Clean Eating: Frisch, natürlich, gesund

Was als neuer Ernährungstrend gilt, ist eigentlich altbewährt: Unverarbeitete Lebensmittel gehören auf den Tisch. Was von dem Hype zu halten ist

von Nina Himmer, 10.05.2016

Nur frische, unverarbeitete Lebensmittel kommen bei Clean-Eating auf den Teller


Weder Konservierungsstoffe, noch Geschmacksverstärker, künstliche Aromen, Farb- oder Süßstoffe. Dafür Superfoods, selbstgemachte Smoothies, kunterbuntes Obst und Gemüse, Nüsse, Vollkorngetreide. Genau darum geht es beim Clean Eating, einem Ernährungstrend aus den USA, der in deutschen Küchen gerade immer mehr Anhänger findet – auch dank eifriger Blogger.

Wirklich neu ist nur der Name

Die Idee hinter dem Konzept ist erstaunlich simpel: Wer sich "sauber" ernährt, greift ausschließlich zu frischen und natürlichen Lebensmitteln und verzichtet auf industriell verarbeitete Produkte und Fertiggerichte. Stattdessen stehen reichlich Gemüse, Obst, Salat und Vollkornprodukte auf dem Speiseplan, die lange satt machen. Zusatzstoffe wie Zucker, Weißmehl und ungesunde Fette verschwinden so quasi nebenbei vom Speiseplan – und mit ihnen jede Menge unnötiger Kalorien. Das soll Pfunde purzeln lassen, dem Körper mehr Energie schenken und ihn vor Krankheiten bewahren.

Klingt gar nicht so neu? "Ist es auch nicht", sagt Ernährungswissenschaftlerin Kathi Dittrich vom Verband für Unabhängige Gesundheitsberatung (UGB), der Verbraucher gemeinnützig und frei von wirtschaftlichen Interessen über Ernährung informiert. Clean Eating sei lediglich ein neuer Name für ein altes Konzept. "Eigentlich handelt es sich um eine moderne Variante der altbekannten Vollwertkost", sagt Dittrich.

Einziger Unterschied: Während die in den 1980er-Jahren entstandene Vollwert-Ernährung auch viel Wert auf Ökologie, faire Wirtschaftsbeziehungen und Nachhaltigkeit legt, dreht sich beim Clean Eating alles um die Lebensmittel selbst. Da darf es auch mal exotisch werden. Food-Blogger motzen ihre Gerichte zum Beispiel gerne mit Superfoods wie Acaibeeren, Chiasamen oder Quinoa auf. Das trifft den Zeitgeist und trägt so zur Verbreitung eines Hypes bei, der viel Anklang findet.

Gesund, simpel und ausgewogen

Professor Daniel König, Ernährungsmediziner an der Universität Freiburg, findet das begrüßenswert: "Wenn ein Ernährungstrend Menschen motiviert, bewusst einzukaufen und mit frischen Zutaten zu kochen, dann ist das eine gute Sache." Für ihn spricht nichts dagegen, sich dauerhaft an den Grundsätzen des Clean Eating zu orientieren, zumal sie auch jenen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung entsprächen. "Man kann sich mit Clean Eating gesund, ausgewogen und ohne Defizite ernähren", so König. Er sieht in dem Trend eine Art Gegenbewegung zu den Entwicklungen in der modernen Nahrungsmittelindustrie. "Die Produkte sind so künstlich und verarbeitet worden, dass uns der Bezug zu natürlichen Lebensmitteln abhanden gekommen ist. Clean Eating ruft diese verlorenen Grundsätze wieder ins Gedächtnis."

Frische Zutaten statt Verzicht und Verbote

Auch die Anhänger des Ernährungstrends legen Wert darauf, dass Clean Eating kein kurzlebiger Diättrend sei, sondern eine Lebenseinstellung. Die Chance, dauerhaft "clean" zu essen ist gar nicht so gering, denn im Gegensatz zu vielen anderen Trends besteht diese Ernährungsweise nicht nur aus Verzicht und Verboten. Bei Zucker zum Beispiel gilt zwar das Credo "so wenig wie möglich", ein pauschales Verbot besteht aber nicht. Auch Fisch, Fleisch und Milchprodukte sind erlaubt. Ein echter Pluspunkt, findet Kathi Dittrich: "Clean Eating ist nicht nur hip und gesund, sondern auch alltagstauglich und einfach umzusetzen."

Tatsächlich ist die Ernährungsweise kein Hexenwerk: Auf den Teller darf alles, solange es frisch und natürlich ist. Tabu sind lediglich industrielle Lebensmittel und Fertigprodukte, außerdem raffinierter Zucker und mitunter Weißmehl. Gekocht wird mit gesunden Fetten, komplexen Kohlenhydraten und einer ausgewogenen Mischung aus Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten – und selbstverständlich in der eigenen Küche.

Das kostet zwar etwas Zeit, lohnt sich aber: "Wer selbst kocht, kann auch die Zufuhr von Zucker, Salz und Fett bestimmen", sagt König. Zu den Grundsätzen des Clean Eating gehört außerdem, mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt zu essen, sich ausreichend zu bewegen, viel Wasser zu trinken und bewusst einzukaufen. Faustregeln wie "kaufe nichts, was mehr als fünf Zutaten enthält" oder "wenn du eine enthaltene Zutat nicht kennst oder aussprechen kannst, bleibt das Produkt im Regal" helfen, auf stark verarbeitete Produkte zu verzichten.

Schön und gesund durch Clean Eating?

Ist Clean Eating also uneingeschränkt empfehlenswert? "Es gibt nichts, was dagegen spricht", sind sich beide Experten einig. Nicht bestätigen können sie hingegen die vielgepriesenen gesundheitlichen Vorteile des Ernährungsstils. Glaubt man den Anhängern, sind die Auswirkungen geradezu magisch: Klare Haut, weniger Kopfschmerzen, höhere Konzentrationsfähigkeit, ein starkes Immunsystem und eine bessere Verdauung sind nur einige der propagierten Vorteile.

Wissenschaftliche Studien, die diesen Zusammenhang eindeutig belegen, gibt es aber nicht. "Trotzdem wissen wir, dass eine ausgewogene Ernährung zum Beispiel vor Diabetes, Darmkrebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt", sagt König. So gesehen ist Clean Eating in Sachen gesunde Ernährung auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.