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Was bringen Luxus-Mineralwasser?

Hersteller werben mit Argumenten wie Gesundheit und besonderer Reinheit. Warum teure Mineralwässer eher wässriger Luxus als tatsächlich ein Gesundheits-Plus sind

von Michael Aust, aktualisiert am 05.07.2016
Mineralwasser

Lebenselixier: 147 Liter Mineralwasser trinken Deutsche jährlich im Durchschnitt


Weiter weg geht nicht: Mehr als 16 000 Kilometer Luftlinie trennen Deutschland von den Fidschi-Inseln im Südwestpazifik. Wer von Frankfurt oder München in das Südsee-Archipel fliegt, ist 23 Stunden unterwegs. Die entgegengesetzte Route nehmen seit Jahrzehnten viele Container mit Mineralwasserflaschen: Die Fiji Water Company, deren Brunnen im abgelegenen Yaqara-Tal der Insel Viti Levu steht, exportiert ihr Mineralwasser auch nach Amerika und Europa. Auch in vielen deutschen Feinkostläden kann man "Fiji-Wasser" kaufen – den halben Liter ab 2,70 Euro.

Luxusmarken wie Fiji, Perrier oder Evian werden bei Wassertrinkern immer beliebter. Laut "Lebensmittelzeitung" zog der Verkauf von Mineralwässern mit einem Durchschnittspreis von über 70 Cent pro Liter in Deutschland 2014 um 22 Prozent an. Allein Fiji Water steigerte seinen Absatz seit 2006 in Deutschland um 166 Prozent. Im Jahr 2014 machte der Inselstaat knapp 17 Prozent seiner Exporteinnahmen mit Mineralwasser. Auch der Konkurrent Voss, der sein Premiumwasser laut Firmenangaben aus einem Gletscher in Norwegen in Designer-Fläschchen abfüllen lässt, beliefert Luxus-Hotels auf der ganzen Welt.

Trend zum Luxus-Wasser

"Es gibt einen Trend zum Luxuswasser, allerdings findet dieser nur in einer Nische statt", sagt Armin Valet, Referent für Ernährungsfragen der Verbraucherzentrale Hamburg. Laut dem Verband Deutscher Mineralbrunnen sind die beliebtesten Mineralwässer mit einem Marktanteil von 83,1 Prozent nach wie vor der klassische Sprudel und das Wasser mit wenig Kohlensäure. Insgesamt wächst der Markt rasant: Tranken die Deutschen noch 1970 pro Kopf nur 12,5 Liter, stieg der Konsum 2015 auf 147 Liter. Und mit dem Markt wächst auch die Nische.

Vor allem gesundheitsbewusste Zielgruppen fühlen sich von teuren Produkten angezogen, werben diese doch mit besonderer Natürlichkeit und Reinheit. "Fiji-Wasser" etwa stellt gern heraus, dass es auf Viti Levu keine Industrie gibt und damit das Grundwasser nicht mit Verunreinigungen belastet ist. Manche Hersteller zielen direkt auf Esoterik-Fans. So werden die Flaschen der Marke "Luna Llena" bei Vollmond abgefüllt: Der katalanische Hersteller Pineo verspricht sich davon "mehr positive Frequenzen, die dazu beitragen können, dass der Körper Schadstoffe besser ausschwemmen kann", wie es auf der Webseite heißt.

Viel Marketing, wenig Mineralstoffe

Aber ist an dem Bild von Gesundheit und Reinheit, das die Hersteller von ihren Wässern zeichnen, auch etwas dran? "Da steckt viel Werbestrategie dahinter", sagt Verbraucherschützer Valet. Besonders gesund könne ein Wasser nur sein, wenn es bestimmte Mineralstoffe enthalte. "Doch die meisten dieser teuren Wässer haben, von Ausnahmen abgesehen, nur einen niedrigen oder mittleren Mineralstoffgehalt – bei manchen sogar so niedrig wie im Leitungswasser", so Valet. Der Grund sei, dass zu viel Mineralstoffe den Geschmack verderben – und der beim Kauf von Luxus-Wässern die größte Rolle spiele.

