Gallensteine: Wann muss operiert werden?

Wenn Gallensteine Probleme bereiten, wird meist die ganze Gallenblase entfernt. Wie der Eingriff abläuft und worauf Patienten nach der Operation achten müssen

von Christian Krumm, aktualisiert am 28.04.2016

Bei problematischen Gallensteinen gilt die Entfernung der Gallenblase als Goldstandard


Am Abend gab es Mammut. Schmatzend und grunzend saßen 15, 20 Gestalten um das Feuer und schlugen sich die Bäuche voll: die Männer, die das Tier erlegt, zerteilt und in drei Tagesmärschen zur Höhle geschleppt hatten. Die Frauen, die sehnsüchtig auf ihre Rückkehr gewartet hatten. Die Alten. Und die Kinder.

"Unsere Vorfahren haben, oft in sehr unregelmäßigen Abständen, große Mengen fettes Fleisch auf einmal gegessen", sagt Dr. Joseph Kankam. "Da war es gut, dass in der Gallenblase reichlich Flüssigkeit gespeichert war, die dann kurzfristig für die Verdauung zur Verfügung stand", fährt der leitende Oberarzt am Düsseldorfer Marien-Hospital fort.

Ursachen von Gallensteinen

Der moderne Mensch kann notfalls auf das Zwischenlager Gallenblase verzichten, falls das Organ entfernt werden müsste – sofern er sich richtig ernährt. Beim Essen signalisiert die Dehnung der Magenwände der Leber: "Jetzt kommt Nahrung." Die dadurch angeregte Produktion des Verdauungssafts reicht in der Regel aus, um der Mahlzeit Herr zu werden. Doch leider lebt der moderne Mensch nicht immer gesund.

Der Gastroenterologe Professor Frank Lammert, Direktor der Klinik für Innere Medizin II am Universitätsklinikum des Saarlands in Homburg, erforschte mit Kollegen die Ursachen für die Entstehung von Gallensteinen. Zu rund 25 Prozent, das hatte eine Auswertung der Daten von mehr als 40.000 schwedischen Zwillingspaaren ergeben, sind die Gene verantwortlich.

"Die häufigsten Auslöser sind jedoch Übergewicht und zu wenig Bewegung", sagt der Wissenschaftler. Er korrigiert gleich einen weitverbreiteten Irrtum: "Auch wenn mehr als 90 Prozent aller Gallensteine aus Cholesterin bestehen, spielt dieser Naturstoff, wenn wir ihn über die Nahrung zu uns nehmen, bei ihrer Entstehung eine relativ geringe Rolle." Vielmehr begünstige eine kalorienreiche Ernährung mit vielen Kohlenhydraten die Steinbildung.

Keine Blitzdiäten

Wer nun aber glaubt, er könne mit einer Blitzdiät sein Risiko verringern, irrt gewaltig. "Normalerweise stellen Gallensäure und Lezithin ein Gleichgewicht zwischen der wasserlöslichen Gallenflüssigkeit und dem nicht wasserlöslichen Cholesterin her", erklärt Lammert. Beim beschleunigten Abnehmen verschiebt sich die Zusammensetzung der Gallenflüssigkeit. Dann kann sich ein Cholesterinstein bilden, meist um einen Kern aus dem Blut-Abbauprodukt Bilirubin.

Besser sei eine Gewichtsreduktion mit einer leicht fettangereicherten Diät, so Gastroenterologe Lammert. Dabei zieht sich die Gallenblase gut zusammen und pumpt den Gallengrieß und kleine Steine durch den Gallengang in den Zwölffingerdarm. Sie werden ausgeschieden, bevor sie sich vergrößern können.

Lebensstil: Welche Rolle spielen Alkohol und Kaffee?

Die Homburger Forscher räumen in ihrer Arbeit auch mit ein paar weiteren Missverständnissen auf. So spielt eine zu geringe Trinkmenge, anders als bei Nierensteinen, beim Entstehen von Gallensteinen keine Rolle. Auch Alkohol, für viele Krankheiten zumindest mitverantwortlich, hat hier ausnahmsweise keinen Einfluss.

