Super-Food Açaí-Beere: Gar nicht so super?

Açaí-Beeren werden vielversprechende Wirkungen zugeschrieben: Sie wollen beim Abnehmen helfen oder gegen Diabetes wirken. Was wirklich dran ist an der Wunderbeere
von Saskia Dittrich, aktualisiert am 01.03.2017

Açaí-Beeren: Exotische Früchtchen

istock/Brasil2

In einer komplexen Welt wünschen wir uns einfache Antworten. Am besten sogar nur eine Antwort. Bei der Frage nach einer gesunden Ernährung häufen sich solche einfachen Antworten in letzter Zeit in Form von Super-Foods. Meist exotische, bis dahin nur wenig bekannte Lebensmittel, die besonders nährstoffreich und besonders gesund sein sollen. Das verlockende Marketing-Versprechen ist immer ähnlich: Essen wir das Super-Food, bleiben wir gesund. Ganz einfach.

Saft oder Pulver

Eines dieser vermeintlichen Super-Foods ist die sogenannte Açaí-Beere (sprich "Assa i"), die im südamerikanischen Amazonasgebiet beheimatet ist. Dort wächst sie an einer Palme, die bis zu 25 Meter hoch wird. Die Früchte sehen Heidelbeeren ähnlich, sind aber etwas größer und rot-schwarz. Zu 90 Prozent besteht die Açaí aus dem Kern. Brasilianische Bauern entkernen die Frucht und stellen daraus in der Regel einen zähflüssigen Fruchtsaft her, daneben wird sie auch als Pulver angeboten.

Wunder beim Abnehmen? Eher nicht!

In Deutschland gibt es die teilweise teuren Endprodukte ausschließlich über den Versand-Handel und in manchen Reformhäusern. Auf Amazon oder in kleinen Online-Shops bieten die Vertriebe die Açaí etwa in Form von Trockenfrüchten, Säften, Lutschbonbons und Fruchtaufstrichen an. Wer möchte, kann sich die exotische Frucht nicht nur aufs Brot, sondern auch ins Gesicht schmieren. Denn inzwischen findet sich die Açaí auch in zahlreichen Anti-Aging-Produkten. Eine Feuchtigkeitscreme kostet 10 bis 20 Euro pro 30 Milliliter. Die Erwähnung der Açaí in einer Sendung von US-Talk-Ikone Oprah Winfrey 2009 genügte, um einen regelrechten Hype um die Beere auszulösen. Dass sich die Talk-Masterin später von der Nutzung ihres Namens für Açaí-Produkte distanzierte, tat der öffentlichen Begeisterung für die Frucht keinen Abbruch.

Auch in der Wissenschaft scheint die Beere in den letzten zehn Jahren einen Aufschwung zu erleben. Tatsächlich ist die Açaí die zur Zeit meist erforschte Beere weltweit. Viele Studien, darunter auch welche für die Lebensmittel- und Pharma-Industrie, belegen allerlei vermeintlich positive Effekte, die die Beere auf die Gesundheit haben soll.

Besonders gesund soll die Beere wegen ihres hohen Gehalts an Anthocyanen sein, eine Form von Antioxidantien. Diese Substanzen hemmen die Bildung von sogenannten freien Radikalen, die bei der Entwicklung von diversen Krankheiten eine Rolle spielen sollen, wie zum Beispiel Diabetes oder Arteriosklerose. Antioxidantien gelten schon länger als zellschützende Stoffe. Allerdings wurde ihre tatsächliche Wirksamkeit beim Menschen bisher nur ungenügend bewiesen.

Aber auch beim Abnehmen soll die Beere helfen. Dabei enthält sie relativ viel Fett, anteilig etwa so viel wie Avocados. Açaí-Anbieter werben damit, dass die Frucht den Hunger zügeln und den Stoffwechsel ankurbeln soll. Studien, die das belegen würden, gibt es allerdings nicht.

Harald Seitz ist Ernährungswissenschaftler beim aid Infodienst für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz

aid infodienst e.V. / MICHAEL EBERSOLL

Studien belegen keine Wirkung am Menschen

Diese Studienergebnisse werden gern in Berichten über die Açaí zitiert, um ihre gesunde Wirkung zu belegen. Doch fast alle Studien wurden bisher nur an Zellkulturen oder Tieren durchgeführt. Die Ergebnisse können aber nicht direkt auf den Menschen übertragen werden.

Ernährungswissenschaftler Harald Seitz vom aid-Infodienst sieht die Studien aus einem weiteren Grund kritisch: "Der Fehler bei ganz vielen Studien ist, dass man nur eine bestimmte Sache untersucht und daraus direkte Schlüsse zieht." Das heißt, im Labor herrschen gänzlich andere Bedingungen als in unserem Alltag. Das ist generell ein Problem bei Studien zur Ernährung: Niemand ernährt sich ausschließlich von Açaí-Beeren. Wechselwirkungen mit anderen Lebensmitteln, die wir zu uns nehmen, werden im Labor ausgeblendet. "Wenn Sie ein mit Rohrzucker gesüßtes Müsli essen und da ein paar Açaí-Beeren darauf streuen, werden Sie davon weder schön, noch schlank, noch alt" sagt Seitz.

Reich an Vitaminen und Mineralstoffen

Dennoch loben Experten die Frucht für ihre Inhaltsstoffe: "Die Açai ist reich an Vitaminen und Mineralstoffen", erklärt Daniela Krehl von der Verbraucherzentrale Bayern. "Sie hat auch einen sehr hohen Calciumgehalt, was für Veganer sicher interessant ist."
Und der Gehalt an Antioxidantien ist bei der Açaí eben sehr hoch. "Das trifft aber auch auf viele heimische Früchte und Obst zu", erklärt Daniela Krehl. "Wenn Sie eine Tomate diesen Labor-Studien unterziehen, bekommen Sie wahrscheinlich die gleichen Ergebnisse."

Der entscheidende Vorteil bei Obst aus der näheren Umgebung: Es ist frisch. "Mit jedem Verarbeitungsschritt nimmt der Gehalt an Antioxidantien ab. Rotkohl, Heidelbeeren, Holunder können es bei der Menge an Anthocyanen locker mit der Açaí aufnehmen", meint Harald Seitz.

Dass die Açaí nun wortwörtlich in aller Munde ist, halten beide Experten für einen reinen PR-Erfolg. "Die Açaí ist exotisch, das ist sexy", kommentiert Seitz. Neben dem Marketing spielen seiner Meinung nach aber auch sozio-kulturelle Faktoren eine Rolle: "Der Mensch folgt gerne einfachen Regeln und hat gerne Orientierungspunkte." Deshalb seien die Deutschen auch so anfällig für das Superfood-Marketing und dessen Versprechen, seiner Gesundheit mit einer kleinen Beere etwas Gutes tun zu können. "Ich weiß, es ist langweilig, aber am gesündesten ist immer noch eine ausgewogene Ernährung", sagt Seitz. Das ist doch eigentlich auch eine einfache Antwort.


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