Extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT)

Die ESWT setzen Ärzte ein, um Nieren- und Harnleitersteine zu behandeln. Außerdem kann sie Linderung bei schmerzhaften Sehnen- und Muskelerkrankungen verschaffen

von Dr. med. Johannes Rückher, aktualisiert am 04.04.2017

Bisher erstatten die Krankenkassen eine ESWT im Bereich der Gelenke nicht


Die Extrakorporale Stoßwellentherapie (ESWT) ist ein nicht-operatives Verfahren. Außerhalb des Körpers (= extrakorporal) erzeugte Druckwellen dringen in den Körper ein, wo sie verschiedene Wirkungen entfalten.

Anwendungsgebiete der ESWT

Die ESWT kann Nieren- und Harnleitersteine zertrümmern und so eine Stauung der Harnwege vorbeugen und eventuell sogar beheben; hat ein Harnstein bereits eine Stauung der Harnwege verursacht, muss aber meist vor der ESWT eine Harnableitung über einen Stent gewährleistet werden.

Geeignet für die ESWT sind in erster Linie so genannte "Kalziumoxalatdihydrat-Steine" sowie "Ammoniumphosphat-Steine". Während sich erstere zum Beispiel durch geringe Flüssigkeitszufuhr und bestimmte Ernährungsgewohnheiten bilden können, entstehen letztere öfter im Zusammenhang mit einem Harnwegsinfekt. Ärzte empfehlen die ESWT zudem nur bei einem Steindurchmesser von bis zu maximal zwei Zentimetern.

Im Bereich der Urologie konnte sich die ESWT schon lange etablieren. In der Orthopädie ist sie bislang keine reguläre Leistung der gesetzlichen Krankenkassen, der Patient muss die Behandlung also üblicherweise selber zahlen. Hier wenden Ärzte die ESWT bei schmerzhaften Erkrankungen des Bewegungsapparates an, vor allem, wenn andere nicht-operative Therapien wie Schmerzmittel oder Krankengymnastik keine ausreichenden Erfolge zeigten. Die ESWT wird zum Beispiel bei Sehnenerkrankungen wie der Achillodynie, einer schmerzhaften Erkrankung der Achillessehne, und dem so genannten Tennisellenbogen verwendet. Auch der Fersensporn und die Kalkschulter, von Medizinern als Tendinosis calcarea bezeichnet, sind bevorzugte Einsatzgebiete.

Auch bei Schmerzen und Funktionsstörungen der Muskulatur soll die ESWT lindernde Wirkungen zeigen. Dazu zählen Verspannungen, Verhärtungen, Verkürzungen, Krämpfe und Zerrungen.

Ärzte nutzen das Verfahren zudem bei Patienten mit verzögerter Heilung eines Knochenbruchs: Die Stoßwellen sollen die Knochenneubildung fördern.

Wie funktioniert die ESWT?

Die ESWT arbeitet mit Druckimpulsen, den so genannten Stoßwellen. Sie werden zum Beispiel von Geräten mit piezoelektrischen Elementen erzeugt. Dort rufen bestimmte Quarzkristalle unter Strom mechanische Schwingungen hervor. Diese Stoßwellen breiten sich besonders gut in wasserhaltiger Umgebung aus. Dazu zählt auch der menschliche Körper. Treffen die Stoßwellen auf einen Festkörper mit deutlich höherer Dichte als das Körpergewebe, zum Beispiel auf einen Stein im Harnleiter, werden sie reflektiert. Dabei nimmt der Festkörper Energie auf, und an der Grenzfläche von Gewebe und Festkörper entstehen Zug- und Druckkräfte.

Bei der fokussierten ESWT bündelt man mehrere Stoßwellen auf den Zielbereich. So sind sie in der Lage, den Festkörper zu zerrütten, also zum Beispiel einen Nierenstein zu zertrümmern. Die Steinfragmente sind dann in der Regel klein genug, um über die Harnwege ausgeschieden zu werden. Ähnlich wie bei den Nierensteinen soll die fokussierte ESWT überschießende Verkalkungen abtragen, zum Beispiel bei Sehnenansätzen.

Die radiale ESWT schickt Druckwellen nahe der Körperoberfläche über den Körper. Dadurch wirkt sie ähnlich wie eine Massage. Therapeuten setzen sie beispielsweise bei der Behandlung von muskulären Verspannungen ein.

Welche weiteren Mechanismen die Wirkung der ESWT bei Muskeln, Sehnen und Knochen beeinflussen, ist noch Gegenstand der aktuellen Forschung. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Stoßwellen im Zielgewebe auch Nervenzellen aktivieren und körpereigene Botenstoffe freisetzen, welche Reparaturprozesse in Gang bringen und die Durchblutung fördern.

Gibt es Nebenwirkungen?

Die ESWT ist ein Verfahren, bei dem relativ wenige Nebenwirkungen und Komplikationen zu befürchten sind.

Wird die ESWT zur Behandlung eines Harnsteines eingesetzt, kann es im Anschluss an die Behandlung zu Koliken der Harnwege kommen. Außerdem können die Fragmente großer Steine den Harnabfluss erneut stören. Beides versuchen die Ärzte zu verhindern, indem sie eine Harnleiterschiene einlegen, auch Doppel-J-Katheter genannt. Einblutungen in oder um die Niere sind selten und treten in weniger als einem Prozent der Fälle auf.

