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Essgewohnheiten heute und vor 50 Jahren

Wie hat man sich früher ernährt und was essen die Menschen heute? Ernährungswissenschaftlerin Dr. Gesa Schönberger erklärt die Veränderungen unserer Essgewohnheiten und ihre Folgen

von Sophie Kelm, 23.05.2012
Frau serviert Mann Truthahn

Die perfekte Hausfrau zauberte früher jeden Sonntag einen Braten auf den Tisch


Deutschland verfettet – immer mehr Menschen leiden an Übergewicht. Vor 50 Jahren war das noch nicht so. Liegt es vielleicht daran, dass wir uns früher anders ernährt haben? Dr. Gesa Schönherr, Ernährungswissenschaftlerin und Geschäftsführerin der Dr. Rainer Wild-Stiftung, Stiftung für gesunde Ernährung in Heidelberg, beurteilt unser Essverhalten über die Jahre und die daraus resultierenden Folgen.

"In den Sechziger Jahren war es normal, dass die Frau zu Hause blieb und die Familie versorgte", so Schönberger. Die Frauen hatten mehr Zeit zum Kochen als heute und benötigten diese Zeit auch, um die Grundnahrungsmittel zu verarbeiten. In Zeiten der Lebensmittelknappheit hatten sie gelernt, quasi aus Nichts eine Mahlzeit zu zaubern. Die Kochkompetenz in dieser Zeit war hoch."

Heute arbeiten auch die Frauen

"Die Fähigkeit zu kochen hat mit den Jahren abgenommen", erzählt die Ernährungswissenschaftlerin. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen arbeiten heute sehr viele Frauen und verbringen somit deutlich weniger Zeit in der Küche – so wie die Männer. Außerdem gibt es inzwischen ein riesiges Angebot an Fertiggerichten, die selber Kochen verzichtbar machen."

Wer genau wissen möchte, was er isst, der wird eine Mahlzeit aus frischen Zutaten einem Fertiggericht grundsätzlich vorziehen. Sie oder er weiß, welche Lebensmittel im Topf sind. Außerdem: In Fertiggerichten verstecken sich oft Fette, Salz und teilweise auch Allergie auslösende Zutaten wie Nüsse oder Milch.

Früher: Drei Mahlzeiten am Tag

Früher haben die Menschen drei Mahlzeiten am Tag zu sich genommen. Und zwar in der Regel gemeinsam und zu Hause. Die Männer kamen mittags heim, die Schule endete zur Mittagszeit. Die Familie versammelte sich um den Essenstisch.

Heute nehmen viele Menschen ihr Mittagessen in der Kantine, am Arbeitsplatz oder in einem Restaurant ein. "Das liegt daran, dass die Arbeitsmobilität stark zugenommen hat", erklärt Schönberger. Die wenigsten arbeiten so nahe an ihrem Zuhause, dass sie die Mittagspause daheim verbringen können. Außerdem wäre häufig sowieso niemand da, der das Mittagessen zubereiten könnte. Auch die Kinder essen aushäusig, da die Schule oft erst nachmittags endet.

Das Frühstück ist die Mahlzeit, die noch am häufigsten zu Hause gegessen wird. Aber auch hier gibt es mehr und mehr Menschen, die ihren Kaffee und ihr Croissant unterwegs essen. Dabei ist es immer gut, sich für die Mahlzeiten bewusst Zeit zu nehmen und mit anderen Menschen gemeinsam zu essen.

Man sieht es bei vielen an der Figur: Die Snack-Kultur in Deutschland hat sich deutlich verändert. Morgens am Kiosk einen Schokoriegel, nach der Arbeit ein Pizzabaguette auf die Hand. Die Kalorien sind schnell verputzt und vergessen – und schlagen sich dennoch auf den Hüften nieder.

Nahrungsmittel haben sich verändert – heute gibt's mehr Fleisch

Die Nahrungsmittel, die auf dem Tisch landen, haben sich über die Jahre verändert. Auch das Verteilungsverhältnis ist nicht gleich geblieben. "Im Vergleich zu heute aß man früher sonntags ein kleines Stück Fleisch, etwas Gemüse und viele Kartoffeln. Heute ist der Fleischanteil größer geworden, dafür hat sich die Kartoffelmenge deutlich reduziert", so Schönberger. Diese Entwicklung ist natürlich nicht empfehlenswert. Gemüse ist gesünder als Fleisch.

