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Resilienz: "Positiv zu bleiben ist erlernbar"

Was lässt uns gut durch die Corona-Krise kommen? Was schützt unsere Psyche und was wirkt eher destabilisierend? Der Neurowissenschaftler Raffael Kalisch untersucht das derzeit weltweit

von Elisabeth Hussendörfer, 11.05.2020

Herr Kalisch, Sie sind Professor für Bildgebung des menschlichen Gehirns an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Gründungsmitglied des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung (LIR). Ein Schwerpunkt Ihrer Forschungen ist die Resilienz, die Frage, was Menschen in Krisen widerstandsfähig macht also.

Ja, wir führen gegenwärtig eine Studie zur Bewältigung der Coronakrise durch: eine Online-Befragung in 24 Sprachen, an der weltweit bereits 17 000 Menschen teilgenommen haben. Und wir hoffen auf weitere rege Beteiligung, um möglichst viel über die verschiedenen psychologischen Schutzmechanismen zu erfahren.

Was ist das Ziel der Umfrage?

Wir wollen aus unseren Untersuchungsergebnissen Handlungsempfehlungen herleiten. Die bisherige Datenlage lenkt unseren Blick auf die positive Bewertung der Situation. Wer dazu neigt, auch in der Krise noch positive Aspekte zu sehen, und wer ein gewisses Maß an Vertrauen in ich selbst und die Zukunft aufbringen kann, der scheint unseren Erkenntnissen zufolge ganz allgemein besser gewappnet. Unsere Empfehlung fassen wir daher in den drei großen "Ps" zusammen: positiv im Denken, positiv im Reden und positiv im Handeln.

Aber hängt der Umgang mit der Krise nicht vor allem auch von der individuellen Situation ab? Ein Gastronom dürfte einen anderen Blick aufs Geschehen haben als beispielsweise ein Beamter…

Wir erheben zunächst einmal genau, welchen Belastungen die Studienteilnehmer ausgesetzt sind. Es macht ja einen Unterschied, ob ich gerade meine materielle Lebensgrundlage verliere oder ob mir einfach nur langweilig ist, weil ich ans Haus gefesselt bin.

Dann aber bereinigen wir mit statistischen Methoden diese Unterschiede um – vereinfacht gesagt – fragen zu können: Warum reagieren zwei Gastronomen, die beide gleichermaßen betroffen sind, auf unterschiedliche Weise? Wie kann es sein, dass der eine eine Depression oder Angststörung entwickelt und der andere völlig unbeeindruckt bleibt? Die individuelle Sichtweise, von uns Bewertungsstil genannt, scheint hier eine wichtige Rolle zu spielen.

Was zeichnet Menschen aus, die einen positiven Bewertungsstil von Krisen haben?

Kurz gefasst: Sie schaffen es, das Beste aus einer schlechten Situation zu machen. Es geht dabei nicht um Verharmlosung oder blinden Optimismus. Positive Bewerter sind durchaus in der Lage, Gefahren zu erkennen und darauf zu reagieren.

Zur konstruktiven Einschätzung einer Krisensituation gehört aber auch, sich auf eigene Stärken und frühere Erfolgserlebnisse zu besinnen, sich zu fragen, ob es einem nicht noch vergleichsweise gut geht und ob man dafür nicht auch dankbar sein könnte. Oder Dinge zu akzeptieren, die man nicht ändern kann und zu versuchen, aus der Situation etwas zu lernen, also auch mögliche Chancen zu erkennen. Und es geht auch darum zu sehen, dass vieles irgendwann einmal wieder vorbeigeht.

Ist das denn nicht nur normal, dass Menschen die aktuelle Situation negativ bewerten?

Es gibt fast so etwas wie einen gesellschaftlichen Zwang, Herausforderungen negativ zu sehen, und natürlich gibt es eine mediale Fokussierung auf negative Informationen. Wer in einer Situation wie der jetzigen sagt: Mir geht es gut, der macht sich fast schon verdächtig. Aber es gibt eben nicht nur den einen Weg, auf die derzeitige Situation zu schauen. Ich denke, wir dürfen und sollten uns die Freiheit nehmen, unseren eigenen Blick zu entwickeln.

Trotz Negativ-Fakten, die auf der Hand liegen?

Sorgen, Angst, Zweifel sind nützliche Stressreaktionen, die uns helfen, uns vor Gefahren zu schützen. Ohne Stress wären wir alle nicht mehr am Leben. Aber es besteht eben auch die Gefahr, Dinge überzubewerten und zu viel Energie und Zeit für die reine Gefahrenabwehr aufzuwenden. Diese Energie habe ich dann nicht mehr für Dinge, die mich weiterbringen.

