Thermalbäder: Die Heilkraft warmen Wassers

Im Thermalwasser entspannten schon die alten Römer. Doch hat das Baden tatsächlich medizinische Effekte?

von Kathrin Schwarze-Reiter, 25.10.2018
Bad füssing

Nass zieht an: Thermalbäder wie die Therme Eins in Bad Füssing haben viele Freunde


Eigentlich suchten die Arbeiter im niederbayerischen Füssing nach Öl. Doch als sie in den Boden bohrten, sprudelte ihnen aus der Tiefe statt des schwarzen Goldes heißes Wasser entgegen. Niemand ahnte damals, dass dieser Fund den Ort im Süden Deutschlands eines Tages berühmt machen würde. Jahrzehnte nach der Entdeckung der Thermalwasserquelle wurde Bad Füssing zum beliebten Kurort.

Thermalquellen haben eine Mindesttemperatur

Thermalmineralwasser unterscheidet sich durch zwei Eigenschaften von normalem Grundwasser: Es ist warm und stark angereichert mit Mineralstoffen. "In Deutschland dürfen sich Wasservorkommen Thermalquellen nennen, wenn das Wasser mit mindestens 20 Grad Celsius aus der Erde sprudelt. Grundwasser hingegen hat meist nur eine Temperatur von 11 Grad", erklärt Dr. Johannes Naumann, Leiter des interdisziplinären Behandlungs- und Forschungszentrums Balneologie der Universitätsklinik Freiburg.

In Bad Füssing kommt das Wasser mit 56 Grad aus 1000 Metern Tiefe. Auf seinem Weg durch die vielen Schichten im Erdinnern reichert es sich mit Mineralstoffen an. Angetrieben von natür­licher Kohlensäure, strömt es durch Risse in der Erdkruste und löst dabei Stoffe aus dem Gestein: Mineralsalze, Gase und auch radioaktive Bestand­teile. Diese greifen die Haut aber nicht an, sondern sollen sogar Entzündungen lindern. Der Sauerstoffgehalt dagegen ist meist sehr niedrig – Kleinstlebe­wesen, Pflanzen oder Fische können darin nicht leben.

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Mehr als heißes Wasser

"Machen die Mineralstoffe mehr als ein Gramm pro Liter aus, sprechen wir in der Balneologie von Mineralwasser", so Naumann. Laut Verordnung gebe es jedoch auch Mineralwasser mit sehr wenig Mineralstoffen, was zu Verwirrung führe.

Die Balneologie lehrt die therapeutische Anwendung natürlicher Heilquellen und Heilgase. Die Grundlagen ihrer Lehre sind schon Jahrtausende alt. Bereits in der Antike wurde warmes Wasser eingesetzt, um körperliche Beschwerden zu lindern. Inzwischen haben sich viele weitere Anwendungen entwickelt. Neben Thermalbädern gibt es für Kur- und Badegäste heute auch Kneipp-Güsse, Solebäder und Thalasso-Therapien.

In Deutschland sind Thermalquellen leicht zu finden. Die Orte, wo sie sprudeln, tragen meist ein "Bad" im Namen, etwa: Bad Reichenhall, Bad Ems, Bad Steben, Bad Salzuflen oder Bad Füssing.

150 Seiten strenge Kur-Kriterien

Mit dem Namenszusatz dürfen sich Ortschaften nur schmücken, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen. Diese legt der Deutsche Heilbäderverband fest, sie umfassen über 150 Seiten. Unter anderem findet man darin die Gliederung in vier verschiedene Arten von Bädern: heilklimatische Kurorte, Kneipp-Kurorte, Seekurorte und Mineral- bzw. Moorkur­orte. Dieses Bewertungssystem ist einmalig in Europa. "Vergleichbar anspruchsvolle Kriterien gibt es nirgendwo sonst", erklärt Professor Karl Ludwig Resch vom Deutschen Institut für Gesundheitsforschung.

Aber auch in anderen Ländern sprudelt das besondere Wasser. Allein 120 Thermalquellen finden sich in der ungarischen Hauptstadt Budapest. Die Jugendstilbäder dort gehören zu den schönsten der Welt. Im türkischen Ort Pamukkale bildet der Kalk im Wasser einzigartige Terrassen mit flachen Pools. Sie gehören zum Weltkulturerbe. Die Geysire in Island schießen ihr Wasser in die Luft, in Japan ist das Baden in sogenannten Onsen tief in der Kultur verwurzelt.

