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Warum wir uns fremd schämen

Oft wird Fremdscham vor allem mit peinlichen Sendungen der Medien in Verbindung gebracht. Doch es verrät auch einiges über uns

von Julia Rudorf, 14.12.2018
Mutter küsst Sohn

Pubertierende finden ihre Eltern oft zum fremdschämen. Zum Beispiel wenn sie von ihnen öffentlich abgeknutscht werden


Es gehört zu den Rand­erscheinungen der digitalen Welt, dass es für alles eigene Genres und Sub-Genres gibt. Bei Videos etwa die Kategorie "Failed Proposals" oder "Heiratsantragsvideo". Häufig sind die Videos schon mit Zusatzhinweisen ver­sehen: "Achtung! Fremdscham garantiert!"

Bloßgestellte Menschen verursachen Unbehagen, aber faszinieren

Tatsächlich verur­sachen die Filme beim Betrachter großes Unbehagen, denn man wird Zeuge, wie Männer und Frauen mit aufwendigen Aktionen um die Hand eines ­geliebten Menschen anhalten. Und damit abblitzen. Kniefälle im Einkaufszentrum mit fünfköpfiger Mariachi-Band, Flash­­mobs im Freizeitpark, ­Anträge im Kino oder gar im ausverkauften Stadion vor Tausenden Zuschauern – ein langer Reigen der Pein und Peinlichkeit.

Doch warum schämt man sich überhaupt mit, zu Hause, vor dem heimischen PC, wenn sich Dave in Nebraska zum Vollhorst macht? Die deutsche Sprache kennt für dieses Gefühl den Begriff Fremdscham. Seit 2009 steht sie sogar im Duden: "Das Gefühl, sich für einen anderen schämen zu müssen; in ­Bezug auf das Verhalten eines anderen empfundene Peinlichkeit."

Ein mächtiges Gefühl

Um das Phänomen der Fremdscham zu verstehen, muss man sich zunächst einmal klarmachen, was Scham ­eigentlich bedeutet. "Scham ist ­eines der stärksten Gefühle – deshalb spielt sie auch in der Religion eine wichtige Rolle", sagt der Mainzer Theologe Professor Kristian Fechtner. Dass die Bibel mit der großen Beschämung von Adam und Eva ­beginnt, ist kein Zufall.

Scham ist ein soziales Gefühl. Nach Ansicht von Evolutionsbiologen hat es sich auch wegen seiner hilfreichen Warnfunktion entwickelt: Wer sich schämt, hat gegen die Regeln verstoßen. Geltende Normen einzuhalten sicherte jedoch den Verbleib in der Gruppe.

Scham erleichtert das Miteinander

Scham erleichtert das Zusammenleben: Wer sich schämt und nicht "schamlos" oder "unverschämt" auf das eigene Verhalten blickt, ist sich offenbar bewusst, dass Grenzen überschritten wurden. 

Auch die Schamesröte ist deshalb weitaus besser als ihr Ruf. Forscher der US-amerikanischen University of California in Berkeley haben untersucht, welche Reaktionen Erröten bei anderen hervorruft. Es zeigte sich, dass Menschen, die nach einem Fauxpas rot wie eine Tomate anliefen, als sozialer und vertrauenswürdiger eingestuft werden als solche, denen nichts dergleichen anzumerken war. Und während Peinlichkeit nur von kurzer Dauer ist, wirkt Scham nachhaltig. Auch noch nach Jahren kann der Gedanke an einen vermasselten Auftritt beim Schultheater ausreichen, dass es einem heiß und kalt wird.

Ansporn, eigene Fehler zu vermeiden

Aus Sicht der Psychologie ist die Langzeitwirkung durchaus sinnvoll: "Sie soll uns ja zur Vermeidung von Fehlern oder sozialen Niederlagen anspornen. So wie in der eigenen Erinnerung will man nie, nie mehr gesehen werden – weder von Fremden, noch von sich selbst", sagt der Aachener Psychoanalytiker Micha Hilgers.