Im schlimmsten Fall – und das ist eine Befürchtung, die wir gerade bei psychisch anfälligen Menschen haben – kann dies in einem Teufelskreis aus Angst, Erschöpfung, Handlungsunfähigkeit und schließlich völliger Mutlosigkeit enden. Übrigens kann man solche Abwärtsspiralen manchmal auch in ganzen Gesellschaften beobachten. Mein Eindruck ist, dass wir in Deutschland derzeit noch weit entfernt sind davon. Aber die Stimmung kann kippen.

Wenn Menschen trotz ähnlicher äußerer Umstände in Krisen so unterschiedlich reagieren: Woran liegt das?

Auch wenn es Hinweise gibt, dass ein gewisser Anteil erblich ist und ein weiterer sicherlich durch Kindheitserfahrungen geprägt wird: Ein Bewertungsstil ist kein Schicksal. Er kann sich verändern, gerade auch unter dem Eindruck von Krisen.

Machen wir uns bewusst, dass die Art, wie wir mit Herausforderungen umgehen, auch etwas mit uns, mit unserer Weltsicht und Einstellung zu tun hat. Wer bereit ist, Denkfiguren immer wieder zu hinterfragen, wer bestehende Modelle dreht und aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet, schafft Raum für neue Denkmodelle. Diese Flexibilität im Inneren ist sicher eine wichtige Grundlage für Resilienz.

Was können Menschen tun, um nicht in eine gedankliche Negativ-Spirale zu geraten, gerade in diesen Tagen?

Selektiv sein. Was lese ich? Was schaue ich mir an? Was lasse ich an Informationen rein und was nicht? Die Entscheidung darüber liegt bei mir. Auch habe ich es in der Hand, ob ich den Kontakt zu aufbauenden Menschen suche und bei energieraubenden Zeitgenossen eher bremsend bin. Wenn man sich aufmerksam beobachtet, kann man spüren, was guttut und was eher nicht.

Ich persönlich finde Biographien von Menschen, die sehr Schweres durchgemacht haben und dabei trotzdem Mut bewahrt haben, inspirierend. In "Der resiliente Mensch" befasse ich mich mit Dietrich Bonhoeffer, der im Nazi-Regime in Haft kam und wusste, dass er hingerichtet wird. Bei ihm ist auffällig, dass er nicht nur das positive Denken ganz bewusst kultiviert hat, er hat es sogar noch geschafft, andere zu ermutigen.

Am deutlichsten vielleicht in seinem Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen". Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Positives Denken erlaubt mir positives Reden und Handeln. Ich kann also auch anderen besser helfen. Umgekehrt erlebe ich mich dadurch selbst als handlungsfähig und nützlich, was wiederum mein positives Denken stärkt.

Was raten Sie Menschen, die sich dabei ertappen, in ein negatives Fahrwasser zu geraten, bei denen die Stimmung immer schlechter wird?

Neben den obigen Tipps können zum Beispiel auch psychologische Ratgeber und Internetseiten oder auch das Wahrnehmen von Angeboten psychologischer Beratungsstellen und Hotlines hilfreich sein. Das LIR bietet einen Onlinekurs an.

Eine zunehmend bessere Möglichkeit sind auch Apps fürs Smartphone, wie wir sie gerade mitentwickeln und die die Besonderheit haben, dass sie einen im Alltag erreichen und aus negativen Denkmustern rausholen können. Die Entwicklung geht sogar dahin, dass über Abfragen oder Körpersignale Zustände von Stress erkannt werden, damit die App dann in diesen Situationen Signale senden und Anregungen geben kann.

Etwa: Kannst du dich gerade mal aus der Situation rausnehmen, erstmal Luftholen? Kannst du vielleicht einen anderen Gedanken fassen, dich an vorher erlernte positive Denk- oder Verhaltensweisen erinnern? Für digital-affine Menschen sicher eine interessante Sache. Für andere vielleicht weniger.

Nicht jedem hilft jede Methode, man muss auszuprobieren und das tun, was einem hilft. Wenn nichts hilft, sollte der Gang zum Psychologen oder Psychiater nicht gescheut werden.

Ganz praktisch empfehlen wir, auf sich selbst zu achten. Dazu gehören die Pflege der körperlichen Gesundheit einschließlich Sport und Entspannungszeiten und die Bemühung um Struktur im Tagesablauf, gerade in äußerlich chaotischen Zeiten. Ein wichtiger Punkt ist daneben die Aufrechterhaltung von Sozialkontakten, auch wenn man hier derzeit ein wenig kreativ sein muss… Lassen Sie sich nicht entmutigen!


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