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Enzephalitis: Entzündung im Gehirn

Eine Enzephalitis kann lebensbedrohlich sein. Sie wird meist von Viren verursacht. Aber auch Bakterien, Parasiten oder eine Überreaktion der Körperabwehr sind mögliche Auslöser

von Franziska Draeger, aktualisiert am 20.12.2018
Kopfschmerzen durch Gehirnentzündung

Kopfschmerzen – nur ein mögliches Symptom bei Enzephalitis


Was ist eine Enzephalitis?

Das Gehirn ist quasi der Hochsicherheitstrakt des Körpers. Die Blut-Hirn-Schranke wehrt unerwünschte Eindringlinge wie Bakterien und Viren ab, bevor sie ins empfindliche Nervengewebe gelangen können. Doch der Schutz ist lückenhaft: Einige Erreger finden einen Weg in das Gehirn. Dort können sie eine Entzündung hervorrufen, eine Enzephalitis. Das Gewebe schwillt an, dabei können einzelne Nervenzellen absterben oder großflächige Schäden entstehen. Auch eine Hirnblutung ist eine mögliche Folge.

Babys und Kleinkinder entwickeln häufiger eine Gehirnentzündung als Erwachsene. Manchmal tritt eine Enzephalitis gemeinsam mit einer Meningitis auf. Das heißt, neben dem Gehirngewebe selbst sind auch seine Schutzhüllen, die Hirnhäute entzündet. Man spricht dann von einer Meningoenzephalitis.

Welche Ursachen gibt es?

  • Viren als Krankheitserreger

Verschiedenste Erreger können eine Enzephalitis hervorrufen. Einige sind normalerweise recht harmlos, viele Menschen tragen sie unbemerkt in sich: Herpesviren oder Zytomegalie-Viren zum Beispiel. Doch wenn die Körperabwehr geschwächt ist, können diese Erreger ins Gehirn eindringen. Auch eine Eppstein-Bar-Virus Infektion (EBV) kann eine Enzephalitis auslösen. Viele Viren, die Kinderkrankheiten verursachen, können ebenfalls eine Gehirnentzündung auslösen. Dazu gehören die Erreger von Masern, Mumps, Kinderlähmung (Polio), Röteln und Windpocken (Varizellen). Manche Viren werden von Zecken übertragen, wie beispielsweise das FSME-Virus (Auslöser für die Frühsommer-Meningoenzephalitis), die in Europa weit verbreitet ist. Auch Mücken können durch ihren Stich Viren übertragen, wie zum Beispiel die Japanische Enzephalitis, die in Teilen Asiens existiert oder die St. Louis Enzephalitis in Nord-Amerika.
Bei starker Schwächung des Immunsystems durch HIV (Humaner Immundefizienz-Virus) oder längerdauerneder Einnahme von auf das Nervensystem einwirkenden Immunsuppressiva (Medikamente, welche die Immunabwehr unterdrücken) kann es zu einer Reaktivierung des bei vielen Menschen im Gehirn vorhandenen sog. JC-Virus kommen (PML-Erkrankung, progressive multifokale Leukenzephalopathie).

  • Bakterien als Krankheitserreger

Auch verschiedene Bakterien können eine Gehirnentzündung auslösen: von Zecken übertragene Borrelien etwa, Tuberkulose- und Syphilis-Bakterien.

Häufig verläuft die bakterielle Entzündung auch abgekapselt als Hirnabszess. Dieser wird zum Beispiel oft durch Streptokokken verursacht, die mit dem Blut oder über das Ohr beziehungsweise die Nasennebenhöhlen ins Gehirn eindringen.

  • Parasiten und Pilze als Krankheitserreger

Bei immungeschwächten Personen, zum Beispiel Aids-Patienten oder Menschen, die sich gerade von einer Organtransplantation erholen, können auch größere Parasiten oder Pilze die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Hierzu gehören verschiedene Rundwürmer oder die Erreger der Toxoplasmose.

  • Autoimmunenzephalitis

Nicht immer wird eine Enzephalitis von einem Krankheitserreger verursacht. Eine Autoimmun-Reaktion kann ebenfalls die Ursache sein: Das Abwehrsystem eines Menschen greift hier das eigene Gehirn an. Dies kann durch einen Infekt oder eine sonstige Fehlaktivierung des Immunsystems ausgelöst werden (Autoimmunenzephalitis). Oder das Abwehrsystem wird durch einen Tumor, der irgendwo im Körper wächst, angestachelt.

Welche Symptome deuten auf eine Enzephalitis hin?