Scham ist menschlich – jeder schämt sich irgendwann. Meist setzt das Gefühl zum ersten Mal mit etwa zwei Jahren ein. "Scham schützt hier die sich gerade aufrichtenden Selbst- und Intimitätsgrenzen", sagt Psychologe Hilgers. Ein Beispiel: Die Großeltern kommen zu Besuch, und die versammelte Familie erwartet, dass das Kind die Großeltern gebührend begrüßt. Das Kind jedoch versteckt sich verschämt. Die übermäßige ­Beachtung so vieler wichtiger Menschen stellt für die kleine Persönlichkeit einen Übergriff dar. Das ist das Wesen des Gefühls: Scham braucht Publikum. Ein zweiter wichtiger ­Faktor entwickelt sich später mit der Fähigkeit, sich selbst aus der Perspektive anderer Menschen zu sehen: Im Grundschulalter reicht schon die Befürchtung aus, man könne ausgelacht werden, um sich zu schämen.

Von der Scham zur Fremdscham

In der Pubertät dann wird die Scham in allen Varianten zum bestimmenden Lebensgefühl – und mit ihr die Fremdscham. Psychologen sehen das als weiteren wichtigen Entwicklungsschritt. Schließlich geht es in der ­Pubertät darum, sich vom Umfeld abzugrenzen und eine eigene Persönlichkeit zu werden.

"In dem Alter gibt es für Jugendliche ja nur zwei Möglichkeiten: Etwas ist peinlich. Oder oberpeinlich", sagt Kristian Fechtner. Die Fremdpeinlichkeit hat dann ein bevorzugtes ­Zielobjekt: die eigenen Eltern. Aber auch Verwandte und Freunde kann es treffen. "Je emotional bedeutsamer eine Person ist, ­desto mehr bangen wir bei öffentlichen Auftritten des Betreffenden, dass er oder sie doch bestehen möge", sagt der Psychoanalytiker Hilgers.
Schließlich strahlt der Erfolg in der eigenen Wahrnehmung ebenso auf die eigene Person ab wie die soziale Blamage.

Erwachsene empfinden sehr unterschiedlich

Im Erwachsenenalter entwickelt sich die Fremdscham zu einem sehr individuellen Gefühl. Denn: Was angemessenes Verhalten ist oder nicht, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Das mussten auch ­Psychologen der Universität Lübeck feststellen, die seit einigen Jahren Fremdscham und Peinlichkeit mit neurowissenschaftlichen Methoden untersuchen. Für eine Untersuchung beschrieben sie den Probanden verschiedene peinliche Situationen in der Öffentlichkeit. Etwa einen Mann, der mit einem offenen Hosenstall durch die Fußgängerzone geht. Oder jemanden, dem beim Bücken auf dem Flur die Hose reißt. Die Probanden sollten danach sagen, ob sie sich als Beobachter in diesem Moment fremdschämen würden oder nicht.

Viele Facetten der Fremdscham

Die erste Erkenntnis: Es gibt kaum Konstanten für Fremdscham, höchstens Korrelationen. Teilnehmer, die schon vor dem Test angaben, besonders empathisch zu sein, schämten sich beispielsweise etwas häufiger fremd.

Angesichts der großen Unterschiede bei der Fremdscham ist auch nicht verwunderlich, dass jedes der "Fremdscham-Formate" im Netz oder Fernsehen ein Publikum findet: Deutschland sucht den Superstar, Bauer sucht Frau oder das Dschungel­camp seinen König: Private Fernsehsender scheinen das natürliche Biotop für das Befremden über Fremde zu sein. "Bei diesen Fernsehformaten geht es um veritable Beschämungs­rituale, weniger um große Fragen von Scham und Moral", stellt Theologe Fechtner richtig. "Es geht um das Bloßstellen von Unzulänglichkeiten." Dafür braucht es heute nicht viel. Wer sein Übergewicht, Sprachfehler oder Probleme bei der Partnerwahl öffentlich zur Schau stellt, verstößt gegen so ziemlich alle Normen der Leistungsgesellschaft.

Das kann man peinlich nennen. Ein Grund, sich zu schämen, ist es nicht. Tun wir es doch, ist das eher für ­jemand anders blamabel: uns selbst.