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Behindertenausweis bei Zöliakie: Für wen sich der Antrag lohnt

Nach der Diagnose Zöliakie fragen Betroffene oft: Brauche ich jetzt einen Behindertenausweis? Wie Sie ihn bekommen, welche finanziellen Entlastungen er bringt und welche möglichen Nachteile eine festgestellte Behinderung haben kann

von Dr. Julian Hörner, 04.07.2019

Bekomme ich wegen Zöliakie einen Behindertenausweis?

Die Diagnose Zöliakie reicht normalerweise nicht aus, um einen Schwerbehindertenausweis zu bekommen. Einen Ausweis bekommen nur Menschen, die schwerbehindert sind. Dazu muss das zuständige Versorgungsamt einen Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 feststellen. Der Behinderungsgrad ist von 10 bis 100 in Zehnerschritten gestaffelt.

In der Regel wird für die Zöliakie ein GdB von 20 festgestellt. Es gibt aber auch Fälle, in denen der GdB höher ausfällt: Beispielsweise wenn glutenfreie Kost auf Dauer nicht die Beschwerden lindert und andere Erkrankungen dazukommen. Ausgeschlossen ist das nicht. Bei einer spät erkannten Zöliakie haben viele Betroffene Folgeerkrankungen. Das kann in den Gesamt-GdB mit einfließen.

Diagnose ist nicht gleich Behinderung

Bei der Feststellung einer Behinderung geht es nicht um die Diagnose. Der Behinderungsgrad soll die Auswirkung der auf die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft widerspiegeln. Entscheidend sind die Auswirkungen einer gesundheitlichen Beeinträchtigung oder Erkrankung. Mehrere Beeinträchtigungen werden nicht einfach zusammengezählt. Die Gutachter gehen in der Regel von der schwersten Erkrankung aus. Sie berücksichtigen dabei jedoch, wie gravierend die weiteren Beeinträchtigungen sind.

Portrait Sofia Beisel DZG

Ob man den GdB feststellen lässt, müsse man ganz individuell entscheiden, findet Sofia Beisel von der Deutschen Zöliakie Gesellschaft (DZG). "Welche Erkrankungen habe ich? Was kommt noch hinzu? Wie ist auch die Entwicklung? – Spreche ich auf die Diät an oder gibt es da Probleme?" Darauf könne es keine pauschale Antwort geben. Doch wenn mehrere Beeinträchtigungen zusammenkommen, kann sich ein Antrag lohnen, so Beisel. Denn der Nachteilsausgleich ist umso höher, je höher der GdB ist. Nachteilsausgleiche sind Vergünstigungen wie beispielsweise Steuererleichterungen. Sie sollen die finanziellen Belastungen für Medikamente, Pflege oder Hilfsmittel ausgleichen, denen behinderte Menschen im Alltag ausgesetzt sind.

Bekomme ich die Mehrkosten für die glutenfreie Diät erstattet?

Normalerweise nicht. Die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG) hat im Jahr 2015 zwar ermittelt, dass Betroffene im Monat durchschnittlich 97 Euro mehr für Lebensmittel aufbringen müssen als andere Menschen. Derzeit können aber nur Menschen die Arbeitslosengeld II beziehen, einen Teil dieser Mehrkosten einfordern. Für den Antrag zur "Gewährung eines Mehrbedarfs für kostenaufwändige Ernährung" benötigen Sie ein ärztliches Attest mit der Diagnose Zöliakie.

Mein Kind hat Zöliakie. Bekomme ich mehr Kindergeld?

Nein. Eine festgestellte Behinderung hat keine Auswirkungen auf das Kindergeld. Eine Ausnahme gilt für Eltern, die Anspruch auf einen Kinderzuschlag haben. Sie können einen Mehrbedarf wegen den erhöhten Kosten der glutenfreien Diät geltend machen. Ansprechpartner für einen solchen Antrag ist die Familienkasse der Bundesagentur für Arbeit.

Habe ich durch eine Behinderung steuerliche Vorteile?

Mit der Diagnose Zöliakie allein erhalten Sie keine Steuererleichterung. In der Regel wird hier lediglich ein GdB von 20 zuerkannt. Erst ab einem GdB von 25 gibt es einen jährlichen Pauschbetrag, der von der Lohnsteuer abgezogen wird. Er liegt je nach Grad und Art der Behinderung zwischen 310 und 3700 Euro.

Was bedeutet eine Behinderung für mich am Arbeitsplatz?

