Vor- und Nachteile von veganem Fleisch

Sojaburger, Tofu-Teewurst, Weizenschnitzel: Vegane Alternativen sind nicht unbedingt gesünder als das tierische Original

von Anne Wüstmann, 19.05.2016

Sieht wie Fleisch aus, soll auch so schmecken: Vegane Fleischalternativen


Sie sehen aus wie Fleisch, schmecken (fast) wie Fleisch, sind aber keins: Würstchen und Schnitzel aus pflanzlichem Eiweiß, die in immer mehr Pfannen brutzeln. Denn Vegan ist Trend: Rund 900.000 Menschen in Deutschland verzichten dem Ernährungsreport des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft zufolge auf tierische Produkte. Den meisten liegen Leben und Wohl der Tiere am Herzen, viele tun es aus gesundheitlichen Gründen, manche beißen der Umwelt zuliebe in die Sojawurst.

Doch nach einem sehnen sich offenbar alle: dem vertrauten Geschmack von Fleisch. Er erinnert an Sonntage mit Bratenduft bei Oma, mundet bei Grillpartys besser als immer nur Gemüse und erhält das traditionelle, deftige Abendbrot mit Wurst und Käse. Ein Trend, der auch Industrie und Handel auf jede Menge fleischlose Ideen gebracht hat.

Während vor ein paar Jahren die vegane Wurst nur in ausgewählten Bioläden zu finden war, preisen heute sogar Discounter ihre Tofu-Bratlinge und Soja-Schnitzel an. "Es sind längst keine Nischenprodukte mehr, sie sind in den Regalen der großen Supermarktketten angekommen", bestätigt Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. Eine Folge dieser Entwicklung: Auch zunehmend mehr Nicht-Veganer verspeisen ihren Burger ab und an mit einer pflanzlichen Bulette darauf.

Die meisten Deutschen essen mehr Fleisch als empfohlen

Eigentlich begrüßenswert – wenn man bedenkt, dass bei 83 Prozent der Deutschen immer noch mehrmals pro Woche Wurst und Schnitzel auf den Tisch kommen. "Im Durchschnitt wird mehr Fleisch gegessen als die von uns empfohlene Menge von maximal 300 bis 600 Gramm pro Woche", sagt Silke Restemeyer, Ernährungsexpertin bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Fleischlose Mahlzeiten seien daher gute Alternativen. Weniger Fleisch bedeutet weniger Fett und damit weniger schädliches Cholesterin. Auch die Weltgesundheitsorganisation mahnte vor Kurzem die Verbraucher: Studien hatten gezeigt, dass der Verzehr von zu viel verarbeiteten Fleisch- und Wurstprodukten und vor allem von rotem Fleisch Krebs verursache.

Doch auch vegan bedeutet nicht automatisch gesund: Die Veggie-Industrie greift für Optik und Geschmack ihrer Fleischimitate nämlich tief in die Zutatenkiste. Um aus eher geschmacksneutralen Stoffen wie Tofu, Lupinen oder Seitan (Weizen) ein leckeres Lebensmittel zu machen, muss einiges an Gewürzen und Aromen hinzugefügt werden. Zusatzstoffe liefern außerdem die richtige Optik. Schließlich soll auch die Tofu-Streichwurst wie eine Streichwurst aussehen – so der Anspruch der Verbraucher. Das Ergebnis: klassische Fertigprodukte.

Zu viel Salz und zu viel Fett in Fleischersatz

Bereits im Frühjahr 2014 nahm die Verbraucherzentrale Hamburg veganen Fleischersatz hinsichtlich seines gesundheitlichen Nutzens unter die Lupe – mit teils ungesunden Ergebnissen: zu viel Salz, zu viel Fett. Im Oktober 2015 unterzog auch die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz Wurstersatzprodukte einem Marktcheck. Im Fokus standen Alternativen zu Brat- und Brühwürsten sowie Aufschnitt und Streichwurst. Gesamtfettgehalt, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz wurden untersucht und nach dem Ampelsystem bewertet. Bei 30 von 39 Fleisch- und Wurstalternativen leuchtet die Ampel für den Salzanteil rot, für Fett stand sie auf Gelb.

Die pflanzlichen Fleischalternativen sind sehr unterschiedlich in ihrer Qualität. Das hängt vom Verarbeitungsgrad ab", erläutert Expertin Restemeyer. "Die Produkte enthalten zwar kein Cholesterin, häufig sind aber der Salz- und Fettgehalt sowie der Anteil der Zusatz- und Konservierungsstoffe hoch." 

Ein staatliches Vegan-Siegel, das dem Verbraucher Sicherheit geben könnte, existiert nicht. Auf viele Bio-Siegel dagegen kann man mittlerweile vertrauen. Wer unbedingt Fleischersatz braucht, sollte deshalb möglichst unverarbeitete Bio-Produkte kaufen – und den Geschmack mit frischen Kräutern selbst in die Pfanne bringen. Bio-Hersteller setzen auf wenige, aber wertvolle Zutaten und verzichten auf Farb- und Konservierungsstoffe.

Risiken veganer Kost

Doch Vorsicht: Eine dauerhaft vegane Ernährung eignet sich nicht für jeden. "Insbesondere bei Menschen in sensiblen Lebensphasen wie Schwangerschaft, Stillzeit, Säuglings- und Kindesalter sprechen wir uns aufgrund der potenziell kritischen Nährstoffversorgung nicht dafür aus", sagt DGE-Expertin Restemeyer. Das Risiko für Defizite sei zu hoch.

Wer sich komplett gegen Fleisch entscheidet, sollte unbedingt seine Nährstoffzufuhr im Blick behalten. "Jeder Veganer sollte dauerhaft ein Vitamin-B12-Präparat einnehmen und gegebenenfalls zusätzlich andere kritische Nährstoffe regelmäßig durch einen Arzt überprüfen lassen", betont Restemeyer. Als potenziell kritisch stuft sie die Versorgung mit Kalzium, Eisen, Zink, Vitamin B2, Omega-3-Fettsäuren und Eiweiß ein. Ihre Empfehlung: Vor einer Umstellung auf vegane Kost ausreichend über die Nährstoffe informieren und sich vielleicht sogar von einer qualifizierten Ernährungsfachkraft beraten lassen.