Bei allen genannten Einsatzgebieten der ESWT berichten Patienten von Schmerzen während der Behandlung und winzigen Hauteinblutungen (Petechien), gelegentlich auch von Blutergüssen (Hämatomen). Diese bedürfen in aller Regel keiner weiteren Therapie.

Bei Muskel- und Sehnenerkrankungen wirkt die ESWL meist in Kombination mit anderen Therapien. Die Nebenwirkungen und der Aufwand für die Patienten sind dort im Vergleich zum urologischen Bereich meist geringer. Betroffene sollten sich zu möglichen Vor- und Nachteilen und den Kosten vorab vom Arzt beraten lassen.

Wann ist von einer ESWT abzuraten?

Eine Störung der Blutgerinnung spricht gegen den Einsatz der ESWT. Das gilt sowohl für angeborene Gerinnungsstörungen als auch für Therapien mit gerinnungshemmenden Medikamenten. Bei Schwangeren wird die Behandlung nicht vorgenommen. Vor einer ESWT von Nieren und Harnwegen sollten Harnwegsinfekte zunächst therapiert werden.
Starkes Übergewicht über 130 kg bringt häufig technische Probleme mit sich. Hier entscheiden die Ärzte im Einzelfall.

Was ist vor und nach der Untersuchung zu beachten?

Bei Patienten mit Nieren- und Harnleitersteinen dokumentieren die Ärzte im Vorfeld die exakte Lage des Steins. Dazu nutzen sie Röntgen- und Ultraschallaufnahmen. Die Abflussverhältnisse der Harnwege bildet zum Beispiel eine Computertomografie oder eine Ausscheidungsurografie ab. Diejenigen Patienten, die gerinnungshemmende Medikamente einnehmen, müssen dies rechtzeitig – je nach Vorgabe des Arztes – bereits mehrere Tage vor der ESWT unterbrechen. Wie die Ärzte im Einzelfall vorgehen, besprechen sie mit den Patienten in einem Aufklärungsgespräch. Hier sind auch die zu erwartenden Schmerzen während der Behandlung ein Thema. Zwar verzichten die Ärzte während einer ESWT in aller Regel auf eine Narkose des Patienten. Sie verabreichen aber üblicherweise Schmerzmittel. Nach der Behandlung prüft der Arzt in der Regel durch eine erneute bildgebende Untersuchung, ob die ESWT erfolgreich war und der Stein verschwunden ist.

Kommt die ESWL bei Muskel-, Sehnen- und Knochenerkrankungen zum Einsatz, braucht es dagegen meist keine speziellen Vor- und Nachuntersuchungen. Ob die Behandlung bei Einnahme von Gerinnungshemmern erfolgen kann, entscheiden die Ärzte im Einzelfall.

Harnsteine: Stehen Alternativen zur Wahl?

Insbesondere bei Harnleitersteinen oder Nierensteinen bis zu ein Zentimeter Durchmesser ist heute die so genannte Ureteroskopische Lithotripsie meist die bessere Alternative zur ESWT. Hier führen die Ärzte über die Harnwege ein Endoskop in den Harnleiter ein, um den Stein zu entfernen.

Nierensteine über zwei Zentimetern Durchmesser werden mittels der Perkutanen Nephrolithotomie (PCNL) entfernt, indem Ärzte die Niere durch die Haut mit einem Endoskop punktieren. Dieser Eingriff erfolgt unter Vollnarkose. Er eignet sich einerseits für Steine, die wegen ihrer Zusammensetzung mit einer ESWT nicht zertrümmert werden können. Aber auch bei Steinen an Stellen, wo die Bruchstücke bei einer ESWT Probleme bereiten könnten, ist die PCNL oft überlegen: Sie saugt die Reste des Steins sofort durch das Endoskop ab.

Beratende Experten:

Professor Dr. med. Christian Stief ist Facharzt für Urologie. Er habilitierte sich 1991 an der Medizinischen Hochschule Hannover. Seit 2004 steht er als Direktor der Urologischen Klinik des Klinikums der Universität München vor. Er ist Herausgeber mehrerer deutsch- und englischsprachiger wissenschaftlicher Bücher und war von 2006 bis 2012 Mitherausgeber der Fachzeitschrift European Urology.

Professor Dr. med. Markus Walther ist Orthopäde und Fußchirurg an der Schön Klinik München-Harlaching.

Quellen:
- Jocham D, Miller K (Hrsg.): Praxis der Urologie, 3. Auflage, Stuttgart Thieme-Verlag 2007
- Zwergel U (Hrsg.): Facharztprüfung Urologie, 1. Auflage, München Elsevier-Verlag 2008
- Müller C, Hofmann R, Köhrmann K et al.: Epidemiologie, instrumentelle Therapie und Metaphylaxe des Harnsteinleidens. In: Dtsch Ärztbl 2004, 101: A 1331-1336
- Deutschsprachige Internationale Gesellschaft für Extracorporale Stoßwellentherapie: DIGEST Leitlinien. Online: www.digest-ev.de/leitlinien (Abgerufen am 23.01.2014)
- Dreisilker U: Enthesiopathien, 1. Auflage, Bamberg Buchverlag Daniela 2010
- Gleitz M: Myofasziale Syndrome & Triggerpunkte, 1. Auflage, Bamberg Buchverlag Daniela 2011
- Rössler H, Rüther W: Orthopädie und Unfallchirurgie, 19. Auflage, München Elsevier-Verlag 2005
- Wirth C, Mutschler W (Hrsg.): Praxis der Orthopädie und Unfallchirurgie, 2. Auflage, Stuttgart Thieme-Verlag 2009

Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.