Spirulina: Wunderalge oder Humbug?

Die Blaualge Spirulina soll das Altern verlangsamen, die Abwehr stärken und sogar Krebs vorbeugen. Doch was kann das angebliche Super-Food tatsächlich – ob als Pulver oder Tablette?

von Ulrich Kraft, aktualisiert am 22.06.2016
Blaualgen

Grün gleich gesund? Spirulina wird als Superfood beworben


Chia-Samen, Acai-Beere, Matcha-Tee – die Liste der Super-Foods, denen fast wundersame gesundheitsfördernde Effekte nachgesagt werden, ist bereits ziemlich lang. Nichtsdestotrotz kommt aus Kalifornien gerade der nächste Hype: Spirulina.

Dabei handelt es sich um eine Gattung der früher oft Blaualgen genannten Cyanobakterien, die zu den ältesten Lebewesen auf der Erde gehören. Flamingos ernähren sich schon immer davon und neuerdings auch das Promi-Pärchen Gisele Bündchen und Tom Brady. Seit deren Privatkoch Anfang des Jahres verriet, dass das Supermodel und der American-Football-Star auf die Alge schwören, sind in Los Angeles‘ Bioläden die Regale mit Spirulina-Produkten angeblich wie leergefegt. In Deutschland wird das Nahrungsergänzungsmittel vor allem als Pulver und in Tablettenform verkauft.

Stärkt Spirulina das Immunsystem?

Beworben wird Spirulina als das eiweißreichste Lebensmittel überhaupt, dass sich zudem durch seinen hohen Gehalt an Vitaminen – vor allem aus dem B-Komplex – beta-Carotin, Eisen, Kalium, Selen, Magnesium und sekundären Pflanzeninhaltsstoffen wie Chlorophyll auszeichnet. Diese Substanzen sollen für mannigfaltige positive Wirkungen verantwortlich sein. Spirulina verlangsame Alterungsprozesse, stärke das Immunsystem und schütze so vor Virusinfektionen und Krebs. Zudem könnten die Algen-Präparate allergische Reaktionen abmildern, die Blutfettwerte verbessern, den Blutdruck senken und so die Gefahr von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern. Doch was ist wirklich dran an diesen Verheißungen?

Antje Gahl

Nicht viel, zumindest aus Sicht der Forschung, sagt Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Zwar gebe es Hinweise, dass Spirulina den Cholesterinspiegel senken und sich positiv auf den Blutdruck auswirken kann. Doch diese Erkenntnisse stammen aus Tierversuchen und Experimenten im Reagenzglas. "Aussagekräftige, wissenschaftliche Studien, die gesundheitsfördernde Effekte beim Menschen belegen, gibt es kaum", stellt Gahl klar. "Was da an Wunderdingen über die Algen versprochen wird, gehört deshalb eher ins Reich der Mythen."

Viel Eiweiß enthalten

Unbestreitbar ist, dass Spirulina mit rund 60 Prozent einen sehr hohen Eiweißgehalt hat. Trotzdem liefern die erhältlichen Algenpräparate selbst in der höchsten empfohlenen Dosierung nur einen Bruchteil unseres täglichen Bedarfs an Proteinen. Um diesen zu decken, muss niemand zu teuren Nahrungsergänzungsmitteln greifen. "Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Kartoffeln – selbst für Vegetarier haben wir genügend Lebensmittel, die reich an hochwertigen Proteinen sind", sagt Antje Gahl.

Spirulina enthält relativ viel Vitamin B12. Hier verweist die Ernährungswissenschaftlerin aber darauf, dass das Vitamin größtenteils in einer Form vorliegt, die vom Menschen nicht verwertet werden kann. Ähnliches gilt für das in der Alge steckende Eisen. Außerdem muss man nicht unbedingt eine Alge als Eisenquelle heranziehen. Auch herkömmliche Lebensmittel wie Fleisch, Leinsamen, Hülsenfrüchte, Kürbiskerne, Schwarzwurzeln und Spinat liefern den Mineralstoff.

Nur geringer Jodgehalt

Viele Meeresalgen haben einen sehr hohen Jodgehalt, der insbesondere für Menschen mit einer Schilddrüsenüberfunktion problematisch sein kann. Diese Gefahr besteht bei Spirulina nicht. Die Mikroalge wächst in mineralstoffreichem Süßwasser und enthält deshalb nur geringe Mengen an Jod. Alles in allem sei der Nutzen von Spirulina in Pulver-, Kapsel- oder Tablettenform mehr als fraglich, bilanziert Antje Gahl.

"Solange man für eine abwechslungsreiche, gesunde Ernährung sorgt, würde ich diese Produkte als überflüssig bezeichnen", sagt sie. Zu einem ähnlichen Schluss kommt die Stiftung Warentest, die 2011 neben Spirulina noch weitere Süßwasseralgen unter die Lupe nahm. "Es lohnt sich nicht, sein Geld für Algenpräparate auszugeben", so das Fazit der Tester. Außerdem fanden sie sogar potenziell schädliche Inhaltsstoffe.