Pilze sammeln: Vorsicht vor Vergiftungen

Speisepilze selbst sammeln sollte nur, wer sich gut auskennt. Viele sind ungenießbar, manche giftig

von Dr. Stefanie Reinberger, 02.10.2018
Pilze sammeln

Auf der Jagd nach essbaren Schätzen: Pilzsammler


Sich an der frischen Luft bewegen und anschließend einen Korb voller Leckereien nach Hause tragen: Pilze pflücken ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung, gerade jetzt im Herbst. Doch der Sammelspaß birgt auch Risiken. Wer sich ­seiner Sache nicht absolut sicher ist, läuft Gefahr, dass ein ungenießbares Exemplar ins Körbchen wandert – und somit auch in den Magen.

Verwechslungsgefahr durch Artenvielfalt

Rund 6000 Großpilzarten gibt es in Deutschland, also solche, die mit bloßem Auge als Pilze zu erkennen sind. Als sichere Speisepilze listet die Gesellschaft für Mykologie aber nur rund 200 Arten. Dem gegenüber stehen etwa 150 mehr oder minder giftige Arten, 16 davon gelten als tödlich. "Wie oft es zu Vergiftungen kommt, schwankt sehr stark", erläutert Professor Andreas Scharper vom Gift­informationszentrum Nord in Göttingen. "In guten Pilzjahren wachsen eben mehr Giftpilze, und es wird auch mehr gesammelt." Im nassen Sommer 2017 zählten die Göttinger bereits im Juli über 130 Anfragen zu möglichen Pilzvergiftungen – mehr als doppelt so viele wie in den vorhergehenden Jahren.

Es gibt vielfältige Pilzgifte, die unterschiedliche Beschwerden hervorrufen. "Das muss man aber nicht unnötig kompliziert machen, zumal 95 Prozent der lebensbedrohlichen Pilzvergiftungen in Deutschland auf das Konto des Knollenblätterpilzes gehen", erklärt Scharper.

Den Doppelgänger kennen

Vereinfacht könne man sagen: Treten nach einer Pilzmahlzeit Symptome wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auf, besteht Handlungsbedarf. "Man muss dabei auch im Auge behalten, dass die Symptome einer Pilzvergiftung oft erst einige Zeit nach dem Verzehr eintreten", betont Scharper. Beim Knollenblätterpilz beträgt die Spanne acht bis 24 Stunden.

Pilze

Besteht der Verdacht auf eine Pilzver­giftung, rät der Experte, so schnell wie möglich ein Gift­infor­mations­zentrum zu kontaktieren. Sind noch Reste der fraglichen Mahlzeit vorhanden, sollte man sie aufbewahren; ebenso Erbrochenes. "So können unsere Experten rasch ana­lysieren, ob es sich tatsächlich um ­einen Giftpilz handelt, und entsprechende Maßnahmen ergreifen", sagt Scharper. In vielen Fällen könne man Entwarnung geben – zum Beispiel wenn Eltern panisch reagieren, weil ihre Kinder beim Spielen im Garten irgendeinen unbekannten Pilz gegessen haben.

Im Zweifelsfall besser stehen lassen

Besser ist es allerdings, das Risiko einer Vergiftung von vornherein möglichst gering zu halten. "Wer Pilze sammelt, sollte sich zu 150 Prozent ­sicher sein", warnt Scharper. Experte ­Peter Karasch von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie bestätigt diese Einschätzung.

Schließlich haben die meisten Speisepilze einen giftigen oder ungenießbaren Doppelgänger. "Lassen Sie den betreffenden Pilz im Zweifelsfall lieber stehen", sagt Karasch. "Oder Sie sammeln Ihnen unbekannte Arten in einem separaten Behälter und wenden sich an einen Sachverständigen, der Ihre Funde begutachtet." Kontakt zu fachkundigen Beratern vermittelt ­­beispielsweise die Gesellschaft für Mykologie. Dort kann man sich auch zum Pilzcoach ausbilden lassen. Karasch: "Für absolute Anfänger eignen sich Schnupperkurse an den örtlichen Volkshochschulen, um einen ersten Einblick zu bekommen."

Steinpilz

Erfahrung sammeln

Bücher und Apps seien dagegen eher mit Vorsicht zu genießen. Sie können zwar vorhandenes Wissen ergänzen, Sammelerfahrung ersetzen sie jedoch nicht. "Pilze verändern sich zum Beispiel mit zunehmendem Alter und sehen bei feuchter Witterung anders aus als bei Trockenheit", erklärt Karasch. Auch der jeweilige Untergrund und die Nährstoffe, die ein Pilz aufnimmt, können seine Form und Farbe beeinflussen.

Ebenfalls wichtig zu wissen: Pilze verderben schnell – egal ob selbst gesammelt oder aus dem Supermarkt. Außerdem sind nur die wenigsten ­­Arten, etwa der Zuchtchampignon, auch roh genießbar. Daher nur frische, einwandfreie Exemplare ver­arbeiten und für mindestens 15 Minuten bei 80 Grad garen. Andernfalls drohen Unverträglichkeiten und Lebensmittelvergiftungen.

Doch bei aller berechtigten Vorsicht hält Karasch nichts von Panikmache: "Wer sich gut informiert und im Zweifelsfall einen Sachverständigen befragt, braucht sich die Freude am Pilzesammeln nicht verderben zu lassen."

Nummern für den Notfall

Die Giftnotrufzentralen erreichen Sie unter folgenden Telefonnummern:

  • Baden-Württemberg  07 61/19 24 0
  • Bayern 089/19 24 0
  • Berlin-Brandenburg 030/19 24 0
  • Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein 05 51/19 24 0
  • Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt,
  • Thüringen 03 61/73 07 30
  • Nordrhein-Westfalen 02 28/19 24 0 und 02 28/28 73 32 11
  • Hessen, Rheinland-Pfalz 0 61 31/19 24 0 und /23 24 66
  • Saarland 0 68 41/19 24 0