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Ernährungsfallen: Warum wir ungesund essen

Diese Psycho-Fallen bringen uns dazu, zu viel, zu süß, zu einseitig zu essen – oder etwas, das uns gar nicht schmeckt! Ernährungspsychologen erklären Essgewohnheiten, die Menschen im Alltag beeinflussen

von Silke Droll, 29.04.2019
Zuschauer im Kino

Die Macht der Gewohnheit: Für viele Menschen gehören Popcorn und Soft-Drinks zu einem Kinobesuch dazu


Wir wollen beim Essen genießen, uns gesund ernähren und bitte nicht zu dick werden. Warum sitzen wir dann trotzdem wieder mit der Chips-Tüte auf dem Sofa und stopfen uns einfach voll? Wahrscheinlich sind wir in eine Falle getappt – ohne es zu merken. "Unser Essverhalten ist zu 80 Prozent unbewusst und emotional gesteuert", sagt der Ernährungspsychologe Johann Klotter von der Hochschule ­Fulda.

Wer verstehen will, welche ­Mechanismen beim Essen ablaufen, muss sich erst einmal selbst beobachten und darüber nachdenken, wovon er ­getrieben wird. Ist es vielleicht der Alltagsfrust, die Werbung oder der Wunsch nach Kon­trolle? In mindestens eine der folgenden sechs typischen Ernährungsfallen ist jeder schon einmal geraten.

Die Kombifalle: Essen als Reaktion auf einen Reiz

Erst die Kinokarten kaufen, dann Popcorn und Cola – für viele Menschen ist das eine fixe Kombination. "Das ist ein typisches Muster. Ein Reiz, in diesem Fall das Kino, löst eine Reaktion aus. Verhaltenspsychologisch koppeln wir das", sagt Ernährungspsychologe Klotter. Das Gleiche passiert bei der Currywurst im Stadion. Aus Reizen werden automatisierte Gewohnheiten.

Das können auch kleine Dinge sein: Etwa immer Zucker in den Kaffee tun oder immer etwas Süßes zum Tee naschen. "Man kann sich fragen, was brauche ich wirklich? Was tue ich automatisch? Was mache ich nur, weil es meine Umgebung so macht? Wie geht es mir, wenn ich das mal weglasse?", sagt Klotter.

Die Belohnungsfalle: Essen gegen den Frust und zur Beruhigung

Sofort Schokolade, Chips oder ein Stück Käse, wenn man nach Hause kommt, das hat man sich schließlich verdient! Und schwups, sitzt man in der Belohnungsfalle. Nach einem stressigen und unbefriedigenden Arbeitstag verlangt unser limbisches System im Gehirn nach einer Wiedergutmachung – und Essen stellt eine der einfachsten Formen von Belohnung dar, weil es immer verfügbar ist. Viele Menschen regulieren mit Süßigkeiten ihre Emotionen. Gesund ist das nicht.

Besser man überlegt: Welche anderen Möglichkeiten könnte es geben? Was macht mir noch Spaß, außer Essen? Vielleicht Musik hören, einen Spaziergang machen, mit einer Freundin telefonieren, mit dem Partner kuscheln ... Allerdings: Es fällt nicht leicht, sich eine "alternative Verstärkung" zu suchen, wie Psychologen sagen. Denn Essen hat tatsächlich einen beruhigenden und entspannenden Effekt – vor allem wenn es viele Kohlenhydrate enthält. Warum sich die Schwäche also nicht ab und zu erlauben? "Man kann versuchen, die Menge zu reduzieren und ein Ritual daraus machen: ganz bewusst, genießerisch und langsam essen statt schnell, hastig und nebenbei", empfiehlt Ernährungspsychologin Katja Kröller von der Hochschule Anhalt.

Die Identitätsfalle: Essen für die Zugehörigkeit

Ein paar Weißwürste, süßer Senf, eine Breze und eine Halbe Weißbier dazu: Dieses Frühstück verströmt bayerische Geselligkeit par excellence. Kaum vorstellbar, dass jemand seine Weißwurst alleine zuzelt. Die Mahlzeit bringt Menschen zusammen: die Kollegen in der Firma oder die Freunde im Wirtshaus. Dabei behaupten eher wenige Bayern, dass Weißwurst ihr Lieblingsessen sei. Ernährungsphysiologisch ist das späte Frühstücksritual sogar ein fettiges und salziges Desaster.

Ernährungspsychologen halten die Wurst trotzdem für eine tolle Erfindung, weil sie die kulturelle Identität stärkt. "Es geht um die Zugehörigkeit zu einer regionalen Gruppe. Psychologisch gesehen ist das etwas Positives", sagt die Professorin Katja Kröller. Und ihr Kollege Klotter verweist auf das "französische Paradox" um die Tradition des stunden­langen gemeinsamen Schlemmens in unserem Nachbarland: Obwohl ihr Essen an sich nicht gesünder ist, leben die Franzosen länger. "Gemeinsame Genussrituale sind wichtig", sagt er. Deswegen sind Weißwurst und andere Kalorienbomben, die ein schönes Zusammensein bescheren, beizeiten absolut in Ordnung.

