Ist Alkohol in Maßen gesund?

Wer Alkohol in moderatem Maße trinkt, lebt Statistiken zufolge länger als völlige Abstinenzler. Sind Bier und Wein also besser als ihr Ruf?

von Stephan Soutschek, aktualisiert am 24.05.2016
Frau trinkt ein Glas Wein

Bewusst genießen: Ein guter Rotwein erfreut Gaumen und Nase


Alkohol als Medizin, diese Vorstellung geistert vermutlich fast so lange durch die Welt, wie Menschen vergorene Getreidekörner oder Früchte getrunken haben. "Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneien die schmackhafteste", schrieb der griechische Philosoph Plutarch rund 100 Jahre nach Christi Geburt.

Einen wichtigen Hinweis, dass hinter der Vorstellung vom gesunden Wein mehr als nur Wunschdenken stecken könnte, lieferten – wer sonst? – die Franzosen. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts stellten Forscher nämlich verwundert fest, dass die Menschen in Frankreich bedeutend seltener einen Herzinfarkt erlitten als die Bewohner mitteleuropäischer Länder. Das war eine Überraschung. Schließlich konsumierten die Bürger der Grande Nation damals wie heute fleißig ungesunde Genussmittel wie fetthaltigen Käse, die als ungünstig für Herz und Gefäße gelten.

Schützt Wein das Herz?

Eine Erklärung für dieses sogenannte "French Paradox" war bald zur Hand: Der Rotwein musste es sein! Die Haut von roten Weintrauben enthält in großen Mengen das Polyphenol Resveratrol, das eine antioxidative Wirkung besitzen soll. Untersuchungen in verschiedenen Ländern, laut denen maßvolle Trinker länger leben als völlige Abstinenzler, schienen die positive Wirkung von Alkohol auf die Gesundheit zu bestätigen.

Doch diese Annahmen haben sich mittlerweile überwiegend als falsch erwiesen. Das "French Paradox" erklären Experten heute nicht mehr mit dem Genuss von Rotwein: "Frühere Studien hatten den mediterranen Lebensstil nicht mit eingerechnet", sagt Professor Karl Mann, Suchtmediziner am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Eine klassische Mittelmeer-Kost besteht aus viel Obst und Gemüse, Nüssen, Fisch und Olivenöl. Sie gilt als ausgesprochen herzgesund und dürfte zum Teil für die Unterschiede zwischen Mittel- und Südeuropa verantwortlich sein.

Auch der Verdacht vom günstigen Resveratrol hat sich so nicht bestätigt. Eine US-Studie fand im Jahr 2014 keinen Nutzen von hohen Resveratrol-Spiegeln für die Gesamtsterblichkeit.

Studien mit Schwächen

Aber was ist mit den Statistiken, dass moderate Trinker länger leben? Eine Untersuchung vom März 2016, die im Journal of Studies on Alcohol and Drugs erschien, kam zu dem Schluss, dass viele dieser Studien schlecht aufgebaut sind und bei den Nicht-Trinkern unterschiedliche Gruppen in einen Topf werfen.

"Abstinenzler sind häufig Ex-Alkoholiker oder Menschen mit schweren Krankheiten", sagt auch Mann. Deshalb sei es nicht verwunderlich, wenn bei einem Vergleich zwischen Wenigtrinkern und Abstinenzlern Letztere schlechter abschnitten. Tatsächlich fanden die Autoren der oben genannten Studie: Rechnet man trockengelegte Trinker aus den Abstinenzlern heraus, verschwindet der günstige Effekt von moderatem Alkoholkonsum auf die Gesamtsterblichkeit.  

Alkohol erhöht das Risiko für Herzversagen

Eine günstige Wirkung scheint es aber tatsächlich zu geben. So haben ältere Menschen mit Risikofaktoren für Gefäßkrankheiten wohl ein geringeres Risiko für ein Herzversagen. "Der Grund dafür könnte sein, dass Alkohol die Herzkranzgefäße weitet", sagt Professor Steven Dooley, Leiter der Sektion für Alkoholfolgeerkrankungen an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg.

Der Vorteil ist aber vor allem statistischer Natur und muss auf den Einzelnen nicht unbedingt zutreffen. Denn Alkohol erhöht gleichzeitig den Blutdruck – und dieser erhöht wiederum die Wahrscheinlichkeit eines Infarkts. Alkohol ist deshalb auch für Menschen mit gefährdetem Herzen nicht empfehlenswert.

Völlig risikoarmen Konsum gibt es nicht

Kurzum: Die Gesundheit entfällt als Begründung, um zu einem Glas Bier oder Wein zu greifen. "Grundsätzlich stellt jedes Alkohol-Molekül, das die Leber abbauen muss, eine Belastung für den Körper dar", sagt Dooley. Rund 200 Krankheiten sind bekannt, die von Alkoholkonsum ausgelöst oder verstärkt werden. Gesunde Menschen können das Nerven- und Zellgift zwar innerhalb gewisser Grenzen verarbeiten – siehe unten. Doch bestimmte Faktoren können die schädliche Wirkung offenbar verstärken.

Alkohol: Welche Mengen sind erlaubt?


Innerhalb bestimmter Grenzen gilt Alkoholgenuss als risikoarmer Konsum. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen empfiehlt Frauen nicht mehr als zwölf Gramm reinen Alkohol am Tag, das entspricht 0,3 Liter Bier oder einem kleinen Glas Wein. Männern sollten auf höchstens 24 Gramm kommen. Außerdem sollten zwei bis drei Tage in der Woche alkoholfrei sein, um einer Gewöhnung vorzubeugen.

"Welche Faktoren das sind, darüber wissen wir noch zu wenig", sagt Dooley. Die individuelle Verfassung des Trinkers scheint aber eine wesentliche Rolle zu spielen. Deswegen lässt sich auch nicht verallgemeinern, dass Alkoholgenuss innerhalb der Grenzen für risikoarmen Konsum auch wirklich völlig ohne Gefahren ist. Wer fast jeden Tag Bier oder Wein trinkt, gewöhnt sich an die Dosis und läuft Gefahr, mit der Zeit eine Abhängigkeit zu entwickeln.

Verschiedene Tests können bei der Einschätzung helfen, ob eine Abhängigkeit vorliegt. Einer der bekannteren ist der CAGE-Test, der nur aus vier einfachen Fragen besteht.

CAGE-Fragebogen

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Haben Sie schon einmal daran gedacht, weniger zu trinken?

Das alles muss nicht dagegen sprechen, hin und wieder am Feierabend ein Glas Wein zu genießen. Für das psychische Wohlbefinden kann das durchaus von Vorteil sein. Nur dass man seinem Körper damit einen Gefallen tut, von diesem Gedanken sollte man sich verabschieden.

Zum Abschluss noch eine Entlastung für regelmäßige, moderate Trinker: Wer sich regelmäßig ein Gläschen gönnt – aber eben nur eines –, schadet seiner Gesundheit weniger als Menschen, die Alkohol selten, dafür dann aber in großen Mengen in sich hineinschütten.