Die Leitsymptome einer manifesten akuten Enzephalitis sind Fieber, Bewusstseinstrübung sowie das Auftreten von neurologischen Ausfallserscheinungen wie beispielsweise Sprachstörungen, halbseitigen Lähmung, Ungeschicklichkeit beim Greifen, unsicherem Gang, aber auch Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen oder Halluzinationen. Auch epilepitsche Anfälle können auftreten. Kopfschmerzen sind oft ebenfalls vorhanden, aber nicht immer. Eine Verwirrtheit (verminderte Orientierung) und Wesensänderung (Reizbarkeit, Apathie oder Ängstlichkeit) wird häufig beobachtet. Lichtempfindlichkeit, Übelkeit und ein steifer Nacken und Rücken sind mögliche weitere Beschwerden, insbesondere wenn die Hirnhäute mitentzündet sind (Meningoenzephalitis).

Bei Babys und Kleinkindern ist eine Enzephalitis oft schwer zu erkennen. Folgende Anzeichen weisen darauf hin: Ihr Körper wirkt steif, sie schreien vermehrt und beruhigen sich nicht, wenn sie hochgenommen werden, sondern brüllen eher noch lauter. Sie trinken kaum und erbrechen sich möglicherweise. Einen weiteren Hinweis kann die Fontanelle geben, also der Bereich am Kopf eines Babys, der weicher ist als der Rest, weil sich hier die Schädeldecke erst nach zwei Jahren komplett schließt. Bei einer Hirngewebsentzündung kann sich dieser leicht nach außen wölben.

Bei chronischen Formen der Enzephalitis, die durch das Immunsystem (sogenannte Autoimmunenzephalitis) oder durch bestimmte chronische Virusinfektionen bedingt sind, kommt es häufiger zu schleichend beginnenden Symptomen. Anfangs können sich Patienten neue Informationen schlechter merken und es fällt ihnen schwerer, sich zu konzentrieren. Dazu können psychische Auffälligkeiten wie Depressionen, Halluzinationen oder Wahn kommen; schließlich zeigen die Patienten epileptische Anfälle, die sich auch nur als Dämmerzustände äußern können.

Alarmsignale für eine Enzephalitis:

Eine akute schwere Gehirnentzündung ist lebensbedrohlich und muss unverzüglich behandelt werden! Wenn Fieber und Kopfschmerzen verbunden mit einer Trübung des Bewusstseins oder einer Wesensänderung (Verwirrtheit, Gereiztheit, Gedächtnisstörungen) auftreten oder auch wenn epileptische Anfälle oder Lähmungen auftreten, muss unverzüglich eine Vorstellung in einer geeigneten Klinik erfolgen.

Blutproben

Wie stellt der Arzt die Diagnose?

Die Diagnose ergibt sich aus der Anamnese (Gespräch zur Krankengeschichte) und der körperlichen Untersuchung. Symptome wie beispielsweise eine Trübung des Bewusstseins, Lähmungen, Schwierigkeiten beim Sprechen oder sonstige Störungen der höheren Hirnfunktionen können hierdurch erfasst werden. Ein steifer Nacken ist ein weiterer Hinweis, im Allgemeinen jedoch vor allem ein Zeichen einer zusätzlichen Infektion der Hirnhäute (Meningitis).

Anschließend erfolgen Blutuntersuchungen um Entzündungszeichen oder einen Erreger nachzuweisen.  Die Diagnose kann jedoch in aller Regel erst durch die Untersuchung des "Nervenwassers" (Liquor) und dem Erregernachweis bestätigt werden. Dazu entnimmt der Arzt mit einer Nadel eine Probe im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule (Lumbalpunktion). Mit modernen dünnen Nadeln verläuft diese Untersuchung meist ohne Komplikationen oder starke Schmerzen. Aus dem Liquor kann dann der Erreger identifiziert werden.

Ergänzend wird eine Magnet-Resonanztompgraphie (MRT) des Schädels durchgeführt um mögliche Veränderungen im Gehirn oder eine Gewebeschwellung (Hirndruckzeichen) sichtbar zu machen. Auch eine Computertomographie des Schädels (CCT) kann am Anfang der Behandlung anstelle einer MRT-Untersuchung zum Ausschluß einer akuten Hirnschwellung eingesetzt werden, da eine Computertomographie meist rascher und breiter verfügbar ist. Die Ableitung der Hirnströme (EEG) kann Verlangsamungen in den betroffenen Hirnregionen zeigen, manchmal können auch zackenartige Veränderungen der Hirnströme (sogenannte Epilepsie-Potentiale) als Hinweis für eine Neigung zu epileptischen Anfällen gefunden werden.