Beim Kaffeegenuss ist die Studienlage umstritten. Viele Menschen wissen gar nicht, dass sie "steinreich" sind. Nur bei etwa jedem Vierten von ihnen machen sich die Gebilde im Lauf des Lebens bemerkbar. "Allein die Anwesenheit von Steinen, die keine Beschwerden machen, ist kein Grund, die Gallenblase zu entfernen", betont Joseph Kankam.

Wann werden Gallensteine zum Problem?

Kleinere Steine können jedoch in den Gallengang wandern, dort stecken bleiben und dabei eine Infektion verursachen. Sie müssen endoskopisch über den Darm entfernt werden. Wenn Steine den Ausgang der Gallenblase blockieren, rufen sie meist Koliken mit krampfartigen Schmerzen hervor, die in den Oberbauch und sogar bis in die rechte Schulter hinauf ausstrahlen können. Die Betroffenen sollten sofort zum Arzt gebracht werden.

"Bis vor etwa 15 Jahren hat man oft zunächst versucht, den Stein oder die Steine vor Ort medikamentös aufzulösen oder mit Stoßwellen zu zertrümmern", sagt Dr. Konstantinos Zarras, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und minimalinvasive Chirurgie am Marien-Hospital Düsseldorf. Beide Verfahren haben sich jedoch nicht bewährt. Die Medikamente besitzen zu viele Nebenwirkungen, und mit den hochenergetischen Druckwellen ließen sich die Steine zwar erfolgreich entfernen, doch in nahezu 100 Prozent der Fälle bildeten sich anschließend neue.

Standard: Entfernung der Gallenblase über Bauchspiegelung

Auch der früher übliche Eingriff über einen offenen Bauchschnitt wird nur noch dann durchgeführt, wenn erschwerende Umstände vorliegen. Als Goldstandard in der westlichen Welt bezeichnet Konstantinos Zarras die Entfernung der Gallenblase nebst ihrem steinigen Inhalt im Rahmen einer Bauchspiegelung.

Bei diesem Schlüsselloch-Verfahren, das in Deutschland jährlich rund 170.000 Mal angewandt wird, führt der Chirurg über winzige Schnitte dünne Schleusen in den Bauchraum ein, durch die er seine werkzeugführenden Instrumente schiebt, die sogenannten Tokare.

"Am Marien-Hospital arbeiten wir normalerweise mit drei Tokaren", sagt der Chefarzt. Er erklärt: "Aus ästhetischen Gründen legen wir den Schnitt für das größte Tokar, das Laparoskop mit zwölf Millimeter Durchmesser, in die Nabelgrube." Unter Vollnarkose wird über diesen Zugang zunächst der Bauchraum des Patienten mit Kohlendioxid aufgeblasen, anschließend eine Kamera mit Xenonlicht eingeführt.

"So sehen wir genau, wo wir die zwei weiteren Schnitte für die chirurgischen Instrumente ansetzen müssen." Diese Schleusen sind höchstens fünf Millimeter dick. Durch den Nabelschnitt werden später die Steine und die im Bergebeutel zerteilte Gallenblase entfernt.

Während ihrer Eingriffe sehen Konstantinos Zarras und Joseph Kankam aus wie John Belushi und Dan Aykroyd in dem Film "Blues Brothers". Mit ihren 3-D-Brillen können sie auf dem Monitor dreidimensional verfolgen, was eine Spezialkamera live aus dem Bauchraum sendet. Zarras: "Das räumliche Sehen bei einer OP basierte früher nur auf den Erfahrungswerten der Chirurgen. Die 3-D-Technik erleichtert nun vor allem jüngeren Kollegen die Arbeit."

Ernährungstipps für ein Leben ohne Gallenblase:

  • Eine spezielle Diät müssen Sie nicht einhalten
  • Verteilen Sie vier bis fünf kleinere Mahlzeiten über den Tag
  • Bereiten Sie leicht verdauliche Speisen schonend vor
  • Vermeiden Sie fette, gegrillte und frittierte Gerichte
  • Wählen Sie vitamin- und ballaststoffreiche Zutaten
  • Berücksichtigen Sie individuelle Unverträglichkeiten.