem gibt es mittlerweile Schlüssel­anhänger, die auf Klatschen reagieren und sich akustisch bemerkbar machen. Oder man kann sie mobil anfunken.

Doch das Mobiltelefon hat auch seine Kehrseite. Erste Zahlen und Studien legen nahe, dass der übermäßige Gebrauch von Social-Media-Funktionen auf Smartphones sich auf die Gehirnstruktur auswirkt. "Wir haben in einer aktuellen Studie untersucht, ob eine starke Nutzung der Apps die neuronalen Strukturen im Dopaminsystem beeinflusst", berichtet Markett.

Handy auf stumm schalten

Dafür hat sein Team Nutzungsdaten für Social-Media-Apps mit den Ergebnissen des Hirnscanners abgeglichen. "Es gibt Hinweise, dass gewisse Inhalte auf dem Gerät auf genau die Gehirnstrukturen wirken, die auch mit der Schusseligkeit in Verbindung stehen", erläutert  Markett.

Rund hundertmal schauen viele von uns täglich auf das Display, um Nachrichten zu checken oder etwas im Internet zu suchen. "Doch die Fragmentierung der Zeit und unserer Handlungen wirkt sich sehr wahrscheinlich negativ auf die Konzentration aus", so der Psychologe. Sein Rat: Einfach öfters auf lautlos stellen, damit man nicht alarmgetrieben den Alltag erlebt.

Typische Ursachen für Vergesslichkeit

Da es viele Gründe für Schusseligkeit gibt, lassen Sie bitte beim Arzt abklären, was dahintersteckt. Beispiele:

  • Stress und Überforderung setzen das Kurzzeitgedächtnis unter Druck. Entspannungsübungen helfen.
  • Eisen- oder Vitamin-B12-Mangel kann zu Gedächtnisstörungen führen.
  • Flüssigkeitsmangel wirkt sich mitunter negativ auf die Konzentration aus.
  • Vergesslichkeit kann ein Symptom einer Schilddrüsenstörung sein.
  • Manche Medikamente haben Nebenwirkungen wie Verwirrtheit.
  • Schnarchen kann auf Schlafapnoe hinweisen, die mit starker Tagesmüdigkeit die Schusseligkeit verstärkt.

Die alltägliche Vergesslichkeit versetzt besonders ältere Menschen oft in Angst, irgendwann zu den 1,7 Millionen Demenzerkrankten in Deutschland zu gehören. Tatsache ist, dass die Leistungsfähigkeit der Gehirnfunktionen bereits in den Zwanzigern abnimmt und später das Kurzzeitgedächtnis oder die Reaktionsfähigkeit etwas nachlässt – das ist aber der normale Alterungsprozess. Wer seine Brille häufiger verlegt oder sich schlechter an Namen erinnert, leidet keinesfalls gleich an Alzheimer.

"Demenz ist eine Diagnose, die sich nicht aufgrund einer Eigenbeobachtung stellen lässt, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen ärztlichen Unter­­suchung sein sollte", sagt Professorin Christina Polidori. Sie leitet den Schwerpunkt Klinische Altersforschung der Klinik 2 für Innere Medizin an der Uniklinik Köln.

Gemeinsam fürs Gehirn

Wenn aber die Vergesslichkeit auffällig zunimmt oder man sich plötzlich nicht mehr gut orientieren kann und sich öfters verläuft, das Wiedererkennen von Menschen schwerer fällt und es nicht gelingt, Geschichten inhaltlich zu folgen, sollte man auf jeden Fall den Arzt konsultieren.

"Vergesslichkeit sollte man zwar nicht unterschätzen, aber man sollte auch immer hoffnungsvoll sein", sagt Polidori. Die ärztliche Ab­klärung ist auch wichtig, um andere ­Ursachen wie Flüssigkeitsmangel bei alten Menschen oder hirnorganische Störungen auszuschließen.

Als Vorstand des Bundesverbands Gedächtnistraining untersucht Polidori Trainingsprogramme zur Förderung der geistigen Fitness. Dabei geht es nicht allein um Gedächtnisübungen, die sich im Internet finden oder um  Kreuzworträtsel und Sodokus, die man daheim auf dem Sofa ausfüllt. "Oft fühlen sich Menschen dabei überfordert oder haben auch Versagensängste, wenn sie die Aufgaben nicht allein ­lösen können", berichtet die Expertin.

Besser sei es, in Gruppenarbeit gemeinsam Aufgaben zu lösen, die die Konzentration, das logische Denken oder auch die Motorik gleichermaßen trainieren. "Studien belegen, dass der Austausch und das soziale Miteinander den positiven Effekt auf das Gehirn verstärken. Der Spaß und das Wohl­­befinden beim Trainieren der geistigen Fitness sind entscheidend für den Erfolg."

Routine gegen die Hektik

Letztendlich muss jeder seine eigene Strategie gegen die Schusseligkeit finden. Manche nutzen Notizzettel, die am Schreibtisch, Spiegel oder in der Küche an das Überweisen der Rechnungen erinnern.

Auch Routine bringt mehr Struktur. Wer sich zum Beispiel antrainiert, schon abends alle wichtigen Utensilien für den nächsten Morgen herzurichten, erspart sich einen hektischen Start in den Tag.