Um 1970 lag der Kartoffelverzehr pro Kopf und Jahr bei 110 Kilogramm. 2005 verspeiste der Deutsche im Schnitt nur noch 75 Kilogramm. Nudeln wiederum spielten in den 60er Jahren eine sehr geringe Rolle. Damals aß man zwar auch schon Teigwaren, aber eher Klöße, Spätzle oder Maultaschen – je nach Region. Heute zählt Pasta zu den Leibspeisen der Deutschen.

Wir essen auch mehr Obst und Gemüse als früher

Obst

Der Verzehr von Obst und Gemüse hat über die Jahre zugenommen, eine positive Entwicklung. "Das liegt daran, dass heutzutage Obst und Gemüse ganzjährig verfügbar sind", erklärt Schönberger. Wir bekommen Obst und Gemüse aus dem Ausland und auch die Lagerbedingungen haben sich technisch sehr stark verbessert.

Eine nachteilige Entwicklung betrifft das Trinkverhalten: Der Konsum an Erfrischungsgetränken, Softdrinks und Säften ist deutlich angestiegen. Diese Getränke enthalten oft viele Kalorien. Das gilt auch für Säfte, die ja eigentlich einen gesunden Ruf haben. Aber gerade flüssige Kalorien, die nicht satt machen, führen zu Übergewicht. Besser: häufiger Wasser trinken.

Gesundheitliche Aufklärung hat sich verbessert

Bereits vor 50 Jahren gab es gesundheitlich aufgeklärte Menschen. "Da die Frauen ihre Rolle als Hausfrau ernst nahmen, waren sie auch damals schon daran interessiert, ihre Familie richtig und gesund zu ernähren", weiß Schönberger. Durch die Medien und das Internet ist die Gesundheitsaufklärung heutzutage allerdings sehr viel besser und verbreiteter. Hinzu kommt: Es gibt viele neue Erkenntnisse in der Ernährungsforschung.

Dass inzwischen mehr Menschen wissen, was gesunde Ernährung bedeutet, heißt noch lange nicht, dass sie ihr Wissen auch anwenden.

Aber auch Hektik und Ungeduld sind gestiegen

"Hausarbeit bedeutet tatsächlich Arbeit", so Schönberger. "Jeden Tag am Herd zu stehen empfinden viele Menschen als eintönig und anstrengend." Das war zwar auch früher schon der Fall, aber heute kann man gerade der Küchenarbeit leichter entgehen. Schnellrestaurants und Fertigprodukte haben einen enormen Absatz. Man muss nicht kochen, nicht aufräumen, nicht abwaschen – das trifft den Zeitgeist.

Viele Menschen heutzutage haben Bewegungsmangel

Außer den Essgewohnheiten hat sich über die Jahre noch ein wichtiger Punkt verändert: Wir bewegen uns immer weniger. Beinahe jeder deutsche Haushalt besitzt ein Auto, es gibt Fahrstühle und Rolltreppen. Wir telefonieren, anstatt kurz zum Kollegen ins Nachbarzimmer zu laufen. Die Zeiten, die wir vor dem Fernseher und im Internet verbringen sind drastisch gestiegen.

Der Bewegungsmangel, gepaart mit der Möglichkeit, jederzeit an alle nur erdenklichen Nahrungsmittel zu gelangen, hat dazu geführt, dass die Deutschen immer dicker werden. Wobei die Ernährung noch eine größere Rolle spielt: "Im Normalfall kann man durch gesteigerte Bewegung nicht die gleiche Gewichtsregulation erzielen, wie durch ein verändertes Essverhalten", erklärt Schönberger.

Vier Tipps für ein leichteres, gesünderes Leben

  • Öfter mal selber kochen mit frischen Zutaten
  • Weniger Fett und Zucker verwenden
  • Mehr bewegen
  • Gemeinsam essen