Ist Milch verträglicher als gedacht?

Viele Menschen verzichten auf Milch, weil sie bei sich eine Unverträglichkeit auf Milchzucker vermuten, die Laktoseintoleranz – oft trifft das aber gar nicht zu

von Julia Rudorf, 17.04.2018

Milch trinken oder nicht? Einige Menschen sind verunsichert, ob sie ihnen guttut


Reine Geschmackssache – das ist die Milch längst nicht mehr. Während die einen keinen Tag ohne sie leben könnten, achten andere genau darauf, dass sich kein Tropfen auf ihren Teller oder in ihre Tasse verirrt. Milch scheint in Verruf geraten zu sein. Galt sie in Europa jahrhundertelang als Lebenselixier, ja gar als Heilmittel für kränkliche Kinder und Erwachsene, ist sie heute umstritten.

Bei unterschiedlichsten gesundheitlichen Problemen hören Betroffene schnell den Ratschlag, doch auf Milch zu verzichten. Extreme Gegner des tierischen Lebensmittels sind ­sogar fest davon überzeugt, dieses begünstige Allergien, Herzprobleme, Übergewicht, Übersäuerung, Gelenkschmerzen oder Akne. Sogar von Krebsleiden ist mitunter die Rede.

Milchersatzprodukte boomen

Dass die Zahl der Menschen, für die normale Milchprodukte nicht infrage kommen, wächst – dieser Eindruck entsteht auch im Supermarkt. Laktosefreie Alternativen füllen dort die Kühltheken. Gleich neben der H-Milch steht mittlerweile fast immer auch Soja-, Hafer-, Mandel- oder Reismilch.

Verbraucherzentralen gehen davon aus, dass mittlerweile jeder dritte Haushalt in Deutschland Produkte kauft, die als "laktosefrei" gekennzeichnet sind. Gleichzeitig kritisieren die Verbraucherschützer, dass mit diesem Label sogar Lebensmittel beworben werden, die von Natur aus kaum Milchzucker enthalten, zum Beispiel Hartkäse. Nicht wenige Konsumenten würden dafür unnötig Geld ausgeben. Wie die Gesellschaft für Konsumforschung GfK in einer Erhebung herausfand, haben rund 80 Prozent der Menschen, die laktosefreie Produkte kaufen, überhaupt keine Milchzuckerunverträglichkeit.

Unverträglichkeit beim Arzt feststellen lassen

Der Zucker in der Milch, die Laktose, ist nur für jene Menschen ein Pro­blem, denen ein bestimmtes Enzym fehlt: die sogenannte Laktase. Diese kann Laktose spalten. Bei Menschen mit einem Laktasemangel gelangt sie im Ganzen in den Dickdarm. Dort wird sie von Bakterien vergoren, es entstehen Gase. Die Folgen: Blähungen, Durchfall, Krämpfe.

Ob bei solchen Symptomen tatsächlich eine Laktoseintoleranz vorliegt, kann der Arzt mithilfe eines Atemtests feststellen. Für Betroffene ist es wichtig, sich laktosearm zu ernähren. Doch ein vollständiger Verzicht ist in der Regel selbst für sie nicht notwendig, geringe Mengen des Zuckers werden unter Umständen vertragen. Wie viel genau, das müssen die Patienten individuell für sich herausfinden.

Global gesehen stellen Milchtrinker eine Minderheit dar. Die meisten Menschen bilden nur im Säuglings­alter genug von dem Enzym Laktase, später wird es kaum noch produziert, es entsteht eine Intoleranz. So ist es bei etwa 75 Prozent aller Erwachsenen. Allerdings nicht bei den Nord­­europäern: Neun von zehn verfügen dank einer Genmutation auch als Erwachsene über genug Laktase und können Milch problemlos verdauen.

Vollmilch verursacht keine Pickel

Doch auch ohne diagnostizierte Unverträglichkeit ist so mancher vom Nutzen des Milchverzichts überzeugt. Etwa bei Hautkrankheiten. 2016 erschien im Fachmagazin des Amerikanischen Dermatologenverbandes eine Studie, die einen mög­lichen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Akne bei Teenagern untersuchte. Die Autoren konn­­ten nur für fettarme Milch einen schwachen Hinweis finden, für Vollmilch gar keinen.