Ihr Arbeitgeber erfährt zunächst nichts davon, wenn Sie Ihren GdB feststellen lassen. Den Feststellungsbescheid von der Behörde müssen Sie nirgendwo vorzeigen. Mit dem Bescheid selbst können Sie auch keinen Nachteilsausgleich im Arbeitsleben geltend machen.

Dorothee Czennia VdK

Doch unter bestimmten Voraussetzungen können Sie einen Antrag auf Gleichstellung mit schwerbehinderten Menschen stellen: Beispielsweise wenn häufige Fehlzeiten Ihren Arbeitsplatz gefährden. Dorothee Czennia vom Sozialverband VdK erklärt: "Um eine Gleichstellung zu erreichen, braucht man mindestens einen GdB von 30." Hierzu müssen Sie einen Antrag bei der Arbeitsagentur stellen. In diesem Fall erfährt Ihr Arbeitgeber von der Behinderung. Denn der Arbeitgeber sowie Betriebs- oder Personalrat und die Schwerbehindertenvertretung im Betrieb bekommen einen Anhörungsbogen zugeschickt und können dazu Stellung nehmen. "Aber der Arbeitgeber kann so etwas nicht verhindern", beruhigt Czennia. Mit der Gleichstellung genießen Sie dann den besonderen Kündigungsschutz, der auch für schwerbehinderte Menschen gilt.

Eine festgestellte Behinderung kann auf dem Arbeitsmarkt allerdings auch Nachteile haben. Noch immer schrecken viele Arbeitgeber davor zurück, behinderte oder chronisch kranke Menschen einzustellen. Oft befürchten sie, der neue Mitarbeiter könnte aufgrund seiner Erkrankung längerfristig ausfallen oder nach der Probezeit kaum mehr gekündigt werden. Gerade Arbeitssuchenden oder Berufsanfängern kann das die Chance auf den Traumjob verbauen. Entscheidend ist hier aber weniger der GdB sondern die Tatsache der Erkrankung, sagt Sofia Beisel von der DZG. "Wir empfehlen immer bei amtsärztlichen Untersuchungen nachzuweisen, dass man eine gute Compliance hat und die Diät eingehalten wird." Hierfür bietet die DZG einen Zöliakie-Pass an. "Da kann man Diagnose und Verlaufskontrolle eintragen. Damit hat man auch einen objektiven Nachweis über einen langen Zeitraum, dass die Antikörper-Werte im Normbereich sind und dass dadurch keine Schädigungen herbeigeführt werden."

Was bedeutet eine Behinderung für Versicherungen?

Bei den meisten Versicherungen, wie einer Berufsunfähigkeitsversicherung oder einer privaten Krankenversicherung, spielt der GdB keine Rolle. Doch wenn Sie eine solche Versicherung abschließen wollen, müssen sie Ihre Vorerkrankungen bei der Versicherungsgesellschaft angeben. Das kann dazu führen, dass die Versicherung teurer oder auch ausgeschlossen wird. Dorothee Czennia weiß aus Ihrem Berufsalltag beim VdK: "Wer da falsche Angaben macht, hat im Streitfall schlechte Karten beim Durchsetzen seines Anspruches."

Tipp: Sich vor der Diagnose versichern

Wenn Sie den Verdacht haben, an Zöliakie erkrankt zu sein: Schließen Sie Berufsunfähigkeitsversicherungen und andere solche private Vorsorgemaßnahmen ab, bevor der Arzt eine Diagnose erstellt hat. Sie können den Versicherungsschutz nicht verlieren, wenn Sie wirklich krank sind. In manchen Fällen können Sie die Versicherungsleistungen im Schadensfall auch nachträglich erhöhen – ohne erneuter Gesundheitsprüfung.

Wo kann ich mich beraten lassen?

Um sich beraten zu lassen, können Sie sich an Fachanwälte für Sozialrecht wenden. Im Betrieb sollen die Schwerbehinderten-Vertrauenspersonen ihren Kollegen bei der Antragstellung helfen. Kompetente Beratung und rechtlichen Beistand bekommen Sie auch bei Sozialverbänden, wie dem VdK. Als Mitglied können Sie eine kostenlose Beratung und Vertretung vor Gerichten im Sozialrecht in Anspruch nehmen. Für alle Fragen zur Zöliakie und auch allgemeine Fragen zum Thema Behindertenausweis steht die Deutsche Zöliakie Gesellschaft (DZG) für Sie bereit.