Teurer nicht gleich gesünder

Auch Arno Steguweit, Wasser-Sommelier und Berater verschiedener Wassermarken, sieht vor allem die Werbung als treibende Kraft hinter dem Gesundheits-Anstrich: "In der Regel wird Wasser dadurch zum Luxus-Wasser, dass es im Marketing sehr teuer ist. Wenn man mit einem Hollywood-Star wirbt, muss man das im Verkauf wieder reinholen." Auch wenn etwa Fiji-Wasser nachweislich den höchsten Gehalt an Kieselsäure habe, müsse man schon übermäßig viel davon trinken, um etwa positive Wirkungen auf Fingernägel oder Haare zu bemerken, sagt Steguweit. Und was die Reinheit anbelangt, könne man getrost heimischen Brunnen vertrauen: Zum einen fließe das Mineralwasser hierzulande bis zu 150 Jahre lang unterirdisch, bevor es abgezapft wird, und habe deshalb sehr lange natürliche Reinigungsprozesse hinter sich. Zum anderen müsse hierzulande jede natürliche Mineralquelle auch ökologisch zertifiziert sein.

In Sachen Mineralstoffgehalt sind zudem viele mittelpreisige Produkte aus regionalen Mineralbrunnen exotischen Anbietern überlegen. 14 von 20 getesteten Produkten enthielten mittlere, hohe oder sehr hohe Gehalte an Natrium, Sulfat oder Kalzium, wie 2015 ein Test der Stiftung Warentest ergab. Verunreinigungen wurden nur bei drei Mineralwässern festgestellt – und dort ging es um Messwerte im Nanobereich. "Sie stellen kein Gesundheitsrisiko dar", schreiben die Warentester. Dabei muss immer auch beachtet werden, dass sich zum Beispiel eine hohe Natriumkonzentration nicht für jeden eignet. Babynahrung etwa sollte mit natriumarmem Wasser zubereitet werden.

Schlechte Öko-Bilanz

Bleibt die Natürlichkeit als Alleinstellungsmerkmal. Aber auch hier stehen die Luxus-Wässer nicht allzu gut, zumindest wenn man darunter auch Nachhaltigkeit versteht. Als "Umweltsünde" bezeichnete die Verbraucherzentrale Hamburg im Juni 2016 die von ihr ausgerufene "Mogelpackung des Monats": eine Mineralwasserflasche des Herstellers Danone Waters. Der hatte bei seiner Marke Evian eine Preiserhöhung von rund 50 Prozent durchgesetzt, indem zum einen die Füllmenge reduziert und zum anderen der Preis im Supermarkt erhöht wurde. "Warum aber soll das 'Premiumwasser' aus derselben Quelle plötzlich soviel mehr kosten?", fragten die Verbraucherschützer. Zudem die Einwegflasche keine umweltfreundliche Verpackung ist.

Noch schlechter kommen in Sachen Öko-Bilanz weitgereiste Produkte weg. "Fiji-Wasser" etwa wird in Containern über Wochen nach Europa verschifft. Fürs Klima ähnlich desaströs ist der Kauf der High-End-Marke "Bling H2O", das aus den Bergen des US-Bundestaats Tennessee nach Deutschland verschickt wird. Hier brüstet sich der Hersteller, ein in Hollywood beliebter Produzent, zwar auch mit Reinheit. Das Wasser sei "neunmal gefiltert". Allerdings setzt er statt natürlicher Regenwald-Romantik auf puren Luxus: "Bling H2O" wird in mit Swarovski-Kristallen besetzte Flaschen abgefüllt. Kostenpunkt: ab 45 Euro für eine 0,75-Liter-Flasche.

Luxus als Stilfrage

Verteufeln möchte Arno Steguweit solche weitgereisten Wässer nicht pauschal. "Sie sind nicht alltagstauglich, aber als Luxusprodukt eine Frage des Stils", sagt der Sommelier. "Wir essen schließlich auch manchmal ein Rindersteak aus Argentinien, und die Kartonage dafür kommt meist aus Asien." Es wäre scheinheilig, die Globalisierung gerade beim Mineralwasser zu kritisieren. Ein Plus an Gesundheit sollten sich Freunde des wässrigen Luxus allerdings nicht erhoffen.