"Es gibt bislang keine Studie, die gezeigt hätte, dass ein einzelnes Nahrungsmittel Hautprobleme wie Akne auslösen würde", sagt Professor Ulf Darsow, leitender Oberarzt der Klinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein in München.

Nahrungsumstellung auf Verdacht?

Dennoch hat er es häufig mit verunsicherten Patienten zu tun, die ihre Ernährung umstellen wollen: "Viele haben bei Hauterkrankungen zuerst Nahrungsmittel in Verdacht." Mal sei es Zucker, dann Schokolade oder  Weizen. "Oft müssen sie jedoch feststellen, dass ein Verzicht nicht die ­­erwünschte Wirkung hat", so der Dermatologe.

Ein weiterer schwerer Vorwurf der Milchgegner: Das tierische Produkt fördere Tumore. Tatsächlich spielt die Ernährung bei der Entstehung verschiedener Krebsarten eine Rolle. Der World Cancer Research Fund, eine Non-Profit-Organisation, listet die Studienergebnisse genau auf. Ein begründeter Verdacht besteht beispielsweise für Fleisch und Fleischprodukte. Beides begünstigt Darm- und Magenkrebs. Erdrückend ist die Beweislast bei Alkohol. Er fördert sieben von 18 untersuchten Krebsarten.

Milch senkt vermutlich das Darmkrebsrisiko

Milch hingegen gilt als vermutlich risikosenkend bei Darmkrebs. "Diese Einschätzungen fußen auf der Zusammenschau vieler großer Ernährungsstudien – deshalb sind sie so belastbar", erläutert Dr. Tilman Kühn, Leiter der Arbeitsgemeinschaft Ernährungsepidemiologie am Krebsforschungszentrum in Heidelberg. Lediglich bei Prostatakrebs scheint ein hoher Milchkonsum mit einem erhöhten Risiko einherzugehen. Hier sehen die Forscher einen mög­lichen Zusammenhang mit dem Kalzium, das in Milch enthalten ist. 

Bezüglich Diabetes ist Milchkonsum ebenfalls eher günstig

Auch bei anderen Krankheiten konnten große Studien eher einen positiven als einen negativen Effekt von Milch nachweisen. Das Max-Rubner-Institut in Karlsruhe beispielsweise kam nach einer Analyse 2014 zu dem Schluss, dass Milchkonsum bei Typ-2-Diabetes eher einen schützenden Effekt besitzt. Bei Herz-Kreislauf-Leiden sieht der aktuelle Forschungsstand ähnlich aus.

Doch wie verhält es sich mit dem jüngsten ­Vorwurf der Milch-Skeptiker: mit der ­Behauptung, über sogenannte Micro-RNA, also kleinste Erbgut-Bruchstücke, könne Milch von Kühen die Aktivität unseres Erbguts verändern?

Angst vor Micro-RNA unbegründet

Forscher der Technischen Universität München arbeiten seit Längerem ­­daran, die Funktion der Micro-RNA zu entschlüsseln. Vermutlich gelangt bei Kälbern am ersten Lebenstag Micro-RNA aus der Milch durch den Darm ins Blut. Ein Vorgang, der für die spätere Entwicklung des Kälbchens und sein Immunsystem eine entscheidende Rolle spiele, erklärt Michael Pfaffl, Professor am Lehrstuhl für Tier­physiologie und Immunologie. "Der menschliche Körper dagegen nimmt Micro-RNA aus der Milch praktisch nicht auf, die reinen RNA-Moleküle werden im Darm zerlegt." Die Panikmache wegen Micro-RNA in Milch sei daher unbegründet.

Natürlich könnten Milch-Verwei­gerer alternativ zu Soja-, Hafer- oder Mandelmilch greifen. Eine Micro-RNA-freie Alternative sei das jedoch nicht, betont Experte Pfaffl: "Alle Lebensmittel aus der Natur, die von Pflanzen oder Tieren stammen, enthalten diese Bestandteile." Der Mensch ist ihnen also schon länger ausgesetzt. Viel länger, als der Streit um die Milch schon dauert.