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Radiologie: Voll im Bilde

Vor 125 Jahren hat Wilhelm Conrad Röntgen die nach ihm benannten Strahlen entdeckt und damit die Medizin bereichert. Was damals geschah und wie Ärzte heute Bilder vom Innern ihrer Patienten machen

von Sina Horsthemke, 08.11.2020

Hätte Wilhelm-Conrad Röntgen besser Ordnung gehalten, wäre die Medizin heute vielleicht eine andere. Doch am 8. November 1895 stand im Labor des Physikers ein Fläschchen mit Bariumplatinzyanür herum. "Wie viele Kollegen experimentierte Röntgen damals mit Elektronenstrahlen", erzählt Professor Dietbert Hahn, Radiologe und Vorsitzender des Röntgenkuratoriums der Röntgen-Gedächtnisstätte in Würzburg. "Plötzlich bemerkte er, dass das Fläschchen, das in der Nähe der Röhre stand, im Dunklen leuchtete. Er stülpte einen Karton über die Röhre, doch das Bariumplatinzyanür leuchtete weiter."

Röntgen probierte es mit einem dicken Buch und schließlich mit einer Kiste aus Holz, doch nichts davon konnte an der Fluoreszenz etwas ändern. Was waren das für Strahlen, die alles durchdrangen? Um sie zu erforschen, zog sich der Physiker für die kommenden sechs Wochen in sein Labor zurück und fand Erstaunliches heraus: Die Strahlen machten auch vor dem menschlichen Körper nicht Halt.

Röntgens Ehefrau als erste Probandin

Mit diesem Wissen gelang Röntgen, was bis dahin noch keiner geschafft hatte – Bilder vom Innern eines Lebenden zu machen. "Seine Frau Bertha brachte ihm täglich Essen aus der Dienstwohnung im oberen Stock. So kam es, dass sie zur Probandin seiner Versuche wurde und von ihrer Hand das erste Röntgenbild der Welt entstand", berichtet Radiologe Hahn.

Vier Tage nach Weihnachten veröffentlichte Röntgen einen Aufsatz über seine Entdeckung. "Von da an ging die Methode um die ganze Welt", sagt Hahn. "Röntgen wollte seine Entdeckung für alle Menschen verfügbar wissen und verzichtete auf ein Patent." Der Physiker, der 1901 den Nobelpreis erhielt, soll damals gesagt haben: "Dass die Strahlen für die Medizin sinnvoll sind, kann ich mir noch nicht so richtig vorstellen." Wenn er gewusst hätte, wie sehr er sich irrte.

Heutzutage verwendete Verfahren in der radiologischen Bildgebung sind:

1. Röntgen

"Bis heute röntgen wir, wie Röntgen es tat", sagt Radiologe Prof. Dr. Dietbert Hahn, "allerdings mit einer viel geringeren Strahlendosis." 1901 dauerte es bis zu sieben Minuten, um ein Röntgenbild der Lunge anzufertigen, heute funktioniert es in Sekundenbruchteilen. Im Schnitt wird jeder Deutsche jährlich 1,7-mal geröntgt. Je dichter das Gewebe im Körper, desto heller wirkt es auf dem Röntgenbild. Knochen sind am besten darzustellen, daher röntgten Ärzte ursprünglich vor allem bei Verdacht auf einen Bruch. Während es bis in die 1960er-Jahre sogar üblich war, in Schuhgeschäften Kinderfüße zu röntgen, um die passende Schuhgröße zu ermitteln, ist die Gefahr der Strahlung heute bekannt: Unnötige Röntgenbilder macht niemand mehr.

2. Computertomographie (CT)

Beim CT erstellt ein Computer dreidimensionale Darstellungen, indem er die Bilder eines rotierenden Röntgengeräts zusammensetzt. Die erste Kopf-CT fand 1972 statt. Radiologen untersuchen per CT alle Körperpartien bei unterschiedlichen Erkrankungen: etwa den Schädel bei Verdacht auf einen Schlaganfall, die Lunge bei Verdacht auf Lungenkrebs oder den gesamten Körper von Unfallopfern oder Krebspatienten, sagt Professor. Heinz-Peter Schlemmer, Leiter der Abteilung für Radiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum. Der medizinische Nutzen rechtfertigt die höhere Strahlenbelastung, die etwa zehnmal höher als beim Röntgen ist. Die Zahl der CT-Untersuchungen stieg in Deutschland zwischen 2007 und 2016 um 45 Prozent an.

3. Magnetresonanztomographie (MRT)

Die Anfang der 1980er-Jahre entwickelte Magnetresonanztomographie basiert auf starken Magnetfeldern und elektromagnetischen Radiowellen. "Sie liefert von allen bildgebenden Verfahren den höchsten Weichteilkontrast", sagt Prof. Dr. Heinz-Peter Schlemmer vom Deutschen Krebsforschungszentrum. "Wir können damit alle Organe und den Bewegungsapparat, also Muskeln und Gelenke, untersuchen." Der größte Vorteil einer MRT: Der Patient ist keiner Strahlung ausgesetzt. In Deutschland finden jährlich rund 11 Millionen MRT-Untersuchungen statt.

4. Ultraschall

Mit Abstand am häufigsten finden Ultraschalluntersuchungen statt, bei denen Schallwellen in den Körper eindringen. "Die Methode kommt seit Anfang der 1970er-Jahre zum Einsatz", sagt Radiologe Professor Dietbert Hahn. Ultraschalluntersuchungen führen auch Ärzte durch, die keine Radiologen sind, erklärt Heinz-Peter Schlemmer aus Heidelberg: "Gynäkologen, Urologen, Chirurgen, Orthopäden und Internisten nutzen die Methode in der alltäglichen Routine." Ultraschall ist für die Patienten weder schmerzhaft noch gefährlich. Nebenwirkungen gibt es nicht.

5. Szintigraphie

Die 1956 entwickelte Szintigraphie ist eine nuklearmedizinische Untersuchung, mit der sich die Stoffwechselaktivität bildlich darstellen lässt. Ärzte nutzen das Verfahren zum Beispiel bei Tumorerkrankungen oder wenn sie bei Verdacht auf eine Überfunktion die Schilddrüse untersuchen. Dem Patienten injizieren sie zuvor ein schwach radioaktives Mittel. Das reichert sich im Gewebe an, zerfällt und setzt dabei Strahlung frei, die sich mit einer speziellen Kamera aufnehmen lässt. Die Strahlenexposition ist bei der Szintigraphie geringer als bei der CT, jedoch etwas höher als beim Röntgen. Laut Bundesamt für Strahlenschutz finden jedes Jahr 2,5 Millionen nuklearmedizinische Untersuchungen statt.


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