Weizenunverträglichkeit: Krankmacher Gluten?

Glutenfreie Produkte bescheren der Industrie große Umsätze. Doch nicht jeder, der es von sich vermutet, reagiert tatsächlich auf das Klebereiweiß mit Beschwerden
von Christian Andrae, 26.08.2015

Grundnahrungsmittel Weizen: Aus den Ähren lässt sich zum Beispiel Mehl herstellen

istock/ll jingwang

Zunehmend mehr Deutsche glauben, dass Gluten ihnen schadet – ohne dass je eine entsprechende Diagnose gestellt wurde. Trotzdem greifen Verbraucher häufiger zu teureren Produkten ohne das Klebereiweiß. Professor Andreas Stallmach, Gastroenterologe am Universitätsklinikum Jena, warnt vor voreiligen Schlüssen.

Professor Andreas Stallmach, Direktor der Innernen Medizin IV am Uniklinikum Jena

W&B/Anna Schroll

Herr Professor Stallmach, was haben Sie heute Morgen gefrühstückt?

Orangensaft, Tee und eine Scheibe Vollkornbrot mit Fleischsalat.

Haben Sie das Brot gut vertragen?

Bisher ja.

Es gibt aber Menschen, die damit Probleme haben.

Das sind beispielsweise Menschen, die an einer Zöliakie leiden. Dabei wehrt sich das Immunsystem gegen das Gluten, das in Weizen, Roggen, Gerste und Dinkel enthalten ist. Dann gibt es noch die sogenannte Weizen-Allergie. Dabei handelt es sich um eine Überreaktion des Immunsystems.

Welche Symptome zeigen sich bei diesen Erkrankungen?

Sie können recht vielschichtig sein. Unter Zöliakie leiden in Deutschland rund 400 000 Menschen, häufig bleibt sie aber unbemerkt. Die Symptome können Durchfall, Gewichtsabnahme, Eiweißmangel, Wassereinlagerungen, Vitamin­­mangel, Nachtblindheit oder Knochenerweichung sein, manchmal aber auch nur eine versteckte Blut­armut. Die Weizenallergie kann sich mit Durchfall, Anschwellen der Mund- und Rachenschleimhaut oder krampfartige Bauchschmerzen bemerkbar machen.

Es haben aber auch vermehrt Menschen ohne Zöliakie oder Weizen­allergie ähnliche Symptome. Was hat es ­damit auf sich?

Hier handelt es sich um eine Glutensensitivität, die jedoch mit "Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizen­unverträglichkeit" treffender bezeichnet wäre. Inzwischen hat sich nämlich herausgestellt, dass es wahrscheinlich nicht nur Gluten ist, das die Symptome hervorruft. Es wird auch vermutet, dass Stoffe, die der Weizen zur Schädlingsabwehr produziert, für die Symptome verantwortlich sein können.

Wie finden Ärzte heraus, ob jemand glutensensitiv ist?

Das ist Detektivarbeit. Zöliakie und Weizenallergie müssen zunächst ausgeschlossen werden. Sind anhand eines Ernährungstagebuchs gewisse Muster erkennbar und verschwinden Beschwer­den bei Weizenverzicht, liegt es nahe, dass man an Weizenunverträglichkeit oder Glutensensitivität leidet.

Es liegt nahe – einen Beweis gibt es also nicht?

Ja. Bis heute gibt es keine spezifischen Laborwerte oder Marker. Dazu kommt, dass der Markt glutenfreier Produkte für viele Firmen finanziell interessant ist. Entsprechende Nahrungsmittel kos­ten schließlich weitaus mehr als herkömmliche Produkte. Deshalb werben Firmen mit dieser Glutensensitivität und sagen, dass ihre weizenfreien, glutenfreien Produkte den Menschen helfen. Je mehr daran glauben, desto größer sind die Umsätze. Doch längst nicht alle Menschen, die sich bei einer solchen Ernährung besser fühlen, haben tatsächlich ein Weizensensitivitäts-Syndrom. Aber: Wenn es ihnen mit glutenfreien Produkten besser geht und sie dafür mehr Geld ausgeben möchten, dann ist das zumindest aus medizinischer Sicht nicht schädlich.

Wie erklärt sich dann der Rückgang der Beschwerden durch glutenfreie Ernährung?

Verzichtet man beispielsweise auf Vollkornprodukte, müssen im Dickdarm weniger Ballaststoffe durch Bakterien umgewandelt werden. Dadurch entstehen auch weniger Gase, und der Dickdarm wird nicht so stark gedehnt. Menschen mit einem Reizdarm-Syndrom etwa – daran leiden 15 bis 20 Prozent der deutschen Bevölkerung – reagieren auf diese Dehnungsreize sehr empfindlich. Es kann aber auch fälschlicherweise ein Reizdarm diagnostiziert worden sein, weil eine Zöliakie bisher nicht entdeckt wurde. Auch da hilft eine glutenfreie Ernährung. Das hat jedoch nichts mit einem Weizensensitivitäts-Syndrom zu tun.

Reizmagen, Zöliakie, Weizenallergie, Weizen- oder Glutensensitivität – das klingt nach einer ziemlich großen Schnittmenge für die Symptome.

Es ist nicht leicht, eine Schwarz-Weiß-Situation zu schaffen. Bei der Zöliakie ist das noch relativ einfach. Bei Weizenallergie wird es schon schwieriger. Und die Glutensensitivität kann man bis heute nicht durch einfache Untersuchungen nachweisen.


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