Intravenöse Infusion

Therapie bei Enzephalitis

Ein Patient mit Enzephalitis muss unbedingt stationär behandelt werden, und zwar idealerweise in einem spezialisierten Krankenhaus (Neurologische Abteilung einer Klinik oder spezialisierte Kinderklinik). Die Therapie umfasst Bettruhe, Fiebersenkung, Flüssigkeitsgabe und Schmerzmittel. Zusätzlich können Medikamente gegen epileptische Anfälle und Beruhigungsmittel gegeben werden. In schweren Fällen liegen Patienten während der Erkrankung auf einer Intensivstation.

Gegen die Erreger verordnen Ärzte passende Medikamente: Bestimmte Formen der Virus-Enzephalitis (Herpes-Viren) müssen unverzüglich mit einem starken Virus-hemmenden Mittel (meistens Aciclovir) therapiert werden. Gegen andere Formen der Virus-Enzephalitis, wie zum Beispiel bei FSME, gibt es noch keine wirksamen Virus-hemmenden Medikamente. Bei einer durch Bakterien oder Parasiten verursachten Gehirnentzündung kommen Antibiotika beziehungsweise Pilzhemmende-Medikamente (Antimykotika) zum Einsatz. Ist die Enzephalitis durch eine Autoimmunreaktion entstanden, wird das Immunsystem durch die Gabe von Kortison in hoher Dosis über die Vene (intravenös) unterdrückt. Hinzu kommen weitere Verfahren wie die intravenöse Gabe von Immunglobulinen oder Blutwäsche-Verfahren.

Prognose: Wie sind die Heilungsaussichten?

Die akute Gehirngewebsentzündung mit Fieber dauert etwa ein bis zwei Wochen. Sie kann unterschiedlich schwer verlaufen. Manchmal ist sie mild, der Patient ist danach schnell wieder auf den Beinen. Nach einer schweren Entzündung kann es Monate dauern, bis sich der Betroffene wieder vollständig erholt hat. Manche Patienten müssen mit bleibenden Schäden leben: Sie sehen oder hören schlechter als zuvor, haben Probleme, sich zu konzentrieren oder sich an bestimmte Dinge zu erinnern. Auch Schwierigkeiten beim Sprechen oder Gehen können zurückbleiben. Wird eine schwere Enzephalitis nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, kann sie tödlich verlaufen.

Eine Frau wird geimpft

Kann man einer Enzephalitis vorbeugen?

Gegen viele Viren, die eine Enzephalitis auslösen können, gibt es wirksame Schutzimpfungen: Masern, Mumps, Röteln, Windpockenvirus (Zoster), Kinderlähmung, FSME, Influenza. Der Arzt berät dazu. Gegen die ebenfalls von Zecken übertragenen Borrelien kann man sich zwar nicht impfen lassen, hier hilft es jedoch, nach einem Tag an der frischen Luft die Haut nach Zecken abzusuchen. Wenn man sie möglichst früh entfernt, sinkt das Infektionsrisiko. Vor einem Urlaub sollte man sich genau informieren, welche Schutzimpfungen für das Reiseziel empfohlen werden.

Prof. Dr. Matthias Reinhard

Unser beratender Experte

Professor Dr. Matthias Reinhard ist Chefarzt der Neurologischen Klinik am Klinikum Esslingen. Sein Schwerpunkt liegt auf der neurologischen Akut- und Intensivmedizin.

Quellen:

  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V. (AWMF), Häusler et al., S1-Leitlinie Nicht-eitrige ZNS Infektionen von Gehirn und Rückenmark im Kindes- und Jugendalter, gültig bis 31. Mai 2019; https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/022-004l_S1_Nicht-eitrige_ZNS_Infektionen_Gehirn_Rueckenmark_Kinder_Jugendliche_2015-12.pdf (abgerufen am 5. Juli 2018)
  • Stephen J Gluckman, MD, "Viral encephalitis in adults", ed. UpToDate. Waltham, MA: UpToDate Inc. http://www.uptodate.com (abgerufen am 05. Juli 2018)
  • Hordur S Hardarson, MD, "Acute viral encephalitis in children: Clinical manifestations and diagnosis", ed. UpToDate. Waltham, MA: UpToDate Inc. http://www.uptodate.com (abgerufen am 05. Juli 2018)
  • Thomas P Monath, MD, FACP, FASTMH, "St. Louis encephalitis", ed. UpToDate. Waltham, MA: UpToDate Inc. http://www.uptodate.com (abgerufen am 11. Juli 2018)

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.