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Müsli-Studie: Zu viel Zucker im Regal

"Kindercerealien sind Zuckerbomben" – zu dem Fazit gelangt eine gemeinsame Studie der AOK und der GfK, bei der gut 1.400 Frühstückscerealien unter die Lupe genommen wurden

von Roland Mühlbauer, 01.04.2020
Müsli zubereiten versteckter zucker

Fast Food: Die Zubereitung eines einfachen Mahls aus Frühstückscerealien und Milch geht flott und schmeckt, aber unter Umständen bleibt davon lange etwas auf den Hüften zurück


Zu Corona-Zeiten überlegt man sich sogar den morgendlichen Gang zum Bäcker. Schließlich möchte man keine unnötigen Infektionsrisiken eingehen. Greift man also besser auf Cornflakes und Ähnliches  zurück, die sich leicht in großen Mengen bunkern lassen? Eine neue Studie der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) und der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) mahnt aus ernährungsphysiologischer Sicht eher zur Vorsicht. Zumindest sollte man genau auf die Inhaltsangaben achten, um eine zuckerarme Sorte zu finden.

Attraktive Aufmachung der Verpackung bezirzt Kinder und Eltern

Die Hersteller vieler Frühstückscerealien haben es geschafft, ihre Produkte als attraktive Alternative für einen guten Start in den Tag zu bewerben. Mit einer kindgerechten Verpackung samt aufgemalten Comicfiguren und Extras wie Sammelalbum-Stickern locken sie vor allem jungen Kunden an. Und versprechen den Eltern darüber hinaus, die Produkte seien gesund – was angesichts des hohen Zuckergehalts oft nicht zutrifft.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie, für die das Kaufverhalten von 30.000 Haushalten und der Zuckergehalt von über 1.400 Produkten ausgewertet wurde:

  • 99 Prozent der an Kinder gerichteten Cerealien haben einen höheren Zuckergehalt als die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Menge von 15 Gramm je 100 Gramm
  • Familien greifen sehr gerne zu Produkten, die sich durch Verpackungsgestaltung und Marketing gezielt an Kinder richten. Diese Kindercerealien sind aber besonders süß
  • Der durchschnittliche Gehalt an Zucker ist in den Kindercerealien mit 27 Gramm je 100 Gramm fast doppelt so hoch wie die Empfehlung der WHO
  • Das süßeste Produkt hat einen Zuckeranteil von 43 Gramm je 100 Gramm. Die süßesten 15 Einzelprodukte haben alle einen Zuckergehalt von mehr als 35 Gramm
  • Je höher der soziale Status ist, desto seltener fällt die Kaufentscheidung für ein stark gesüßtes Produkt
  • Jüngere Menschen entscheiden sich überproportional häufig für stark gesüßte Cerealien, mit steigendem Alter greifen die Käufer immer öfter zu wenig gesüßten Produkten

AOK fordert: Kindermarketing verbieten

Die Hersteller verweisen auf die Eigenverantwortung der Verbraucher. Denn der Zuckergehalt werde ja auf der Verpackung abgedruckt, so wie es die gesetzlichen Vorgaben vorsehen. "Doch die Eigenverantwortung der Verbraucher stößt an Grenzen, wenn intransparente Kennzeichnung, irreführende Werbeversprechen und psychologisch ausgefeilte Marketingkonzepte dazu beitragen, dass eben doch vor allem stark zuckerhaltige Produkte im Einkaufswagen landen", heißt es in einer Broschüre der AOK zur Studie.

Stärkere Werbe-Beschränkungen in anderen Ländern Europas

Experten fordern deshalb, an Kinder gerichtetes Marketing für ungesunde Lebensmittel zu verbieten. Verschiedene EU-Länder haben bereits vorgemacht, wie es geht: In Großbritannien und Irland ist Werbung für besonders zuckerhaltige Lebensmittel nicht erlaubt, Norwegen und Schweden untersagen sogar jegliche Werbung, die sich an Kinder richtet. Zahlreiche weitere Länder haben mittlerweile nachgezogen.

Gesundheitliche Auswirkungen des hohen Zuckerkonsums

Jeder Bundesbürger verzehrt pro Jahr im Schnitt rund 37 Kilogramm Zucker – mehr als 100 Gramm am Tag. Zu viel, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betont. Die Frühstückscerealien haben daran – vor allem in den Familien – einen erheblichen Anteil. Denn Familien greifen im Vergleich zu Haushalten ohne Kinder bei den Frühstückscerealien überdurchschnttlich häufig zu. Übermäßiger Zuckerkonsum erhöht das Risiko für Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zucker schadet den Zähnen und steht im Verdacht, süchtig zu machen.

Dr. Ingrid Peter, Vizepräsidentin des Bundesverbandes für Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), sieht deshalb raschen Handlungsbedarf: "Wir müssen den Zuckergehalt in Fertigprodukten, Softdrinks und Frühstückscerealien dringend reduzieren, um die jüngere Generation vor Adipositas und anderen ernährungsbedingten Krankheiten zu schützen. Unser Ziel sollte es sein, dass die Geschmackspräferenz ‚süß‘ sich nicht an Zucker oder Zuckerersatzstoffen festmacht. Wenn wir den Zuckergehalt nach und nach verringern, wird sich auch das Geschmacksempfinden auf `weniger süß´ umstellen."

Es geht auch anders

Dr. Kai Kolpatzik, Abteilungsleiter Prävention im AOK-Bundesverband, fordert angesichts der überzuckerten Cerealien: "Man sollte die Produzenten entsprechend der WHO-Empfehlung zu einer schrittweisen Reduzierung auf 15 Gramm Zucker pro 100 Gramm verpflichten – und das nicht nur für Kindercerealien, sondern für das gesamte Segment."

Die 15 Produkte mit dem niedrigsten Zuckergehalt, die in der Studie getestet wurden, hatten sogar nur einen Zuckergehalt von unter einem Gramm. Spitzenreiter war ein Bio-Beeren-Müsli, das gerade mal auf 0,2 Gramm Zucker pro hundert Gramm kommt. Ein genauer Blick auf die Inhaltsangaben auf der Verpackung lohnt sich also.

Die AOK-Cerealienstudie und weitere Informationen dazu finden Sie unter: www.aok-bv.de/engagement/wenigerzucker


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