Die kulturelle Falle könnte übrigens auch ganz anders aussehen: "Stellen Sie sich vor, Sie ziehen nach Berlin und geraten in Kreise von Veganern. Dann werden sie eben auch Veganer!", sagt Kröller. Denn das gleiche ­Essverhalten kann aus Fremden Freunde machen.

Die Werbefalle: Essen als Verführung

Was für ein gutes Angebot! Wie gesund! Bio! Lecker! Wenn die Verpackung oder die Werbung solche Botschaften sendet, kann das unser Essverhalten enorm beeinflussen. "Das passiert, ohne dass wir es merken oder uns einge­stehen", sagt Kröller. Tückisch sind etwa "3-für-2-Deals" oder Großpackungen. Wer mehr Plunderteilchen oder süße Cerealien fürs Geld bekommt, kauft mehr und isst mehr davon.

Auch die eigene Ernährungsidentität spielt eine Rolle. "Wenn etwa Bio-Lebensmittel für mich und mein Gewissen wichtig sind, schaue ich oft nicht mehr genau hin, sondern kaufe einfach das, wo bio drauf steht. Aber ist der Preis okay? Schmeckt es mir? Und ist es auch gesund?", fragt Katja Kröller. Die Expertin fand sich kürzlich selbst in der Werbe-Falle wieder. Als ihre Familie fragte, warum sie diese spezielle Schokolade gekauft habe, dachte sie zunächst, dies getan zu haben, weil es sich um eine Kindheitserinnerung handelte. Doch das hatte sie sich nur eingebildet. "Ich merkte später, dass ich ständig Lastwagen mit der entsprechenden Werbung auf der Autobahn sah", erzählt die Berufspendlerin.

Die Abgrenzungsfalle: Essen, weil ich anders bin

Unser Essverhalten ist stark von unserer ­Familie geprägt. Doch in der Pubertät und im jungen Erwachsenenalter machen viele Menschen eine Kehrtwende. Sie grenzen sich ab, probieren aus. Kinder von gesundheitsbewussten Kalorienzählern schaufeln dann Fertigpizza in sich hinein, der Nachwuchs aus traditionellen Elternhäusern mit Sonntagsbraten und Wurstbrot wird streng vegetarisch. Wer immer Sonderangebote essen musste, gönnt sich Köstlichkeiten aus der Gourmet­Abteilung. Auch diese Abgrenzung macht psychologisch gesehen Sinn.

"Über das Essen sage ich: Ich bin ich", ­erklärt Ernährungspsychologe Klotter. Die Entstehung einer eigenen Esskultur trägt zur Identitätsbildung bei. Für die meisten Menschen handelt es sich um eine vorübergehende Phase, ihr ­Ernährungsstil wird später flexibler und lässt wieder Gemeinsamkeiten mit den Eltern zu. Komplett freimachen von seiner Ernährungsbiografie kann man sich aber nicht. Leitsätze aus der Kindheit können auch Erwachsene noch steuern. "Wenn es als schlecht galt, den Teller nicht leer zu essen, dann kann es sein, dass man als Erwachsener immer noch alles aufisst, selbst wenn es gar nicht schmeckt oder man längst satt ist", so Expertin Kröller.

Die Kontrollfalle: Essen, weil es mir Halt gibt

Low-Carb, Low-Fat, vegan: Die bewusste Wahl eines ­bestimmten Ernährungsstils gibt uns eine Konstante im Leben. Regeln fürs Essen vermitteln Sicherheit und das Gefühl, Kontrolle zu haben. "Das ist nichts Schlechtes. Wir sind ja im Leben ständig darum bemüht, Halt zu ­finden. Essen kann da ein geeignetes Mittel sein", meint Ernährungspsychologin Kröller. Die Wissenschaftlerin sieht bei der Ausbreitung der "Ernährungsreligionen" einen Zusammenhang mit der Auflösung fester Struk­turen im Leben vieler Menschen.

"Einiges ist heute ­unbestimmter als früher, man wechselt die Jobs, trennt sich, zieht um. Man muss mehr Anforderungen bestehen", sagt sie. Wenn dann wenigstens die selbst gesetzten Vorgaben fürs Essen Bestand haben, könne das andere Unsicherheiten wenigstens zum Teil ausgleichen. Das Problem dabei: Manchmal kippt die Ernährungsphilosophie in einen Zwang, wird also zur Essstörung. Kröller: "Ein bisschen Flexibilität sollte man sich bewahren. Wenn ich mir ein Maximum von drei Stück Schokolade am Tag setze, sollte es trotzdem kein Problem sein, davon eine Ausnahme zu machen, wenn mir zum Beispiel nett etwas angeboten wird."