Superfood Weizengras: Kein grünes Wunder

Fit und gesund dank Weizengras? Was von den grünen Halmen – ob pur, als Pulver oder Saft – zu halten ist, erklären unsere Experten

von Barbara Erbe, aktualisiert am 25.08.2016
Weizengras

Enthält reichlich Vitamine und Mineralstoffe: Weizengras


Immer mehr Lebensmittel gelten plötzlich als Superfood, darunter viele exotische. Auch Weizengras liegt im Trend. Die grünen Halme sollen zum Beispiel das Immunsystem stärken, den Cholesterinspiegel ins Lot bringen und die Sehkraft stärken.

Saft, Pulver oder pur?

Weizengras ist die grüne Weizenpflanze, bevor diese ihre typischen Ähren ausbildet. Geerntet werden die drei bis sechs Wochen alten Gräser, erläutert Dr. Stephanie Seifert vom Max Rubner-Institut für Ernährung und Lebensmittel. "Dann enthalten die jungen Halme alles, was ein Weizenkorn zum Wachsen braucht." Der Saft ist allerdings wegen der darin enthaltenen Kohlenhydrate ein guter Nährboden für Mikroorganismen und darum leicht verderblich. Deshalb wird das Gras möglichst sofort nach der Ernte getrocknet und gemahlen oder gepresst – den Saft trinkt man dann gleich.

Die Halme direkt zu verzehren, empfiehlt sich weniger, denn sie sind durch ihre faserige Konsistenz nicht gerade angenehm zu essen, für den Körper nicht optimal verwertbar und wegen der vielen Ballaststoffe für manch einen Magen-Darm-Trakt auch eine zu große Belastung. Im Handel sind deshalb neben frisch gepresstem oder tiefgefrorenem Saft auch getrocknete und gefriergetrocknete Pulver erhältlich.

"All diese Verarbeitungsformen haben mehr oder weniger die gleichen Inhaltsstoffe", erläutert Lebensmittelchemikerin Seifert. "Aber die Mengen, in denen diese noch vorhanden sind, variieren, sodass man kaum eine generelle Aussage über ihren Gehalt in Weizengrasprodukten treffen kann."

Welche Inhaltsstoffe stecken drin?

Als Anhaltspunkt geht das Max Rubner-Institut in einer Studie von folgenden Werten für getrocknetes Weizengraspulver pro 100 Gramm aus:

  • 97 Milligramm Vitamin C (empfohlene Tagesdosis*: 90-110 mg)
  • 9 Milligramm Vitamin E (empfohlene Tagesdosis*: 12 mg)
  • 1,3 Milligramm Vitamin B2 (empfohlene Tagesdosis*: 1 mg)
  • 0,9 Milligramm Vitamin B6 (empfohlene Tagesdosis*: 1,2 mg)
  • 0,4 Milligramm Vitamin B1 (empfohlene Tagesdosis*: 1 mg)
  • 320 Mikrogramm Folat/Folsäure (empfohlene Tagesdosis*: 300 Mikrogramm)
  • 2,8 Mikrogramm Vitamin B12 (empfohlene Tagesdosis*: 3 Mikrogramm)
  • Knapp 5 Mikrogramm Vitamin A (empfohlene Tagesdosis*: 0,8-0,9 Mikrogramm)
  • Knapp 0,5 Mikrogramm Vitamin D3 (empfohlene Tagesdosis*: 20 Mikrogramm)

* für Erwachsene laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung (Durschnittswerte)

Der Proteingehalt liegt zwischen 17 und 20 Prozent, der an Mineralstoffen – unter ihnen vor allem Eisen – zwischen sechs und acht Prozent. Dazu kommen knapp 12 Prozent Kohlenhydrate sowie die sekundären Pflanzenstoffe Lutein und Chlorophyll.

Im Gegensatz zum Weizenkorn ist Weizengras glutenfrei.

Wie gesund ist Weizengras?

Der Pflanzenstoff Lutein ist eng verwandt mit Beta-Carotin, dem bekannten Farbstoff in der Karotte. Lutein soll vor freien Radikalen schützen und hat möglicherweise eine Schutzfunktion für das Auge und den Sehvorgang. Chlorophyll soll beim Sauerstofftransport im Blut helfen und damit zur Bildung neuer Blutzellen beitragen. "Allerdings muss man dazu sagen, dass unser Körper den größten Teil des Chlorophylls aus dem Weizengras gar nicht aufnehmen kann und ungenutzt wieder ausscheidet", sagt Seifert. Ob die grünen Halme auf das Immunsystem oder den Cholesterinspiegel einen Einfluss haben, lässt sich derzeit noch nicht beantworten.

Die Menge an Pulver, die man täglich aufnehmen müsste, um auf die empfohlene Tagesdosis der gesunden Inhaltsstoffe (siehe Kasten oben) zu kommen, ist laut Lebensmittelchemikerin Seifert  aber sehr hoch. Zumindest, wenn das Weizengras die Hauptquelle dafür sein soll. Das braucht es aber gar nicht: "Brokkoli und Grünkohl etwa enthalten mit 100 mg Vitamin C pro 100 g noch mehr als Weizengraspulver – und sind darüber hinaus angenehmer zu essen." Auch Wiebke Franz von der Verbraucherzentrale Hessen bekräftigt: "Superfoods wie Weizengras können den Speiseplan ergänzen, aber sie sind zur Deckung des Bedarfs an Vitaminen und Mineralstoffen nicht erforderlich."

Tipps, um Weizengras selbst anzubauen

Da Weizengrasprodukte im Einkauf recht teuer sind, empfiehlt Ernährungswissenschaftlerin Franz, das Gras möglichst selbst in einer Keimbox zu züchten und dann entweder zu Saft zu pressen oder die zerkleinerten Halme wie Schnittlauch oder Petersilie über Salat, Brot oder Suppe zu streuen. "Die frischen Halme zu kochen, ist nicht sinnvoll, denn dabei werden zahlreiche der wertvollen Inhaltsstoffe zerstört." Ähnlich gilt dies auch für die Verwendung von Weizengraspulver. Je nachdem, wie und bei welchen Temperaturen es gewonnen werde, können hitzeempfindliche Vitamine verloren gehen. Obwohl Weizen in Deutschland durchaus heimisch ist, wird Weizengraspulver häufig aus Übersee importiert. "Das ist nicht nur unökologisch, es ist auch ein weitgehend unkontrollierter Markt", sagt Franz. Zudem hat Öko-Test in einem Bio-Weizengraspulver Pestizide und Mineralölspuren entdeckt und das Produkt mit "mangelhaft" bewertet.

Alternativen zu Weizengras

Die Idee, mit "Superfoods" wie Weizengras Gesundheit und Wohlbefinden zu steigern, ist einerseits richtig, andererseits aber auch wieder nicht, urteilt der Hamburger Ernährungsmediziner Matthias Riedl. Denn die Ernährung sei nur als "Konzert vieler verschiedener Nahrungsmittel, die uns mit wichtigen Nährstoffen versorgen", zu begreifen.

Einzelne Lebensmittel und deren Inhaltsstoffe derart in den Vordergrund zu stellen, wie dies beim Hype um die Superfoods geschieht, hält das Vorstandsmitglied des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner für problematisch. Denn Vitamine, Mineralstoffe und andere Inhaltsstoffe nimmt man am besten im Verbund zu sich. "Die Mischung macht's, nicht die Einzelelemente – frische Möhren oder Brokkoli sind mindestens so gesund wie ein mit Weizengras-Pulver angereicherter Drink."