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Schreiben: Vom Wert der Handschrift

Bedeuten Computer den Tod der Handschrift? Ein Psychologe erklärt, was wir damit verlieren würden

von Sonja Gibis, 29.11.2018
Handschrift

30 Prozent aller Mädchen und 50 Prozent aller Jungen haben Probleme, flüssig zu schreiben


Dr. Christian Marquardt ist Psychologe und erforscht seit über 20 Jahren die motorischen Grundlagen des Schreibens. Mit seinem Team entwickelte er ein Computerprogramm, das die Bewegungen der Hand beim Schreiben analysiert. Als wissenschaftlicher Beirat unterstützt er zudem die ­Arbeit des Schreibmotorik- Instituts in Heroldsberg.

Herr Dr. Marquardt, schreiben Sie im Alltag noch mit der Hand?

Sogar relativ viel. Auf meinem Schreibtisch liegt immer ein ganzer Stapel Zettel, auf denen ich mir Notizen mache. Alles, was ich strukturieren muss, schreibe ich erst einmal handschriftlich auf, auch bei meiner täglichen Arbeit.

Dr. Christian Marquardt

Oft liest man, dass Kinder heute zunehmend Probleme haben, mit der Hand zu schreiben.

So lautet zumindest die Erfahrung der Lehrer. Sie bestätigen, dass sich das Schriftbild sichtbar verschlechtert. Einer Umfrage zufolge, die das Schreibmotorik-Institut zusammen mit dem Lehrerinnen- und Lehrerverband durchführte, haben inzwischen 30 Prozent aller Mädchen und 50 Prozent aller Jungen Probleme, flüssig zu schreiben.

Woran liegt das?

Ein Grund ist offenbar, dass die Kinder schon mit weniger motorischer Kompetenz in die Schule kommen. Die größten Probleme entstehen unseren Untersuchungen zufolge aber gar nicht so sehr im Erstschreib-Unterricht. Das Wissen, wie ein Buchstabe geschrieben wird, ist da.

Aus dem Alphabet, das man in der Schule gelernt hat, muss aber irgendwann eine individuelle, flüssige Handschrift entstehen. Dieser Prozess wird kaum mehr von der Schule gesteuert, sondern dem Einzelnen überlassen. Hier scheitern viele.

Was unterscheidet eine flüssige Handschrift von der Schrift, die man in der Schule lernt?

Beim Entwickeln einer persönlichen Schrift wird diese in der Regel beschleunigt. Das Erstaunliche: Obwohl sie verschieden aussieht, ist die entsprechende Motorik bei erwachsenen flüssigen Schreibern recht ähnlich. Sie reihen nicht mehr alles aneinander, variieren in der Buch­staben­größe, in den Proportionen, führen Schwungelemente ein, setzen ab an Stellen, wo sie beschleunigen können.

Das sind Techniken, die sich heute jeder selbst beibringen muss, bis das Ganze schließlich motorisch automatisiert geschieht. Man stellt sich das Wort vor – und die Hand schreibt es quasi von alleine. Doch das muss man lernen. Oft fehlt dazu heute allerdings die Motivation, zumal viele Kinder im Alltag nur noch digital kommunizieren.

An Schulen werden Laptop-Klassen eingeführt. Zu Hause tippt jeder nur auf seinem Smartphone. Braucht man die Handschrift denn noch?

In finde diese Diskussion ärgerlich, weil sie vermischt, was nicht zusammengehört. Der Umgang mit den digitalen Geräten ist eine Fertigkeit, die heute jeder beherrschen muss. Dazu gehört auch das Tippen.

Das ist neu hinzugekommen und reduziert die Bedeutung des Handschreibens. So erledigen wir heute im Alltag viel digital, was wir früher handschriftlich gemacht haben. Aber deswegen ist das Erlernen der Handschrift keineswegs überflüssig geworden.

Jede Handschrift ist einzigartig

Am Ende stehen dieselben Wörter auf dem Papier. Ist es nicht egal, ob getippt oder handgeschrieben?

Das Handschreiben geht über das Wort weit hinaus. Das Schreiben als Kulturgut, als eine persönliche Ausgestaltung von Schrift, in der man sich auch selber verwirklichen kann und repräsentiert fühlt – das hat eine ganz andere Bedeutung als ein getippter Text, der irgendwo auf einem Computer verschwindet. Studien weisen zudem darauf hin, dass das Gehirn beim Handschreiben ganzheitlicher aktiviert wird, als wenn ich tippe.

Beim Tippen drücke ich auf eine Taste, eine Information wird mit einer Bewegung kombiniert, die keine Bedeutung hat. Beim Schreiben verbinde ich die Information mit einer äußerst komplexen Bewegung, die ich auch je nach Gefühlslage variieren kann. Das führt zu einer viel größeren Interaktion. Studenten, die in Vorlesungen mitschreiben, formulieren dabei zum Beispiel viel mehr neu, als wenn sie nur tippen. Forschungen legen zudem nahe, dass Handschreiben generell die geistige Entwicklung fördert.

Wie das?

Wir wissen, dass Motorik insgesamt ein Jungbrunnen für unser Gehirn ist. Das zeigt sich auch in der Altersforschung. Menschen, die auf ihre motorische ­Aktivität achten, bauen geistig weniger stark ab, können Vitalfunktionen besser erhalten. Wir sehen selbst bei ­Alzheimer, dass Bewegung positive Wirkungen hat. Und das gilt auch für feinmotorische Bewegung.

Zudem gibt es einen Effekt auf das Lernen. Nicht nur das Wort, auch die Bewegung, das Wortbild, selbst das Geräusch des Stifts auf dem Papier prägt sich ein. Wir lernen also mit allen Sinnen. Schreiben wir etwas mit der Hand auf, können wir es uns daher besser merken.

Grafologen glauben, von der Handschrift sogar auf die Persönlichkeit schließen zu können.

Hier wäre ich eher zurückhaltend. Kann jemand nicht gut Klavier spielen, schließe ich daraus ja auch nicht auf Schwächen in der Persönlichkeit. Genauso ist es bei der Handschrift. Wenn sie nicht funktioniert, kann das auch einfach an mangelnder Kompetenz ­liegen. Der Betreffende hat schlicht zu wenig trainiert.

Ich halte das Schreiben aber für eine wichtige Möglichkeit, sich auszudrücken. Ich würde daher sagen: Gerade die digitale Schule braucht die Handschrift, auch um die Persönlichkeit noch genügend zu fördern und um den Bildungsauftrag zu erfüllen.

Wie könnte man die Handschrift im digitalen Zeitalter vor dem Aussterben bewahren?

Unserer Meinung nach müsste man auch den Schreibunterricht überdenken. Mithilfe digitaler Stifte können wir heute wie unter einem Mikroskop beobachten, wo die Probleme beim Schreibenlernen genau liegen. Durch einen motorisch ausgerichteten Schreibunterricht könnten wir die Kinder viel aktiver als bisher unterstützen, sie zum Experimentieren auffordern, um individuelle Lösungen zu finden. Wir reden in diesem Zusammenhang auch gern von Schreib­entdeckern. Wenn man diese Neugier fördert, entsteht auch wieder mehr Spaß am Schreiben.