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Thermalwasser inhalieren

Planschende in aller Welt glauben, ihrem Organismus mit Thermalwasser etwas Gutes zu tun. Besonders erforscht ist dieser Effekt allerdings nicht, nur wenige Wissenschaftler beschäftigen sich überhaupt mit dem Thema. Hinzu kommt: Jede Quelle ist anders. Je nach Austrittsstelle enthält sie verschiedene Stoffe – und wirkt sich damit auch unterschiedlich auf ­­Beschwerden aus.

Eines der häufigsten Krankheitsbilder, für die Thermaltherapien empfohlen werden, sind unspezifische Bewegungseinschränkungen. Das bedeutet etwa für Rückenschmerzen: Es liegt keine konkrete Ursache wie ein Bandscheibenvorfall oder ein eingeklemmter Nerv vor. "Rund ein Viertel der Deutschen leidet an unspezifischen Bewegungseinschränkungen", erklärt Gesundheitsforscher Resch. Bei den über 50-Jährigen sei es bereits jeder zweite.

Am besten zuerst mit dem Arzt sprechen

Studien liefern Hinweise darauf, dass Thermalwasser bei solchen und anderen Gesundheitsproblemen günstige Effekte haben kann, zum Beispiel bei bestimmten Hauterkrankungen und Gelenkproblemen. In Südtirol laufen derzeit Untersuchungen, wie sich die besonderen Quellen auf Atemwegserkrankungen auswirken. Die Forscher wollen der Frage auf den Grund gehen, ob Inhalationen mit Thermalwasser ergänzend zu Antibiotikatherapien zu weniger Rückfällen führen.

Gerade für Patienten mit chronischen Beschwerden gilt jedoch: einen Besuch im Thermalbad vorher mit dem Arzt absprechen. Besonders bei Herz-Kreislauf-Problemen oder Diabetes stets Rücksprache halten.

Leicht wie ein Baby

Wer in heißes Thermalwasser steigt, fühlt sich geborgen wie ein Kind im Mutterleib. Das bis zu 42 Grad warme Wasser lässt die Körpertemperatur um etwa zwei Grad steigen. Der Stoffwechsel wird angeregt, ähnlich wie bei Fieber. "Das ist ein massiver thermischer Reiz, den man durch einen Saunagang niemals erreicht", erklärt Resch, der an der Universität Dresden Vorlesungen zur Naturheilkunde hält.

Die Wärme entspannt Muskeln und Gelenke, der Blutdruck sinkt. Innere Unruhe, Stress und Erschöpfungszustände werden gelindert. Der Auftrieb des Wassers verringert zudem das Körpergewicht, man fühlt sich leicht, Schmerzen lassen nach.

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Für jedes Problem ein Wasser

Durch den Wasserdruck werden die Nieren angeregt, mehr Harn zu produzieren, sodass eingelagerte Flüssigkeit leichter ausgeschwemmt werde, so Naumann. Dadurch kann aber auch der Blutdruck sinken und der Puls steigen, was für Menschen mit Herz- oder Gefäßproblemen möglicherweise gefährlich wird.

Ein Vorteil der Bewegung im Wasser: Man arbeitet zwar immer gegen einen Widerstand, die Verletzungs­gefahr ist aber niedrig. Gerade für Schwangere, Ältere oder Menschen mit Gelenkbeschwerden kann deshalb ein Thermalwasserbecken den idealen Trainingsplatz bieten.

Zum Wasser an sich kommen dann noch Effekte der Inhaltsstoffe. Sole­bäder, die mindestens zehn Prozent Salz enthalten, sollen sich beispielsweise besonders bei Rheuma, Aller­gien, Atemwegs- und Gelenkerkrankungen eignen. Schwefel lindert unter Umständen Hautleiden wie Akne, Neurodermitis oder Schuppenflechte. Und Kohlensäure im Wasser verbessert die Durchblutung. "Sie dringt durch die Haut. Die Gefäße erweitern sich, und das Blut kann besser Sauerstoff an das Gewebe abgeben", sagt Experte Naumann.

Entspannung auch für Gesunde

Doch das Baden im Thermalwasser genießen längst nicht nur Kranke. Schon die prächtigen Bäder im alten Rom mit Schwimmbecken, Ruhebänken und Massageliegen dienten vielen zum entspannten Zeitvertreib.

Die Heilkraft der warmen Quellen ist damit auch zu einem einträglichen Geschäftsmodell geworden, von dem mittlerweile Hotels, Bäder, Restaurants und ganze Regionen profitieren. Bad Füssing zum Beispiel war einst ein Weiler mit sechs Bauernhöfen. Heute stellt der Ort eigenen Angaben zufolge rund 13 500 Betten für seine Gäste zur Verfügung.